30. Januar 2017

Einen Großteil dieses Portraits schrieb ich bereits vor zehn Jahren zu Vanessa Redgraves 70. Geburtstag. Bei meiner Blog-Überarbeitung fiel es mir erneut in die Hände, und so gratuliere ich der »größten Schauspielerin unserer Zeit« (Tennessee Williams) damit heute ein zweites Mal. — Redgraves Buch »Autobiographie« eröffnete mir mit 14, 15, 16, 17 neue Horizonte und wurde mir eine Art Bibel. Ich finde heute noch, dass jeder, der ernsthaft den Beruf des Schauspielers ergreifen möchte, dieses Buch gelesen haben sollte. Ich las es in der deutschen, englischen und amerikanischen Fassung und lernte ganze Passagen auswendig. Ihre Filme sah ich (bis 1998) alle, ich sammelte sie fast manisch und studierte ihr Spiel. Für ihre Film- und Fernseharbeit erhielt sie (bis heute) 114 Auszeichnungen und Nominierungen, unter anderem einen Oscar, einen BAFTA, zwei Golden Globes, zwei Emmys und zweimal die Goldene Palme in Cannes. Die zeitgenössische englischsprachige Theaterwelt wäre ohne sie kaum denkbar, sie spielt am West End, am Broadway und tourt nach wie vor — und trotz der verdienten Anerkennung für ihre Arbeit hat sie es aufgrund ihrer unbequemen Art und ihres leidenschaftlichen politischen Engagements nie bis ganz nach oben geschafft; vielleicht entsprach ihr herbes englisches Gesicht nicht ganz den Glamour-Idealen der Traumfabrik.

Vanessa Redgrave.

Vanessa Redgrave.

Als Vanessa Redgrave heute vor 80 Jahren in Greenwich das Licht der Welt erblickte, duellierte sich ihr Vater gerade mit Laurence Olivier auf der Bühne des Old Vic. Hamlet gegen Laertes. Nach der Vorstellung trat Olivier an den Bühnenrand und verkündete, eine große Schauspielerin habe gerade das Licht der Welt erblickt, Laertes habe eine Tochter. — Als Enkelin des australischen Stummfilm-Stars Roy Redgrave und Tochter von Michael Redgrave und Rachel Kempson aufzuwachsen, das muss Segen und Fluch gewesen sein. Der Redgrave-Clan war und ist eine richtige Schauspieler-Dynastie. Vanessas jüngeren Geschwister Corin (1939-2010) und Lynn (1943-2010) wurden ebenfalls berühmte Schauspieler, ihre Töchter Natasha (1963-2009) und Joely Richardson (1965 geboren) sowie ihre Nichte Jemma Redgrave (ebenfalls Jahrgang 1965) ebenso. Ursprünglich zog es Vanessa zum Ballett, doch ihre Körpergröße von 1,80 Meter verhinderte eine dortige Karriere; kein Tänzer war kräftig genug, diese große Ballerina zu heben. Sie studierte Italienisch (und schloss mit Auszeichnung ab) und parallel dazu Schauspiel. Eine ihrer Mitschülerinnen und lebenslange Freundin war Judi Dench. 1958 begann sie ihre Bühnenkarriere, ab 1961 gehörte sie zur Royal Shakespeare Company. Mit 25 heiratete sie den bisexuellen Regisseur Tony Richardson, der 1991 an Aids starb. 1967 wurde die Ehe geschieden, nachdem Richardson ihr wegen Jeanne Moreau den Laufpass gegeben hatte.
Als Redgrave ihre Filmkarriere 1966 begann, war sie 29 Jahre alt und bereits eine etablierte Bühnengröße in ihrer Heimat. Gleich ihr erster größerer Film, Morgan — A Suitable Case for Treatment, brachte ihr eine Oscarnominierung. In rascher Folge drehte sie Blow Up, »The Sailor of Gibraltar« (Regie: Tony Richardson), »The Charge of the Light Brigade« (Regie: Tony Richardson), The Sea Gull und Isadora, für welchen sie ihre zweite Oscarnominierung erhielt. Zur selben Zeit sorgte sie als Miss Jean Brodie am West End für Furore. (Das Stück wurde später mit Maggie Smith in der Hauptrolle verfilmt.) — Während der Dreharbeiten zu ihrem ersten Hollywoodfilm, dem etwas verunglückten Musical »Camelot« (Regie: Joshua Logan), lernte sie den italienischen Schauspieler Franco Nero kennen und lieben. In diesem Film sang Vanessa erstmals und war schöner denn je. 1969 wurde der gemeinsame Sohn geboren: Carlo Gabriel Sparanero wurde später Regisseur. 1972 trennte sich das Schauspieler-Paar, um am 31. Dezember 2006, 40 Jahre nach ihrem Kennenlernen, schließlich zu heiraten.

Vanessa Redgrave war neben Jane Fonda eine der ersten prominenten Schauspielerinnen, die öffentlich gegen den Vietnam-Krieg protestierten. Ihr politisches Engagement machte sie vor allem in den Siebzigern zu einer persona non grata; sie hatte viele Feinde, vor allem natürlich unter den Rechten. Redgrave ist Trotzkistin. Sie demonstrierte gegen Nuklearwaffen und für die IRA oder Arafat und seine PLO. Seit jeher war ihr Hauptanliegen der Kampf für die Menschenrechte. 1978 nutzte sie ihre Dankesrede bei der Oscar-Verleihung — sie erhielt die Auszeichnung für ihre zu Tränen rührende Leistung in Fred Zinnemanns Frauenfilm »Julia« (1977, mit Jane Fonda) — für eine politische Rede: Sie beschimpfte die zum Großteil jüdischen Demonstranten vor der Tür, die gegen ihr Mitwirken im Dokumentarfilm »The Palestinians« (Regie: Roy Battersby) protestierten. In der Folgezeit wurde sie nur selten und unterbezahlt besetzt. Für die Hauptrolle in Agatha erhielt sie nur ca. ein Drittel der üblichen Gage. Heute engagiert sie sich vor allem gegen den Irak-Krieg und als UNICEF-Botschafterin. Ihr Engagement für Homosexuelle, gegen Aids, für Gleichberechtigung von Mann und Frau besteht weiterhin. 1997 kam heraus, dass sie auf der Abschussliste der Neo-Nazi-Gruppe »Combat« ganz oben gelistet ist.
Zwischen 1974 und 1993 war Redgrave mit Timothy Dalton liiert. In dieser Zeit entstanden einige ihrer schönsten Filme, Wetherby, »Howards End« (Regie: James Ivory) oder »Little Odessa« (Regie: James Gray) zum Beispiel. Auf der Bühne spielte sie unter anderem in »A Touch of the Poet« (O’Neill), »Orpheus Descending« (Williams), »The Lady from the Sea« (Ibsen), »John Gabriel Borkman« (Ibsen) und — Seite an Seite mit ihrer Schwester Lynn und ihrer Nichte Jemma — in »The Three Sisters« (Tschechow). 2003 erhielt sie einen Tony für ihren Auftritt in »Long Day’s Journey Into Night« (O’Neill), 2006 wählte sie das »People Magazine« unter die 100 schönsten Menschen der Welt. Ein Kompliment, das die damals 69jährige nicht ablehnen konnte. 1999 lehnte sie die Ehrung durch die Queen ab, sich »Dame Vanessa Redgrave« nennen zu dürfen. Auch den Titel »Commander of the British Empire« lehnte sie seinerzeit ab. — Eine ihrer bemerkenswertesten Leistungen brachte sie in dem TV-Film »If These Walls Could Talk 2« (Regie: Jane Anderson) aus dem Jahr 2000. Seither tritt sie ununterbrochen in Kino- und Fernsehfilmen auf, meist in kleinen, gut ausgesuchten Nebenrollen. Besondere Filme mit ihr, die man unbedingt gesehen haben sollte: Venus, Un tranquillo posto di campagna, »The Bostonians« (Regie: James Ivory), »The Devils« (Regie: Ken Russell), »Murder on the Orient Express« (Regie: Sidney Lumet), »Yanks« (Regie: John Schlesinger), »Prick Up Your Ears« (Regie: Stephen Frears) und die TV-Verfilmung von »Orpheus Descending« (Regie: Peter Hall) mit Kevin Anderson als Val Xavier.
Hiermit schließe ich für heute. Ich erspare mir und Euch an dieser Stelle die Schilderung meiner kurzen, peinlichen Begegnung mit Vanessa Redgrave in einem Flugzeug von London nach Edinburgh vor 15 Jahren und sage einfach Happy Birthday!

André

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4 thoughts on “30. Januar 2017

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