15. Januar 2013

Anjelica Huston: »Natürlich machen Drogen Spaß! Und das ist das Dumme an diesen Anti-Drogen-Kampagnen: Sie geben das nicht zu!«
     Die freundschaftsbedingte Auseinandersetzung mit der Dschungel-Sendung führte zwangsläufig zur Konfrontation mit Helmut Berger. Ehrlich, ich könnte mir keine bessere Anti-Drogen-Kampagne vorstellen als den Blick auf seine Vorher/Nachher-Bilder. Da wurde nun also — wenig überraschend — ein alkoholkranker Ex-Weltstar zur Belustigung der Massen vorgeführt. Der Grund für die berechnete Schadenfreude und Scheinempörung der meisten dürfte mal wieder auf Neid fußen, denn Berger gehörte zu den ganz wenigen Menschen, denen kraft ihres Aussehens wirklich alles in den Schoß fiel; er hatte sich nie anstrengen müssen für eine Karriere, Reichtum, Liebschaften. Visconti kitzelte aus seinem Lustknaben sogar drei recht annehmbare Schauspielerleistungen heraus, die ihm einen Platz im Olymp der Filmgötter sicherten. Oh ja, das Leben hatte ihn wirklich großzügig beschenkt. Dann, 1976, starb Luchino Visconti, ohne ein Testament gemacht zu haben. Berger war der Familie des Adligen schon immer ein Dorn im Auge gewesen — über Nacht musste der luxusgewöhnte Helmut aus Viscontis Stadtschloss ausziehen, hatte kein Geld, keine Arbeit, kein Zuhause. Romy Schneider und Marisa Mell kümmerten sich schwesterlich um ihn, konnten einen Selbstmordversuch an Viscontis erstem Todestag jedoch nicht verhindern. Nachdem er diesen überstanden hatte, wählte er den Weg der Dauerbetäubung durch Suchtmittel. Bis heute. Mittlerweile kann er sich kaum mehr artikulieren, das Sprechzentrum wurde von Kokain und Alkohol zerstört, da krächzt, lallt und brüllt es nur noch, und seine Aufmerksamkeitsspanne, so schrieb eine deutsche Gazette kürzlich, »ist kürzer als die Lines, die er zog.« — Von dem, was Berger einmal war, ist nichts mehr übrig. Er ist ein anderer Mensch. Mit toten Augen, schmerzgebeugtem Gang und aufgeschwemmten Zügen. Die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, einen alten, kranken Mann in einer derartigen Weise der Häme preiszugeben, stelle ich gar nicht mehr. Die Leute wollen es sehen, das ist Rechtfertigung genug.

Am Wochenende konnte ich endlich die Arbeit am neuen Drehbuch abschließen. Bei meinen Recherchen über kognitive Verzerrungen war ich auf einen spannenden Artikel über den Dunning-Kruger-Effekt gestoßen, der mir nachträglich das Verhalten einer Person erklärte, die erheblich zu den Misslichkeiten von 2010 beigetragen hatte. Ob es noch ein Trost ist, weiß ich nicht, und Verständnis und Vergebung sind schließlich zwei Paar Schuhe. Aufschlussreich waren die Recherchen allemal. Und ergiebig. Fast zu ergiebig für das Drehbuch; vielleicht sollte ich dem Rat meiner Freunde folgen und endlich einen Roman schreiben. Wenn ich mich nur traute!
     Ansonsten lässt sich festhalten, dass das Dasein als allein stehender schwuler Mann über 30 in Berlin nicht gerade ein Quell der Freude ist, was vor allem am Drogenverhalten der Kerle liegt, die man zuweilen trifft. In den vergangenen Monaten begegnete ich einigen Männern, von denen nicht einer Helmut Berger, jedoch jeder konsumtechnisch ohne weiteres mit ihm auszutauschen gewesen wäre. Kern der Farce: Die Herren konsumieren Drogen, um den Spaß zu steigern, müssen sich der Drogen wegen allerdings noch Viagra, Cialis oder ähnliches einwerfen, um überhaupt noch Spaß haben zu können. Kern der Tragödie: Zu der sexuellen Unzulänglichkeit gesellt sich nicht selten noch eine sozio-emotionale, die ihnen zu einer bestenfalls präpubertären Sozialkompetenz verhilft. Wie fadisierend! Ich sag Euch was: dann lieber ganz ohne!
     Ich genieße den Schnee — Chelito tut das weniger —, lediglich die Kopfhörerkabel vom mp3-Player sind ab und an zickig. Minusgrade verhalten sich zu dünnen Kabeln wie Tränen zu Wimperntusche: absolut destruktiv. Erwartungsvoll blicke ich auf die kommenden Arbeiten mit Barbara Kowa (in Berlin) und Antony Hickling (in Paris) — auflebend, energetisch, nervös —; ich habe den zauberhaftesten Mitbewohner der Welt; ich bin gerne in meinem Zimmer, schaue auf den Schnee, der alles leise macht, die Geräusche in Watte packt, die Dächer und Zweige ziert; ich genieße die meditative Tätigkeit des Kochens, konzentriert wie das Spiel eines Kindes, und erwärme mich sogar allmählich für das Geschirrspülen.

André Schneider

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