Filmtipp #160: Bella, ricca, lieve difetto fisico, cerca anima gemella

Bella, ricca, lieve difetto fisico, cerca anima gemella

Originaltitel:  Bella, ricca, lieve difetto fisico, cerca anima gemella; Regie: Nando Cicero; Drehbuch: Nando Cicero, Sandro Continenza, Gian Carlo Fusco; Kamera: Aldo Giordani; Musik: Carlo Rustichelli; Darsteller: Carlo Giuffré, Marisa Mell, Erika Blanc, Gina Rovere, Elena Fiore. Italien 1973.

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»Bella, ricca, lieve difetto fisico, cerca anima gemella« ist ein filmisches Kuriosum — und ein Widerspruch in sich: es handelt sich um eine italienische Emanzipationskomödie. Genau genommen also um eine Anti-Emanzipationskomödie. Die Emanzen, die in diesem Film präsentiert werden, entsprechen ganz dem Klischee, das Charles Bukowski mit seinem berühmten Zitat »Die Emanzipation existiert nur, um hässliche Frauen in die Gesellschaft zu integrieren« geprägt hatte. Und so lässt Regisseur Nando Cicero eine Horde brüllender, geifernder Schreckschrauben mit fettigen Haaren, unreiner Haut, verfaulten Zähnen und Schlagstöcken, mit denen sie auf das Mannsvolk eindreschen, auf den von Carlo Giuffré gespielten Michele Fiore los. Gewaltsam wird dieser von den (naturgemäß) unbefriedigten Hyänen zum Striptease gezwungen, ehe die Polizei rettend einschreitet. Inmitten dieser Furcht einflößenden Truppe sitzt, als einzige der Damen nicht in armeegrünen Hosen steckend, Paola (Mell): weiblich, zart, kultiviert, mit niedlichen Sommersprossen und in quietschbunten, von Maurizio Monteverde entworfenen Kostümen. Paola hatte die (dem Film seinen Titel gebende) Kontaktanzeige aufgegeben — »Schöne, reiche Frau mit leichtem physischen Defekt sucht verwandte Seele« —, und der Heiratsschwindler Michele hatte sich, vor allem von dem Wörtchen »reich« angesprochen, gemeldet. Doch was zum Henker hat es mit diesem »leichten physischen Defekt« auf sich? Oberflächlich betrachtet gibt es an der Physis dieser hinreißend schönen Frau nichts zu beanstanden. Im Gespräch stellt Paola die Sache klar: Infolge ihrer Emanzipation sind ihr ein paar Hoden gewachsen. In der Schweiz möchte sie das Problem in naher Zukunft operativ beheben lassen.

Im Titelvorspann von »Bella, ricca…« hat Marisa mal wieder top billing, ihr Name wird gemeinsam mit Giuffré noch vor dem Filmtitel geführt, bis zu ihrem ersten Auftritt muss der Zuschauer sich allerdings geschlagene 52 Minuten gedulden, und insgesamt ist sie kaum eine Viertelstunde auf der Leinwand zu sehen. (Die Rolle der von Erika Blanc gespielten Rosaria, Micheles Ehefrau, ist ungleich größer.) Bis dahin hat der geneigte Fan die Zeit mit musikalisch herbei gedudeltem Frohsinn — der Komponist war Carlo Rustichelli —, vielen schlechten Perücken und Fußball spielenden Nonnen zu überbrücken. Wirklich herzerfrischend skurril wird es erst am Schluss, wenn Michele aus dem Gefängnis kommt — seine Betrügereien waren der Exekutive nicht verborgen geblieben — und in seiner Wohnung überraschenderweise Paola vorfindet. Als er zu ihr unter die Dusche springen möchte, gleitet sein Blick zwischen ihre Beine. Er schreit kurz auf und wird ohnmächtig. Als er wieder zu sich kommt, sitzt er neben Paola, die nun mit einer bärigen Männerstimme spricht (Mell wurde in ihren finalen Szenen von einem Mann nachsynchronisiert) und sich Paolo nennt. Während Micheles Haftstrafe hatte sie ihren »physischen Defekt« beheben und sich zu einem Mann umoperieren lassen. Das Hodensäckchen ist also nicht nur nicht entfernt, sondern auch noch um einen dazugehörigen Penis ordentlich »erweitert« worden. Damit nicht genug, lebt er/sie inzwischen mit Rosaria — »Versteh doch, Michele, ich war so einsam…« — zusammen, die bereits ein Kind von ihm/ihr erwartet, was Michele verständlicherweise den Rest gibt. Geschlagen räumt er das Feld.
     Cicero, der seine Karriere in den fünfziger Jahren als Regieassistent von Luchino Visconti und Francesco Rosi begonnen hatte, wurde vor allem als Western-Spezialist bekannt: »Due volte Giuda« (1968) mit Klaus Kinski und Antonio Sabàto gilt als sein Meisterwerk. Ab 1971 drehte er in regelmäßigem Abstand Komödien im Stil von »Bella, ricca…«, der in Italien mittlerweile Kultstatus genießt.

André Schneider
(Auszug aus dem neuen Buch Die Feuerblume — Über Marisa Mell und ihre Filme.)

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Filmtipp #155 bis #159: Romy Schneider & Claude Sautet

Romy Schneider und ihr Regisseur Claude Sautet

Romy Schneider und ihr Regisseur Claude Sautet

Kurz vor ihrem frühen Tode machte die selbstkritische Romy Schneider eine Liste ihrer rund 60 Filme und kreuzte zehn als »gut« an, darunter waren ihre Filme mit Orson Welles und Luchino Visconti — und die fünf Filme, die sie zwischen 1969 und 1978 mit Claude Sautet, ihrem erklärten Lieblingsregisseur, gemacht hatte.
     Heute wäre die Schneider 75 Jahre alt geworden. Vermutlich hätte sie diesen Geburtstag im Stillen gefeiert, mit ihrer Tochter auf dem Land; so jedenfalls lesen sich ihre Interviews aus späteren Jahren. Ich möchte ihren Ehrentag zelebrieren, indem ich Euch in aller Kürze ihre Sautet-Filme, die auch für mich zu ihren besten gehören, vorstelle.
     Sautets zentrales Thema, das sich praktisch durch all seine Filme zieht (als Regisseur drehte er insgesamt 15), ist die midlife crisis: In der Mitte ihres Lebens müssen seine bürgerlichen Figuren — meistens sind’s Männer — ihre bisherigen Werte und Lebensmuster einer Überprüfung unterziehen. Als Auslöser für die zu bewältigenden Lebenskrisen dienen ihm zumeist berufliche Fehlentscheidungen, in Sackgassen befindliche Liebesbeziehungen oder schlicht und einfach ein Verkehrsunfall, der seine Protagonisten — allesamt »ganz normale Leute« in »ganz normalen Berufen« — aus der Bahn wirft. Inszenatorisch verzichtete Sautet auf jeglichen Schnickschnack, im Fokus stand bei ihm immer die Geschichte selbst. Die große Qualität beziehen seine Filme aus ihrer Realitätsnähe: obwohl die Innenaufnahmen (wie üblich) im Studio entstanden, wirken seine Filme immer, als wären sie vor Ort in Privatwohnungen gedreht worden. Um dieses Maß an Authentizität zu erreichen, braucht es die besten Ausstatter, Beleuchter und Szenenbildner. Hinzu kommen die in ihrer Echtheit beispiellosen Dialoge, die von den arriviertesten Schauspielern Frankreichs — Piccoli, Montand, Serrault, Auteuil, Ventura — mit Leben gefüllt wurden.
     Leider war es mir nicht möglich, zu allen Filmen das Original-Plakat aus Frankreich zu finden, daher habe ich diesmal Szenenfotos zur Illustration gewählt.

Les choses de la vie

#155: Die Dinge des Lebens

Originaltitel: Les choses de la vie; Drehbuch: Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie; Kamera: Jean Boffety; Musik: Philippe Sarde; Darsteller: Michel Piccoli, Romy Schneider, Lea Massari, Gérard Lartigau, Jean Bouise. Frankreich/Italien 1969.

Romy Schneider bezeichnete »Les choses de la vie« immer als ihren Lieblingsfilm — und ja, es ist vielleicht ihr schönster: zeitlos, tiefgründig, aber ohne Schwere. Der Film gehört heute zu den wichtigsten Klassikern des französischen Kinos überhaupt und gilt als Sautets Meisterwerk. Aus Schneider machte »Les choses de la vie« eine Ikone.
     Sautet war 1969 ein noch weitgehend unbekannter Filmemacher. Seit 1955 hatte er lediglich drei Filme inszeniert, war jedoch bereits als Drehbuchautor ein Begriff. Er begegnete Romy Schneider zum ersten Mal in den Studios von Billancourt, wo sie mit der Synchronisation von »La piscine« (Regie: Jacques Deray) beschäftigt war. Fasziniert von ihr, rief er sie in ihrem Hotel an und schickte ihr das Skript. Sie sagte sofort zu, und im Sommer 1969 begannen die Dreharbeiten in La Rochelle, Paris und Umgebung.
     Pierre (Piccoli) ist Mitte 40, verheiratet und Vater eines Sohnes. Er lebt mit der deutschen Übersetzerin Helene (Schneider) zusammen, überlegt jedoch, sich brieflich von ihr zu trennen. Den Brief hat er bereits geschrieben. Während der Autofahrt zu einem Geschäftstermin überlegt er es sich noch einmal und bittet Helene telefonisch, in Reims auf ihn zu warten, doch er kommt dort nie an: er verunglückt unterwegs und stirbt kurze Zeit später im Krankenhaus. In seinen letzten Augenblicken zieht sein Leben in kurzen Erinnerungsfetzen an ihm vorbei, er wird sich den »Dingen des Lebens« noch einmal bewusst, bevor er das Zeitliche segnet. Seine Frau (Massari) beweist in der letzten Szene wahre Stärke: sie zerreißt den Brief, der an Helene gerichtet war.
     Ein kunstvoll und ästhetisch gestaltetes Drama fürwahr. Die eigentümliche, mosaikähnlich konstruierte Rückblenden-Technik und symbolhaften Metaphern faszinieren auch heute noch. Die grandiose Musik Philippe Sardes ergänzt die Bilder hervorragend. Filmisch besonders interessant ist Piccolis fataler Autounfall, den Sautet mit vier Kameras gleichzeitig aufnahm. Diese erschreckende Sequenz allein nahm 18 Drehtage in Anspruch.

Max et les ferrailleurs

#156: Das Mädchen und der Kommissar

Originaltitel: Max et les ferrailleurs; Drehbuch: Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie, Claude Néron; Kamera: René Mathelin; Musik: Philippe Sarde; Darsteller: Michel Piccoli, Romy Schneider, Georges Wilson, Bernard Fresson, Boby Lapointe. Frankreich/Italien 1971.

Nach »Les choses de la vie« drehte die Schneider eine Handvoll schlechter Filme in England, Israel, Italien und Frankreich, ehe sie sich erneut mit Claude Sautet und Michel Piccoli zusammentat: »Max et les ferrailleurs«, ein dem US-amerikanischen film noir Tribut zollendes Kriminaldrama, wurde ein weiterer Triumph für das Trio.
     Piccoli gibt hier den frustrierten Polizisten Max, der nach einer Reihe von Misserfolgen keine beruflichen Aufstiegschancen mehr für sich sieht. Um etwas Ansehen bei seinem Vorgesetzten zu erlangen, fasst er einen listigen Plan: Er will eine Gruppe von kleinen Gelegenheitsgaunern zu einem Banküberfall überreden, um sie dann »auf frischer Tat« zu verhaften. Damit hofft der geltungssüchtige Max auf eine Beförderung. Um die Gauner zu ködern, heftet er sich an die Freundin des Anführers, die deutsche Prostituierte Lily (Schneider). Er wird ihr Freier — sie spielen jedoch nur Karten miteinander — und gibt sich als Bankier aus, wissend, dass sie ihrem Freund (Fresson) davon erzählen wird. Sein Plan geht auf, er lässt die Bande wie vorgesehen verhaften, allerdings gerät Lily durch einen Zufall ebenfalls in die Razzia. Trotz seiner Einwände weigert sich Max’ Chef (Wilson), das Mädchen wieder freizulassen — eine verhängnisvolle Entscheidung, auf die Max extrem reagiert.
     »Max et les ferrailleurs« beginnt als Krimi und endet als menschliche Tragödie. Schneider tritt erst nach geschlagenen 30 Minuten zum ersten Mal auf, aber was für ein Auftritt! Das ist ganz, ganz großes Starkino! Als Hure bewies La Schneider einmal mehr, was für eine brillante Charakterdarstellerin sie war. Mit Piccoli, der hier bereits zum dritten Mal ihr Spielpartner war, drehte sie bis 1982 noch drei weitere Filme. Bei ihrem nächsten Sautet-Film (»César und Rosalie«) wirkte er nur indirekt mit: in der französischen Originalfassung ist seine Stimme als Erzähler zu hören.

César et Rosalie

#157: César und Rosalie

Originaltitel: César et Rosalie; Drehbuch: Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie, Claude Néron; Kamera: Jean Boffety; Musik: Philippe Sarde; Darsteller: Yves Montant, Romy Schneider, Samy Frey, Bernard Le Coq, Isabelle Huppert. Frankreich/Italien/BRD 1972.

»›César et Rosalie‹ ist eine Art burleskes ›Jules et Jim‹ (Regie: François Truffaut), an dessen Ende der Beginn einer großen Männerfreundschaft steht. Im Zentrum steht Rosalie (Schneider), die von César (Montand) und David (Frey) geliebt wird. Sie liebt auf ihre Art beide, aber auch ihre Unabhängigkeit und dazu eine Anzahl ihr wichtiger Menschen. Konsequenterweise entzieht sich Rosalie daher immer wieder äußerlichen Erwartungen und kehrt erst nach eigenem Entschluss wieder in die jeweilige Partnerschaft zurück. Sautet spricht bei dieser Arbeit von einer ›Autopsie der Gefühle‹ und achtet sehr darauf, dass das Fundament seiner verstrickten Liebesgeschichte zwischen drei Menschen die unverkennbare Freude am Leben ist.« (Günter Krenn)
     »César et Rosalie« ist ein rundum geglückter Liebesfilm von herrlicher Leichtigkeit und war in Frankreich einer der größten Publikumserfolge der 1970er. Auch die Presse war voll des Überschwangs. So lobte »France Soir« die Hauptdarsteller des Films: »Romy ist eine begnadete Rosalie, schön, bewegend, fröhlich. Die Rolle ist ihr auf den Leib geschrieben. Ein Leckerbissen! Montand schwingt sich zu Höhen empor, die zu erreichen nur wenigen gegeben ist.«

Mado

#158: Mado

Originaltitel: Mado; Drehbuch: Claude Néron, Claude Sautet; Kamera: Jean Boffety; Musik: Philippe Sarde; Darsteller: Michel Piccoli, Ottavia Piccolo, Jacques Dutronc, Charles Denner, Romy Schneider. Frankreich/Italien/BRD 1976.

Die Idee zu diesem Film hatte Sautet vor allem einem kurzen Erlebnis, das sich während der Dreharbeiten zu einem seiner früheren Filme ereignete, zu verdanken: Auf dem Nachhauseweg von einem Außendreh wollte er mit einem Assistenten eine Abkürzung nehmen und wäre dabei um ein Haar in einen Fluss gefahren. In »Mado« wird dieser Episode reichlich Platz eingeräumt; sie übernimmt gleichsam die Schlüsselfunktion. Bei einer abendlichen Autofahrt bleibt eine ganze Gesellschaft über Nacht auf einem schlammigen Feldweg hängen.
     Michel Piccoli spielt in diesem Film eine seiner dankbarsten und großartigsten Rollen: Er verkörpert den Industriemakler Simon, der über sein bisheriges Leben und seine Karriere reflektiert. Seine Liebe gehört — wie in beinahe allen französischen Filmen — zwei Frauen: der hübschen Italienerin Mado (gespielt von Ottavia Piccolo), die ihrerseits in einen knackigen Arbeitslosen verliebt ist und sich gelegentlich an reife, wohlhabende Herren prostituiert, und der depressiven Alkoholikerin Hélène (Romy Schneider in einem kurzen Auftritt, der unter die Haut geht), der er nach dem Selbstmord ihres Mannes eine Stütze sein will. Außerdem macht ihm eine Spekulations-Affäre, die ihn beruflich aus der Bahn zu schleudern droht, Sorgen.

une histoire simple

#159: Eine einfache Geschichte

Originaltitel: Une histoire simple; Drehbuch: Claude Sautet, Jean-Loup Dabadie; Kamera: Jean Boffety; Musik: Philippe Sarde; Darsteller: Romy Schneider, Bruno Cremer, Claude Brasseur, Roger Pigaut, Eva Darlan. Frankreich/BRD 1978.

»Ich hatte mich als Frau befreit lange bevor ›die Befreiung der Frau‹ ein Thema wurde«, sagte Romy Schneider einem Journalisten, der sie auf das Sujet der Emanzipation ansprach. Ende der Siebziger wuchs ihr Wunsch, sich auch in ihrer Arbeit damit auseinanderzusetzen. 1977 trat sie mit diesem Wunsch an Claude Sautet heran: »Ich möchte, dass du für mich eine Geschichte über Frauen schreibst. Ich hab es nämlich satt, dass es immer nur Geschichten von Kerlen sind.«
     Sautet schrieb die gewünschte Frauengeschichte und drehte sie im Sommer 1978. Mit »Une histoire simple« trafen Sautet und Schneider den Nerv der Franzosen ins Schwarze, die Presse jubelte, man verglich Sautet mit Ingmar Bergman, Schneider erhielt für ihr Spiel ihren zweiten César, der Film wurde sogar für einen Oscar als Bester fremdsprachiger Film nominiert. Und darum geht’s: Marie (Schneider), eine 40jährige Bauzeichnerin und geschiedene Mutter eines Jungen im Teenageralter, nimmt ohne das Wissen ihres Lebensgefährten (Brasseur) eine Abtreibung vor, weil sie sich ihrer Beziehung nicht mehr sicher ist. Nach ihrer Trennung begegnet sie ihrem Ex-Mann (Cremer) wieder und lässt sich auf eine neue Liaison mit ihm ein. Als sie von ihm schwanger wird, hofft sie, dass er endgültig zu ihr zurückkehrt, doch er hat Besseres vor: er verlässt den krisengebeutelten Betrieb, um den sich Marie so engagiert kümmert, und zieht mit einer Jüngeren von dannen. Marie entschließt sich, dem Erzeuger nichts von ihrer Schwangerschaft zu sagen: sie will es alleine schaffen. Aufgefangen wird sie von einer Gruppe von Frauen, Freundinnen und Kolleginnen, die alle in einer ähnlichen Situation sind wie sie: überfordert mit der Doppelbelastung Kind und Beruf und einsam neben psychisch oder physisch abwesenden Männern.
     Sautet betonte, er habe sich eindeutig auf die Seite der Frauen gestellt und die Männer nur als zweitrangige Figuren in die Handlung eingebracht. Dennoch will der Frauenfilm vor allem den Männern gefallen — aus heutiger Sicht wirkt »Une histoire simple« besonders reaktionär: Die Frauen werden das Kind schon schaukeln, während die Männer irgendwo und nirgendwo sind, frei von Verantwortung und Pflichten. Dennoch ist dies ein zarter, wunderschöner Film, einer von Sautets besten. Romy Schneiders Partnerinnen waren hier Arlette Bonnard, Francine Bergé, Sophie Daumier, Eva Darlan, Nadine Alari, Vera Schroeder, Barbara Rix und Madeleine Robinson.

André Schneider

Schneider und Sautet bei den Dreharbeiten zu »Une histoire simple«, ihrem fünften und letzten gemeinsamen Film, 1978.

Schneider und Sautet bei den Dreharbeiten zu »Une histoire simple«, ihrem fünften und letzten gemeinsamen Film, 1978.

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