Mardi 30 septembre 2014

Le deuxième commencement (André Schneider, 2012) :  se revoir
Un article de Gaspard Granaud, POP AND FILMS, 29 septembre 2014.

Le deuxième commencement

André (André Scheneider) et Laurent (Laurent Delpit) se sont aimés pendant 10 ans à Paris malgré leurs différences. André est allemand (il avait quitté Berlin pour vivre avec son compagnon) et metteur en scène de théâtre. Il aime se confronter, lire en l’autre comme dans un livre ouvert, être rassuré. Laurent, un poil plus âgé, est parisien et photographe. S’il pensait s’être livré comme jamais lors de sa longue relation, aux yeux d’André il est resté un mystère, charmant mais à terme toxique. Ils se sont aimés mais ils ont fini par se faire du mal. Ils se sont séparés. Trois ans après cette rupture difficile, André est retourné en Allemagne et est reparti de zéro : il a essayé de se faire de nouveaux amis, s’est consacré à son travail et savoure le goût d’une relation légère qu’il s’autorise enfin à vivre. Mais après ces années de silence, un jour, Laurent appelle son ex pour l’avertir qu’il vient à Berlin pour le voir. André l’accueille chez lui le temps d’un week end et c’est l’occasion pour eux d’échanger en toute sincérité… et de voir si ce qui les unissait est toujours là, de se demander si un deuxième commencement est possible…

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Scénariste des amusantes comédies berlinoises Nos jours légers et Men to kiss (mais aussi du prochain film attendu de Antony Hickling, One Deep Breath), André Schneider passe à la réalisation avec le moyen-métrage Le deuxième commencement. On devine un récit très personnel, mis en avant par un texte à fleur de peau. Au départ, le spectateur peut être sur ses gardes : l’interprétation est sur le fil, il y a des maladresses, les dialogues sont beaux mais un peu encombrants. A la fois certains passages ne sonnent pas tout à fait juste et en même temps on se surprend à être touché car ce qui est dit est très intime et finalement très vrai. Et même s’ils ne sont pas toujours hyper à l’aise, les deux comédiens (André Schneider et Laurent Delpit) donnent l’impression de se mettre totalement à nu.

La première grande force de ce projet réalisé avec quelques bouts de ficelle, c’est sa faculté à jouer sur la frontière réalité-fiction. Pas de doute, c’est bien de la fiction. Mais en même temps (de par des passages d’interviews face caméra bien gérés, sublimant les visages) André Schneider parvient à donner l’impression que ces deux garçons sont bien réels. Au fil des minutes, on s’attache énormément à eux, on les écoute comme deux amis, on comprend leurs désaccords tout en ayant envie qu’ils se donnent une seconde chance. On peut aussi facilement tomber amoureux du charmant Laurent Delpit dont le visage, la petite barbe et le joli torse poilu sont sublimés. C’est un film avec lequel on finit curieusement par ne plus faire qu’un, revivant ses propres expériences, se projetant. Les moyens sont réduits mais l’image très belle, c’est très « photographique ». Photographie d’un instant T et photographie de deux garçons différents qui ont envie de fusionner à nouveau. Dans l’intimité d’une chambre, par la force de regards doux qui sentent bon l’amour, une grande émotion (ainsi qu’une petite mélancolie) émerge de l’ensemble. On en ressort à la fois avec les yeux mouillés et le sourire, c’est craquant, pas parfait mais plein de cœur et de générosité. Un petit film ultra attachant, dont la petite musique vous poursuit.

A l’heure de l’écriture de ces lignes, Le deuxième commencement, qui avait été projeté au Festival Chéries Chéris, n’a pas encore trouvé d’éditeur DVD… On croise les doigts.

29. September 2014 (Der 500. Beitrag)

Biño Sauitzvy, Manuel Blanc und Thomas Laroppe in "One Deep Breath".

Biño Sauitzvy, Manuel Blanc und Thomas Laroppe in “One Deep Breath”.

One Deep Breath lief in Lissabon und beim Festival von San Sebastián. Die Resonanz ist gut, aber wir hatten (bei aller Bescheidenheit) auch nichts anderes erwartet. Antony rief mich glückselig aus Portugal an, und ich hatte das Gefühl, mich freuen zu müssen — und konnte es nicht. Zu sehr nehmen mich die momentanen Umstürze in meinem Leben gefangen, es ist ein ständiges Auf und Ab zwischen der Angst vor der Ungewissheit und berechtigtem Optimismus. Oft liege ich wach und zermartere mir ergebnislos den Kopf, jeden Tag schreibe ich Bewerbungen, jeden Tag warte ich auf Antwort. Ende November werde ich in Paris sein, um die dortige Premiere zu feiern. Es sei denn, Erdbeben, Sintflut oder Seuchen verhindern dies. Bis dahin habe ich sicher meine Energie und Begeisterung wieder gefunden. Für weitere Aufführungen von One Deep Breath und meine anderen Termine — Ende Oktober endlich in London! — klickt bitte regelmäßig mal hier, die Dates-Seite wird regelmäßig ergänzt und überarbeitet.

Habe mich unlängst mit einem sündhaft teuren Buch belohnt, mit »Die Seismografie des Fragens« von Jörn Jacob Rohwer. Außergewöhnlich gute Interviews mit Heinrich Hannover, Boleslaw Barlog, Arthur Miller, George Tabori, Leni Riefenstahl, Stephen Fry, Susan Sontag und vielen anderen auf fast 900 liebevoll gestalteten Seiten, ein Paradebeispiel dafür, dass es Qualitätsjournalismus doch noch gibt. Ganz famos und spannender als jeder Roman! — Ansonsten habe ich neulich zum ersten Mal seit langem mal wieder einen »Tatort« gesehen. Den mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl. Pointiert geschrieben und bis in die Nebenrollen mit Lust und Hingabe gespielt. Hat wirklich Spaß gemacht, es war herrlich komisch, und zum Ende hin kam auch solide Spannung auf. In den vergangenen 15 Jahren habe ich nur je einen »Tatort« mit Eva Mattes (gut) und Til Schweiger (miserabel) gesehen. Vielleicht sollte ich der Chose doch noch eine Chance geben? Ins Kino scheine ich eh nicht mehr zu kommen dieses Jahr. Schade, ich glaube, ich hab viel Gutes verpasst. Ein paar Filme habe ich auf DVD nachgeholt. »Staudamm« (Regie: Thomas Sieben) war verdammt gut; »Maleficent« (Regie: Robert Stromberg) machte extensiv Gebrauch von Angelina Jolies zwei Gesichtsausdrücken — sie kann majestätisch-herablassend und hündisch-betroffen, manchmal sogar in schnellem Wechsel — und war ansonsten belanglos-unterhaltsam; »Les rencontres d’après minuit« (Regie: Yann Gonzalez) ärgerte mich, weil man große Kunst schaffen wollte und auf halbem Wege in einem langatmigen, nichts sagenden Etwas stecken blieb; »Labor Day« (Regie: Jason Reitman) mit Kate Winslet und Josh Brolin beeindruckte mich trotz des überkitschigen Schlusses am meisten. Da gab es diese Szene — ungebührlich lang anscheinend —, in der nichts weiter passiert, als dass ein Pfirsichkuchen gebacken wird — und das ist so aufregend und in seiner Stille so bewegend, dass mir die Tränen liefen.
Thorsten lieferte mir mit Neneh Cherry, Tycho & Zoot Woman, GusGus und Alt-J den Soundtrack zu den letzten Wochen. Und ich kramte die alten Nationalgalerie-Alben wieder hervor; Niels Freverts Frühwerke greifen auch nach über 20 Jahren noch tief ins Herz und wringen die Tränen heraus. Ferner entdeckte ich Jupiter Jones für mich. Ich finde »Rennen + Stolpern« ja so schön, besonders die Stelle, wo’s heißt: »›Für immer‹ reicht genau von hier zum Grund, wo man vergisst / was gut gewesen ist.« — Ich wünschte, ich hätte etwas mehr Geld auf der hohen Kante, um mir mal wieder ein paar CDs zu kaufen, »Kraniche« von Bosse oder die neue von Prince zum Beispiel.

Stuart war für die Unabhängigkeit Schottlands, Donna vehement dagegen. Überhaupt war mein britischer Freundeskreis in der Frage gespalten. Ich selbst maße mir in dieser Sache keinen Standpunkt an, ich verstehe beide Lager sehr gut, und jede Medaille hat bekanntlich zwei Seiten. Das knappe Ergebnis der Wahl zugunsten Londons setzt trotzdem ein eindeutiges Zeichen; fast die Hälfte der Schotten will nach wie vor die Loslösung. Die spannende Frage lautet: Wie wird man sich künftig arrangieren? — Im internationalen Vergleich der augenblicklichen Krisenherde dürfte das Schottland-Problem allerdings erfreulicherweise mickrig ausfallen. Man möchte am liebsten gar nichts mehr von der Welt wissen und sich verkriechen. Seit Jahresbeginn verschlechtert sich die allgemeine Lage zunehmend, man traut sich gar nicht mehr, die Nachrichten zu lesen. Vielleicht braucht es doch mal einen ganz, ganz großen Knall, damit sich alles in Wohlgefallen auflöst? Ich frage mich, wann es in Deutschland endlich kracht? AfD und NPD sind gewaltig auf dem Vormarsch — natürlich sind die beängstigenden Entwicklungen nicht die Ursache des Problems, sondern vielmehr eine Reaktion auf das Versagen der Politik —, und der Deutsche, der von Natur aus durchdrungen ist von einem Willen zur Feindseligkeit und Bösartigkeit, wird immer unzufriedener, ungehaltener. Wir wissen, dass Deutschland vor allem deswegen wirtschaftlich im Vergleich gut dasteht, weil wir europaweit mit die niedrigsten Löhne haben, weil die Renten gekürzt werden, weil in den Bereichen Bildung und Kultur sowie in der Alten- und Krankenpflege gespart und vieles über Zwangsarbeit — Stichwort: 1-Euro-Jobs — geregelt wird. Dazu werden Ressentiments und Existenzängste geschürt, denn ängstliche Menschen halten das Maul. Da wir Deutschen seit jeher devot-obrigkeitshörig sind und kaum mal aufmucken, kann das noch ewig so weitergehen; diesbezüglich ähneln wir den Engländern, bei denen sich Frust und Verzweiflung gerne über Jahre anstauen, hinter einer gesetzten und höflichen Fassade schlummernd, ehe sie sich — im Suff beispielsweise — Bahn brechen. Die Straßenschlachten von 2011 konnte man unterschwellig bereits 2001 fühlen. Man spürte es köcheln, die Wut und die Resignation, es lag in der Luft, war aber nicht greifbar. Zehn Jahre dauerte es, bis dann die Steine flogen. Ähnliches ist auch hier vorstellbar.
Eigentlich hatte ich heute — es ist immerhin der 500. Beitrag auf diesem Blog — positiver schreiben wollen, aber es fällt mir gerade sehr schwer. Auf jeden Fall freue ich mich, dass mir so viele Leserinnen und Leser die Treue halten, das ist viel wert. Danke dafür!

André

Lesetipps:
29. September 2011 (Der 100. Beitrag)
Filmtipp #85 bis #90: Die besten Disney-Zeichentrickfilme (Der 250. Beitrag)

Filmtipp #222: Der Tollwütige

Der Tollwütige

Originaltitel: La belva col mitra; Regie: Sergio Grieco; Drehbuch: Sergio Grieco; Kamera: Vittorio Bernini; Musik: Umberto Smaila; Darsteller: Helmut Berger, Marisa Mell, Richard Harrison, Vittorio Duse, Giovanni Pazzafini. Italien 1977.

La belva col mitra

Die Internet Movie Database (IMDb) listet »La belva col mitra« heute zusammen mit Danger: Diabolik, Una sull’altra und Casanova 70 zu Mells vier bedeutendsten Filmen. Dies verdankt der Streifen nicht etwa seinem Erfolg — er war seinerzeit ein Flop —, sondern dem US-Regisseur Quentin Tarantino. Dieser, spätestens seit seinem Kultklassiker »Pulp Fiction« (1994) von Cineasten (und solchen, die sich dafür halten) hoch verehrt, adelte »La belva col mitra« auf eigenwillige Weise, indem er eine Schlüsselszene des Streifens in einem seiner eigenen Filme zeigte: In dem herrlichen, mit Filmzitaten nur so gespickten Gangsterepos »Jackie Brown« (1997) lümmelt die von Bridget Fonda gespielte Dauerkifferin Melanie zugedröhnt auf ihrer Couch und schaut sich einen poliziotteschi in der Glotze an. Samuel L. Jackson und Robert De Niro betreten das Wohnzimmer, Jackson blickt zum Fernseher und fragt: »Ist das Rutger Hauer?« — Fonda, in einem Tonfall, als ob man das doch wissen müsse: »Nein, das ist Helmut Berger«, woraufhin Tarantino eben diesen zeigt, wie er in »La belva col mitra« (in Zeitlupe) auf Marisa Mell zuschreitet, um diese erneut zu vergewaltigen. Im Abspann dankt Tarantino Helmut Berger und Marisa Mell, wobei er letztere posthum noch einmal mit falsch geschriebenem Namen — Marisa Mel — demütigt. Im Kielwasser des Erfolgs von Jackie Brown erlebte »La belva col mitra« (US-Titel: »Beast With a Gun«) eine kleine Renaissance auf Video und DVD und wurde 20 Jahre nach seiner Entstehung zum Kultfilm.
     Pikanterweise schrieb der aus Padua stammende Regisseur Sergio Grieco auch das Drehbuch zu »Quel maledetto treno blindato« (1978), besser bekannt als »The Inglorious Bastards«, welcher 2009 von Tarantino neu verfilmt zu einem Welterfolg wurde. In »La belva col mitra«, seinem letzten Film als Regisseur, erzählt Grieco eine genretypische Rachegeschichte: Der von der Presse als »der verrückte Wahnsinnige« titulierte Mörder Nanni Vitali (Berger) schafft es, mit drei Komplizen aus dem Gefängnis zu türmen und hat nur ein Ziel: sich an allen zu rächen, die ihn hineingebracht haben. Nachdem er den Zeugen Barbareski (Ezio Marano) bestialisch ermordet hat, nimmt er dessen Freundin Giuliana (Mell) als Geisel und will mit ihr ein neues Leben beginnen. Kurzzeitig spielt die verängstigte Frau das Spiel mit, dann gelingt ihr die Flucht. Sie vertraut sich Kommissar Santini (Harrison), dem schneidigen Erzfeind Vitalis, an, der dem Miesnick schließlich eine Falle stellt.
     Hier wird gefoltert, geschossen, geprügelt und vergewaltigt, was das Zeug hält, Sergio Grieco verklebt die Löcher seines mäßig originellen Drehbuches mit nur allzu genüsslich vorgeführten Grausamkeiten, die das Publikum 1977 wohl schockiert haben mögen, heute aber nicht mehr so recht ziehen wollen. Der große Hingucker des Streifens ist und bleibt Helmut Berger, der — zugegebenermaßen eindrucksvoll beängstigend — im Wesentlichen sich selber spielt und seinen Fans damit Grund genug bietet, den Film zu lieben. Zwischen Kugelhagelorgien, Explosionen, zermanschten Gesichtern und dem sadistisch aufbereiteten Showdown — Nanni Vitali »streichelt« mit seinem Messer die entblößte Brust von Santinis Schwester (Marina Giordana) — fängt die Kamera immer wieder in gespenstischen Großaufnahmen den kokainklaren Wahnsinn in Bergers Blick ein, saugt sich förmlich an seinen Augen fest und zelebriert das asoziale Moment. Christian Keßler nannte den Streifen »exzessiv hinterhältig. Während die Geschichte über weite Teile solide und konventionell ihre kriminalistischen Bahnen zieht, lässt Grieco in den Gewalt verarbeitenden Szenen vollkommen die Sau raus, ein Kastenteufel mit Vampirzähnen.«
     Grieco setzt ganz auf das Potential seiner drei Hauptdarsteller, die ihre im Skript blass angelegten Charaktere mit Leben füllen müssen. Richard Harrison gibt sein Bestes, um aus dem schwach umrissenen Santini einen Menschen aus Fleisch und Blut zu machen, während die Handlungsmotive von Mells Figur kaum nachvollziehbar bleiben: man spürt, dass sie zwischen Ekel und Faszination für Bergers Figur mäandert, kann sie aber nicht recht greifen. Im letzten Drittel des Films ist sie ohne Erklärung verschwunden. Vom schauspielerischen Standpunkt ein unergiebiger Streifen für sie.
     »La belva col mitra« wurde in der Hafenstadt Ancona — der Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet »Ellbogen« — und Umgebung gedreht. Die während des Drehs zu Werbezwecken entstandenen Nacktfotos von Mell und Berger erschienen zunächst im italienischen »Playboy« und wurden anschließend von zahllosen Gazetten weltweit veröffentlicht.

André Schneider
(Auszug aus dem Buch Die Feuerblume — Über Marisa Mell und ihre Filme.)