24. März 2012

»In der Filmförderung wird Vetternwirtschaft betrieben!«
Interview von Michael Bauer für hitchecker.de, 24. März 2012.

Es gibt auch deutsches Kino abseits von Schweiger, Schweighöfer und Co: hitchecker.de hat mit Regisseur und Schauspieler André Schneider über die Herausforderung gesprochen, hierzulande Independent-Projekte umzusetzen.

Der zweite Anfang

Independent-Filme haben es hierzulande eher schwer. Die breite Masse der Deutschen kann sich immer nur für seichten Romantik-Klamauk mit Til Schweiger oder Matthias Schweighöfer oder die großen Hollywood-Produktionen begeistern. Woran liegt das deiner Meinung nach?

»Da gibt es viele Gründe, und über jeden einzelnen ließe sich lange reden. Einer der wichtigsten Punkte ist sicherlich der miese Ruf, den das deutsche Kino hat — zu Unrecht, wie ich finde! Und dass kaum für deutsche Filme geworben wird. Nur die wirklich großen Firmen können ihre Filme mit fetten Etats bewerben. Dreiviertel der deutschen Kinoproduktionen entdeckt man erst, wenn sie im Nachtprogramm der ARD laufen oder auf DVD veröffentlicht werden. Nachwuchs wird kaum gefördert, in der Filmförderung wird eine ungeheuerliche Vetternwirtschaft betrieben.«

Was motiviert dich dennoch, neue Projekte anzugehen?

»Ach, ich kann einfach nicht anders. Das Schreiben, das Geschichtenerzählen, das ist einfach Teil meines Lebens. Wie das Atmen. Es ginge nicht ohne. Obwohl ich mich ab und an, wenn ich müde und ausgelaugt bin, schon frage, ob ich eigentlich bescheuert bin, mich schon so viele Jahre dieser Selbstausbeutung zu unterwerfen.«

Dein aktueller Film Der zweite Anfang ist eine deutsch-französische Produktion. Gedreht wurde in Paris und Berlin mit einem bunt gemischten Team. Sind da auch mal zwei Mentalitäten aufeinander geprallt?

»Geprallt ist da gar nichts, das war alles sehr harmonisch und familiär. Wir hatten einen Riesenspaß. Jade, unsere Assistentin, ist Australierin, Niko hat amerikanisch-österreichische Wurzeln, Laurent ist Franzose, Jen aus Leipzig und ich aus Niedersachsen. Am Set sprachen wir Englisch, Französisch und Deutsch. Ich war leider der einzige, der alle drei Sprachen sprach. Wir haben den Dreh alle sehr genossen. Es gab keine Pannen, keine Verzögerungen, kein Gezanke oder Gezicke. Die unterschiedliche Herkunft hat man eigentlich nur in der Sprache gemerkt.«

Der zweite Anfang

In der Beziehung der beiden Protagonisten André und Laurent, die von dir und deinem französischen Kollegen Laurent Delpit gespielt werden, sind kulturelle Unterschiede ja durchaus ein Knackpunkt…

»Ja, das schon, aber die eigentlichen Schwierigkeiten zwischen den beiden liegen in ihren Charakteren. Natürlich sind die auch kulturell geprägt: André ist sehr deutsch-pragmatisch, Laurent sieht das Leben etwas französisch-leichter. Aber die eigentlichen Probleme liegen in ihrem Wesen. André hat für die Beziehung sehr viele Opfer gebracht: seine Heimat verlassen, eine fremde Sprache gelernt und sich ganz auf Laurent eingelassen. Dieser wiederum hielt es beispielsweise nicht für nötig, Deutsch zu lernen, so dass er nie Andrés Familie oder dessen deutsche Freunde kennen lernen konnte. Er regt sich über Andrés Steifheit auf, und André wiederum hatte über viele Jahre das Gefühl, Laurent nähme die Beziehung nicht ernst.«

Klingt nach zu viel Konfliktstoff für ein klassisches Happy-End…

»Die beiden haben durchaus viel, das sie verbindet, zum Beispiel einen ähnlichen Sinn für Humor und Selbstironie. Sie haben Spaß, sich miteinander über andere und auch sich selbst lustig zu machen. Dabei flirten sie ungehemmt miteinander. Auch in erotischer Hinsicht haben die beiden nach 13 Jahren noch Appetit aufeinander. Es ist eine besondere Verbindung, die dank der Anstrengungen beider viele Aufs und Abs überlebt hat und am Ende des Films in die nächste Runde geht. Der zweite Anfang ist ein Plädoyer dafür, dass man an seiner Liebe festhalten sollte, auch wenn man größere Schwierigkeiten überbrücken muss. Man sollte nicht voreilig sein und alles hinschmeißen. Die Liebe zwischen zwei Menschen ist eine feste Institution, die man pflegen sollte.«

Gibt es einen besonderen Grund, weshalb die Charaktere im Film eure tatsächlichen Vornamen tragen?

»Es sind zwei sehr schöne Namen, oder? Kein Autor könnte sich bessere einfallen lassen.«

Du bist Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller von Der zweite Anfang, also quasi der Schweighöfer-Schweiger des schwulen Independent-Kinos. Würdest du dem jetzt widersprechen?

»Ja, dem würde ich widersprechen. Schon deswegen, weil mich Vergleiche generell nicht so interessieren. Es gibt Dinge, von denen man sich im Laufe seines Lebens freimachen sollte. Dazu gehören Neid und auch das Bedürfnis, sich ständig mit anderen vergleichen und messen zu wollen.«

Ist der Allround-Einsatz eine reine Sparmaßnahme, um das Budget klein zu halten? Beruht er einfach nur auf purer Leidenschaft fürs Filme machen? Oder gehörst du zu den Kreativen, die ungern die Kontrolle über ihr »Baby« verlieren? Kläre uns auf!

(lacht) »Eine Sparmaßnahme ist es sicher nicht, nein. Es gibt mehrere Gründe hierfür, und ich könnte ausschweifen, ohne zu einem Ende zu kommen. Sagen wir einfach: Ich habe aus den Fehlern meiner Vergangenheit gelernt. Und natürlich liebe ich das, was ich tue, sehr. Ich arbeite gern im Team. Das Tolle an der Filmarbeit ist ja, dass so viele Leute ihre Kreativitität und ihre Ideen zusammentragen können. Daraus entsteht dann etwas, das ein Eigenleben hat. Der zweite Anfang ist genauso der Film meiner Kamerafrau Jennifer, meines Tonmannes Niko, meiner Schauspielkollegen Laurent, Marc und Hanna und der Komponisten. Natürlich habe ich das letzte Wort, aber ich sehe mich nicht allmächtig oder als Kontroll-Freak. Man muss offen für den Input der anderen sein, sonst tritt man auf der Stelle.«

Kannst du schon sagen, wann und wo Der zweite Anfang in Deutschland zu sehen sein wird?

»Nein, definitiv kann ich da noch nichts sagen. Wir sind gerade mit dem Rohschnitt fertig, es gibt bereits Festivalanfragen aus Frankreich und Spanien. Wir haben auch schon eine Liste von Festivals gemacht, bei denen wir uns bewerben werden. Aber außer der Weltpremiere auf Gran Canaria im August steht noch nichts fest.«

Stehen schon neue Projekte an?

»Ja, ich schreibe gerade Tag und Nacht an einem neuen Drehbuch und habe einen Heidenspaß dabei.«

Welchen Film hast du dir zuletzt im Kino angesehen? Wie lautet dein Urteil?

»Zuletzt habe ich vor ein paar Wochen Steve McQueens ›Shame‹ im Kino gesehen, ein sehr dichter, mutiger und tieftrauriger Film, den man möglichst nicht alleine sehen sollte.«

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