Filmtipp #47: Der Kampf auf der Insel

Der Kampf auf der Insel

Originaltitel: Le combat dans l’île; Regie: Alain Cavalier; Supervision: Louis Malle; Drehbuch: Alain Cavalier, Jean-Paul Rappeneau; Kamera: Pierre Lhomme; Musik: Serge Nigg; Darsteller: Romy Schneider, Jean-Louis Trintignant, Henri Serre, Diane Lepvrier, Robert Bousquet. Frankreich 1962.

Le combat dans l'île

»Wir haben in Frankreich keine junge Schauspielerin, die diese Rolle so hätte spielen können, wie wir es uns vorstellen«, rechtfertigte Louis Malle das Engagement Romy Schneiders für diesen aufregenden politischen Film, das Regiedebüt seines ehemaligen Assistenten Alain Cavalier. Cavalier gehörte neben Malle, Truffaut, Godard, Chabrol und Pierre Schoendoerffer zu den Begründern der nouvelle vague, erreichte aber unverständlicherweise nie die Prominenz seiner Kollegen. »Le combat dans l’île« gehört zu den bemerkenswertesten Arbeiten Romy Schneiders, damals jedoch verkannte man seine Qualitäten und ließ ihn in Cannes außer Konkurrenz laufen. Selbst, als er dann offiziell in den französischen Kinos gestartet wurde, reagierte das Publikum zurückhaltend, auch wenn sich die Kritiker überwiegend lobend äußerten: »Ein aufrichtiger und in seiner Bescheidenheit rigoroser Film. Er will nichts, als mit größtmöglicher Klarheit eine Geschichte erzählen. Die Neutralität und Objektivität wirkte lehrhaft, wenn nicht die Schauspieler mit äußerster Sensibilität geführt würden«, hieß es in der französischen Presse. In Deutschland nahm man erstaunt und nicht ohne Argwohn zur Kenntnis, dass die Schneider in Cavaliers Film als waschechte Französin präsentiert wurde — es war der erste Film, den sie auf Französisch drehte — und verriss das Werk. Bis heute ist »Le combat…« in ihrer Filmographie einer der unbekannten Streifen geblieben. Sie selbst bilanzierte nach Ende der Dreharbeiten bedächtig, sie habe es nun »immerhin zu mittleren Rollen in modernen Filmen« gebracht. Es war ihr erstes Zusammentreffen mit dem jungen Jean-Louis Trintignant, der später noch in drei weiteren Filmen ihr Partner sein sollte, in »Le train« (Regie: Pierre Granier-Deferre), »Le mouton enragé« (Regie: Michel Deville) und »La Banquière« (Regie: Francis Girod).

Die Dreharbeiten begannen im Herbst 1961, nachdem Schneiders Bühnenengagement im Théâtre de Paris beendet war. Die Klarheit der von Rappeneau geschriebenen Dialoge, die simple Schönheit der Bilder, die (für damalige Verhältnisse) unkonventionelle Montage (Pierre Gillette) machen »Le combat dans l’île« zu einem unvergesslichen Stück cinéma vérité. Schlichte Alltäglichkeiten, wie zum Beispiel der Gang Romy Schneiders in eine Apotheke oder die Autofahrt aufs Land, haben hier eine Magie, die einen an Malles »Ascenseur pour l’échafaud« (1957) oder Godards »À bout de souffle« (1960) denken lässt. Einige Szenen entstanden in Louis Malles Appartement in der Rue Boissière 84, es gab keinen Requisiteur, keine Studiobeleuchtung. Auch dadurch wurde ein faszinierender Realismus erzeugt, den es zu dieser Zeit so nur im französischen und englischen Kino gab und für den es im zeitgenössischen Kino keine Entsprechung mehr gibt.
     Cavalier und Malle verknüpfen ihr politisches Anliegen mit einer Liebesgeschichte. Leicht verklausuliert schildert »Le combat…« die Bestrebungen der OAS (Organisation de l’Armée Secrète), einer 1961 gegründeten französischen Untergrundbewegung, die für den Verbleib Algeriens bei Frankreich kämpfte. Ihren Anschlägen fielen tausende Algerier zum Opfer. Trintignant spielt Clément, Sohn eines Industriellen, der eben dieser Organisation angehört. Nachdem sein Attentat auf einen linken Politiker missglückt ist, flüchtet er mit seiner Geliebten Anne (Schneider), einer jungen Schauspielerin, in die Normandie, um dort bei seinem Freund Paul (Serre), einem überzeugten Pazifisten, unterzuschlüpfen. Als Clément erfährt, dass bei dem Anschlag Verrat im Spiel war, lässt er Anne zurück, um einen Rachefeldzug zu starten. Während der in Argentinien seine Feinde jagt, kommen sich Anne und Paul näher. Die beiden Verliebten ziehen nach Paris und verleben dort eine glückliche Zeit — bis Clément eines Tages überraschend zurückkehrt…

Nach ihrer Arbeit mit Cavalier und einem weiteren Theaterengagement (als Nina in Tschechows »Möwe«) spielte Romy Schneider unter Orson Welles’ Regie die Leni in »The Trial« (1962) nach dem berühmten Roman von Franz Kafka, um im Anschluss für einige Zeit nach Hollywood zu gehen — für ihre Leistung in »The Cardinal« (Regie: Otto Preminger) wurde sie für einen Golden Globe vorgeschlagen —, bevor sie 1966 mit »La voleuse« (Regie: Jean Chapot) ein leider ebenfalls vergessenes Meisterwerk machte, das (zumindest stilistisch) mit »Le combat dans l’île« vergleichbar ist. Im englischsprachigen Ausland ist Cavaliers Streifen übrigens unter den Titeln »Fire and Ice« oder »Love, Loyalty and Betrayal« bekannt.

André Schneider

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