Filmtipp #44: Spiegelbild im goldenen Auge

Spiegelbild im goldenen Auge

Originaltitel: Reflections in a Golden Eye; Regie: John Huston; Drehbuch: Chapman Mortimer, Gladys Hill, John Huston; Kamera: Aldo Tonti; Musik: Toshirô Mayuzumi; Darsteller: Elizabeth Taylor, Marlon Brando, Brian Keith, Julie Harris, Robert Forster. USA 1967.

Reflections in a Golden Eye

Zwischen 1957 und 1972 drehte Marlon Brando einen Flop nach dem anderen. Vertragsverpflichtungen zwangen ihn unter anderem zu fünf mediokren Filmen für Universal, er drehte Schrott wie »Candy« (Regie: Christian Marquand) oder »The Chase« (Regie: Arthur Penn), seine erste (und einzige) Regiearbeit »One-Eyed Jacks« (1961) wurde von den Produzenten in einer verstümmelten Fassung auf den Markt gebracht, die hohen Produktionskosten für »Mutiny on the Bounty« (Regie: Lewis Milestone) wurden (fälschlicherweise) ihm angelastet, die Kritiker sparten — mit Ausnahme von Pauline Kael — nicht mit Häme, und er verlor mehr und mehr das Interesse an seiner Arbeit, die er nunmehr als notwendiges Übel betrachtete. Unter den 15 mehr oder weniger misslungenen Filmen, die Brando zwischen »Sayonara« (Regie: Joshua Logan) und »The Godfather« (Regie: Francis Ford Coppola) drehte, findet sich jedoch ein fast vergessenes Juwel: John Hustons bedrückend-atmosphärische Adaption von Carson McCullers’ Roman »Reflections in a Golden Eye«. Seine Verkörperung des Major Penderton gehört für viele Brando-Fans zu den besten seiner Karriere.

Schon sein erster Auftritt in »Reflections…« hat etwas Armseliges. Die Gewichte kann er zwar noch stemmen, aber seine Bewegungen haben die geschmeidige Eleganz und Erotik von einst verloren. Das verschwitzte Hemd, früher Insignie seiner enthemmten Virilität, klebt hier schmierig an seiner Brust. Die muskelbepackten Arme haben keine Kraft mehr. Die sinnlichen Lippen sind fast verschwunden zwischen zwei grimmig verzogenen Hamsterbacken. Der heiße pin-up boy der Fünfziger kommt Hustons Drama als ein in die Breite geratenes Gespenst seiner selbst daher. Seine ungezügelte Präsenz ist von einem kantigen Körper absorbiert worden, der das Klischeebild des »starken Mannes« auf erbarmungswürdige Weise zitiert. Dennoch scheint die Filmfigur mit ihrem eigenen Anblick zufrieden: Die Zähne bleckend, begutachtet sich Major Penderton nach seinem morgendlichen Krafttraining im Spiegel und schlägt sich stolz mit der Faust auf den stählernen Bauch. Die selbstverliebte Einheit mit der Imago wird jedoch schon nach wenigen Sekunden von Elizabeth Taylors spitzen Schreien aus dem Off zerstört. In einem leicht genervten Grundton teilt sie ihm mit, dass sie reiten geht. Der Zuschauer ahnt sofort, dass Mrs. Penderton ihr Vergnügen eher auf dem Rücken des Pferdes findet als an der Seite ihres Mannes.
     Hustons verkanntes Meisterwerk ist eine einzige gnadenlose Demontage von Brandos Image. In fast jeder Einstellung erfährt der Major eine neue Demütigung, seine Männlichkeit wird Stück für Stück seziert, zerlegt, geschändet. Wie immer lässt Brando sich mit seinem ganzen Körper auf das Spiel ein, der Zuschauer sieht einem Mann zu, der verzweifelt versucht, Herr über die eigene Physis zu werden. Mit Schwung will er das Pferd besteigen und landet doch nur unbeholfen im Sattel. Höhnisch folgt ihm die Kamera und zeigt Hüftringe, die sich arhythmisch zum Traben des Pferdes bewegen.
     In der gleißenden Hitze der Südstaaten nähert sich Huston seinen Figuren über deren Körper an, der Film ist über lange Passagen dialogfrei. Huston zeigt die Pendertons und ihre Nachbarn (Brian Keith und Julie Harris) in ihrer Kreatürlichkeit, lässt sie schwitzen und an unerfülltem Begehren leiden. Elizabeth Taylors vulgäre, pralle Erscheinung scheint vor Geilheit aus allen Nähten zu platzen. Hinter einem Busch treibt sie es mit ihrem Nachbarn, die anschließende Spurenbeseitigung zeugt von einer animalisch-stürmischen Begegnung. Minutenlang wischt sich Brian Keith die Lippenstiftreste vom Mund, während die Taylor ihre aufgeweichten Gesichtszüge durch ausgiebiges Schminken wieder in Ordnung bringt. Längst hat sich der Zuschauer gefragt, welche Ordnung hier eigentlich noch aufrechterhalten werden muss.
     Huston hat den Schauplatz des Films, ein amerikanisches Fort, in goldenes Licht getaucht, was dem militärischen Dasein etwas Unwirkliches verleiht. Trotz der Weite der Landschaft wirken die Figuren wie unter einer stickigen Glasglocke gefangen, der Gazeschleier der Bilder bringt die fragile Konstruktion ihrer Beziehungen umso deutlicher zum Vorschein. Wenn Brando seinen Soldaten Zucht und Ordnung predigt, verschluckt er die Silben, vernuschelt ganze Sätze, als könne er den eigenen Worten nicht mehr glauben. Major Penderton begreift langsam, dass er sich jahrelang hinter den militärischen Tugenden verschanzt hat und dass die Bewunderung für die männliche Kameradschaft nur die Maske für sein eigentliches Begehren war.
     Unerfülltes Begehren und sexuelle Frustration ist der Dreh- und Angelpunkt der mit Symbolik überladenen Geschichte. Die von Julie Harris gespielte kränkliche Nachbarin begehrt still und heimlich ihren schwulen Filipino-Hausboy (Zorro David), während ihr Mann eine Affäre mit der Taylor hat. Die wiederum wird von einem jungen Soldaten (Robert Forster) verehrt, der Nacht für Nacht in ihr Gemach schleicht, um sie im Schlaf zu beobachten. Brando, der in seinen Filmen des Öfteren unverhohlen mit den Gesten und Zeichen der Homosexualität spielte, verliebt sich ganz offen in eben diesen Mann. Sehnsüchtig verfolgt sein Blick den jungen introvertierten Soldaten, der mit sich und seinem Körper ganz eins ist. In einer geradezu phantasmagorischen Szene sehen wir den Angebeteten wie einen Faun nackt durch die Wälder reiten. Er reitet den weißen Hengst von Mrs. Penderton, den nur sie reiten kann und der ihren Gatten gerade abgeworfen hat. (Als die Taylor erfährt, dass ihr Mann versuchte, ihr Pferd zu reiten, schlägt sie mit einer Gerte auf ihn ein.) Ein Bonbonpapier, das der junge Kerl fallen lässt, streicht Brando behutsam glatt und bewahrt es in seinem Schatzkästchen auf.
     Brando, der sich immer gegen das Image des Sexsymbols wehrte und das Objektdasein verweigerte, möchte in »Reflections…« erstmalig begehrt werden — und wird keines Blickes gewürdigt. Die unstillbare Sehnsucht nach etwas, das mit dem Körper nicht zu erlangen ist. Jahrelange soldatische Zucht und Verdrängung haben diesen Körper versteinern lassen. Als Penderton sein Begehren schließlich entdeckt, kann es nicht mehr zur Hingabe, sondern nur noch zur völligen Implosion des Menschen führen. Still und qualvoll leidet er vor sich hin, Brandos Mimik ist auf einen extremen Minimalismus reduziert, so dass der Zuschauer umso mehr spürt, dass jeder kleinsten Regung eine ungeheure innerliche Bewegung vorangegangen sein muss.
     Völlig versunken in seinen Sehnsüchten, nimmt Penderton seine Umgebung immer weniger wahr. Der krachende Autounfall hinter seinem Rücken, die zum Geschehen eilenden Schaulustigen dringen nicht mehr bis ins Bewusstsein vor. In Großaufnahmen sehen wir sein Gesicht, das aus Liebeswahn zur Fratze verzerrt ist. Im Gefängnis der Lust — in der so grandiosen wie beklemmenden Schlusssequenz erleuchten Blitze Pendertons Schlafzimmer, die reflektierenden Jalousien werfen Gitter auf seine Gestalt — entdeckt er den Soldaten, der versucht, ins Haus einzudringen. Der Schimmer eines Lächelns huscht über sein Gesicht, in hilfloser, anrührender Eitelkeit streicht er sich zwei Haarsträhnen auf seiner Stirnglatze zurecht, doch das Objekt der Begierde geht durch die Schlafzimmertür seiner Frau. In stummer Eifersucht erschießt Penderton den Mann, den er liebt.

Carson McCullers war berühmt für ihren eigenwilligen Prosastil. Die Komplexität ihres 1948 erschienenen Romans auf die Leinwand zu bringen, muss eine ganz besondere Herausforderung gewesen sein. Huston und seine Co-Autoren Gladys Hill und Chapman Mortimer leisteten mit ihrer Adaption eine bewundernswerte Arbeit.
     Seinen Schauspielern ließ Huston wie üblich viel Freiraum, und Brando und Taylor dankten es ihm mit glanzvollen Leistungen, die in der Tat zu den mutigsten ihrer (sehr unterschiedlichen) Laufbahnen gehören.

Ich sah »Reflections in a Golden Eye« erstmalig, als ich um die 20 und bereits ein großer Brando-Fan war. Der Film irritierte mich, ich hielt ihn seinerzeit für überlang und belanglos. Dennoch konnte ich die Stimmung, die Huston erzeugte, nie vergessen. »Reflections…« schien traumhaft, irreal. Es ging ja auch um eine »fremde Welt«, einen hermetisch abgeriegelten Raum, in dem die Menschen wie in einem Vakuum leben. Ihr Leben zieht an ihnen vorbei, aber sie nehmen nicht teil, schauen wie ungerührte Zuschauer von außen zu, wie ihre Spiegelbilder an ihnen vorbei ziehen.
     2006 erschien »Reflections…« in den USA auf DVD, in einer Brando-Box, die damals knapp 70 Euro kostete. Die Anschaffung lohnte sich, denn erstmalig wurde der Film so transferiert, wie Huston es haben wollte. Er hatte seinerzeit auf einem speziellen Farbverfahren bestanden, das den Bildern einen goldenen Schimmer verlieh, doch nach dem erfolglosen Erststart des Films ließ Warner Bros. Kopien in gängigem Technicolor ziehen. Alle Kopien, die nach 1967 vertrieben wurden, und auch die Video-Auswertungen späterer Jahre wurden dieses interessanten Effektes beraubt. (Kein Wunder, dass mir der Film 1998/99 so belanglos vorkam.) Auf das Bestreben der Taylor hin wurde »Reflections in a Golden Eye« in Rom gedreht. Der italienische Kameramann Aldo Tonti war ein wirklicher Meister der Illusion.

Als der Film 1967 Premiere hatte, erging es ihm nicht anders als den anderen Brando-Filmen aus dieser Epoche: Er wurde nach allen Regeln der Kunst verrissen und war auch kommerziell alles andere als erfolgreich. Die Kritiken waren nicht nur schlecht, sie waren voller Verachtung für alle Beteiligten. Huston selbst verteidigte seinen faszinierenden Film noch jahrzehntelang, quasi bis zu seinem Tode, und hielt ihn für eines seiner besten Werke.

André Schneider

Advertisements