11. Juni 2013

Um den 25. Mai herum noch überlegen zu müssen, ob man die Heizung wieder anschmeißt, fühlt sich schlicht und ergreifend falsch an. Zwischen Dauerregen und vereinzelten Sonnentagen machten Temperaturschwankungen von bis zu 15 Grad dem Kreislauf zu schaffen. Und ich schrieb, schrieb, schrieb, was das Zeug hielt, und ich schrieb verdammt gut!
     In Paris begannen Antony, unsere Produktionsleiterin Siham und Rachel, unsere Agentin, mit den Vorbereitungen zu unserem Film. Mein Drehbuch wurde in den höchsten Tönen gelobt; seiner Qualität und Rachels Verbindungen ist es zu verdanken, dass sich Audrey Tautou und Cécile de France für das Projekt interessieren. Ein, zwei große Namen auf der Besetzungsliste können nicht schaden, wenn wir zeitnah die Finanzierung auf die Beine stellen wollen. Es wäre wünschenswert, wenn ein Verleih die Option schon vor Drehbeginn aufnähme. Sihams erste Kalkulation war ernüchternd. Zum Glück ist Antony ein Optimist; während mich die blanken Zahlen in die Resignation treiben, entfachen sie bei ihm Kampfgeist. Leider wird sich der Drehbeginn verzögern. Eine der Grundregeln der Produktion besagt, dass man zu jeder Zeit mindestens vier Projekte in Vorbereitung haben soll, und wer meine Aufzeichnungen hier verfolgt, der weiß, dass ich nicht tatenlos bin; Ihr könnt also gespannt sein.
     Durch einen Freund entdeckte ich Anfang Mai »The Big Bang Theory«. Als Teenager habe ich für Johnny Galecki geschwärmt. Er ist immer noch zauberhaft. Aber der Star der Serie ist natürlich Jim Parsons alias Sheldon. Ich habe Tränen gelacht und mich so über die brillant recherchierten Monologe gefreut. Eine Wahnsinns-Sitcom, die vielleicht beste seit Jahren. Hohes Suchtpotential — ich weiß schon, warum ich mir normalerweise keine Serien anschaue. Sebastian zeigte mir die BBC-Serie »Misfits« mit Lauren Socha und Robert Sheehan, ebenfalls sehenswert, aber nicht mit dem gleichen Suchtfaktor für mich. Dank Barbara entdeckte ich Marina Abramović, deren Arbeit meinen Tränen herausschüttelte. Und ich sah nach langer Zeit mal wieder die Dokumentation »Blue Eyed« (Regie: Bertram Verhaag) über Jane Elliott, der ich prompt eine E-Mail zum 80. Geburtstag schickte. Der Film wurde am 10. März 1996, an meinem 18. Geburtstag, ausgestrahlt und übte einen enormen Einfluss auf mich aus, Jahre ging mir Jane Elliotts Experiment nicht mehr aus dem Kopf. Eine mutige, besonnene Frau, die ich verehre. Dass sie mir antwortete, ist eine Ehre; selten habe ich mich dermaßen über eine E-Mail gefreut.
     Anfang Mai portraitierte mich Frank Lorenz in Kreuzberg. Ebenfalls eine große Ehre, da er normalerweise keine Portraits mehr anfertigt, aber er schrieb mir, dass er meine Filme mag und es ihm eine Freude sei, mich malen zu dürfen. Nun, und seine schönen Männerbilder gefallen mir seit Jahren. Somit wurde ich jetzt auch von ihm verewigt:

Portrait von André © by Frank Lorenz

Portrait von André © by Frank Lorenz

Alles an Brangelina ist geschmacklos, von den Filmen bis hin zum öffentlichen Gebaren. Es ist natürlich nobel, für wohltätige Zwecke zu spenden, da dies aber niemals ohne vorherige Pressemitteilung geschieht, riecht der Apfel doch stets etwas faul. Und die aktive Beteiligung am Menschenhandel — farbige Waisenkinder sind seit Brangelinas Pionierarbeit so ein schickes kleines Accessoire für Promis geworden — strotzt jeder Beschreibung. Normalerweise würde ich darüber gar nicht schreiben, aber Angelina Jolies letzter PR-Stunt war einer ihrer geschmacklosesten (bis jetzt) und eine Ohrfeige für jede Brustkrebspatientin. Eine von der Pharmaindustrie, die durch Angelina Jolies Werbung Milliardengewinne erwartet, gepushte Panikmache. Die Heiligsprechung Jolies durch die Weltpresse war perfekt durchkalkuliert. Dabei scheidet sie durch ihre privilegierte Sonderstellung von vornherein als »Mutmacherin« oder gar »Vorbild« aus; sie ist eine der einflussreichsten Medienfiguren der Welt, eine mehrfache Multimillionärin, und in Zeiten, in denen Gesundheit vor allem eine Geldfrage ist — erwiesenermaßen sterben arme Menschen ungefähr zehn Jahre früher —, ist ihr letzter Auftritt geradezu zynisch. Ganz abgesehen davon, dass Panik ein schlechter Ratgeber ist — so oder so ähnlich formulierte es Alice Schwarzer —, lebt Jolie in einer Welt, in der eine Brustamputation kein wirkliches Problem darstellt — jedenfalls keines, das nicht mit Silikon gelöst werden könnte. Denn auch Schönheit ist heutzutage hauptsächlich eine Frage der Finanzierung. Wie viele Hollywood-Schönheiten ist auch Angelina Jolie Opfer und Täterin zugleich; ihre Lippen wachsen seit »Hackers« (Regie: Iain Softley) unaufhörlich, so dass sie inzwischen aussehen wie eine Darmverschlingung, und natürlich wurde auch bei Bauch und Busen nachgeholfen. Diese Scheinwelt hebt sich so weit von der Realität ab, sie ist ein mediales Produkt und verhöhnt die 08/15-Krebspatientin mit einem 08/15-Job und einem 08/15-Kontostand.
     Die Mastektomie meiner Mutter liegt drei Jahre zurück, ihr folgten Chemo, Bestrahlung, ein verfrühter Brustwiederaufbau mit Eigengewebe und bis heute anhaltende Tablettenkuren mit Nebenwirkungen, die alles andere als erfreulich sind. Meinem Vater wurde am Freitag ein Melanom im Gesicht entfernt. Nein, Ihr Lieben, Krebs ist kein Glamour-Thema für die Hochglanz-Gazetten, sondern ein hässlicher, ganze Familien über Jahre belastender Kampf.

Im Kino »Evil Dead« (Regie: Fede Alvarez), »I Give It a Year« (Regie: Dan Mazer) und »Freier Fall« (Regie: Stephan Lacant) gesehen. Lacants Film gefiel mir mit Abstand am besten, widersteht er doch heroisch der Versuchung, in die Verlogenheit von »Brokeback Mountain« (Regie: Ang Lee) abzudriften. Katharina Schüttler, Hanno Koffler und Max Riemelt sind bewundernswert wahrhaftig und unprätentiös in ihrem Spiel, charakterfest und so nah am Leben, dass man sich fragt, ob das nicht wirklich echt ist. Was die Führung der Schauspieler angeht, ist »Freier Fall« makellos. Ein verstörender, liebevoll geschriebener, bravourös gestalteter, schöner, vielleicht wichtiger, vor allem aber überfälliger Film, gerade jetzt, wo der Hass gegen Homosexuelle aufgrund der fortschreitenden Gleichstellung neue und höhere Wellen schlägt.
     War schwer betroffen von der wahren Liebesgeschichte von Shane und Tom, die nun in dem Dokumentarfilm »Bridegroom« (Regie: Linda Bloodworth-Thomason) erzählt wurde. Mag gar nicht viel darüber schreiben, schaut selber mal im Internet nach, auch Ihr werdet weinen.
     Freue mich nun auf den dritten Teil der »Before«-Trilogie von Linklater. Before Sunrise und Before Sunset folgt nun »Before Midnight«. Seit 1995 treffen sich Linklater, Ethan Hawke und Julie Delpy alle neun Jahre und drehen einen Film über Celine und Jesse, und wir — das Publikum — altern mit ihnen. Was für ein schönes, lebensnahes Konzept. Ich würde mich freuen, wenn 2022 und 2031 noch zwei weitere »Before«-Filme folgten.

A Second Chance

Noch eine schöne Nachricht am Rande: Bin mit der Renovierung meines Zimmerchens fertig, am 31. Mai schlief ich zum ersten Mal seit Oktober 2010 wieder in meinem eigenen Bett. Ich habe vor Glück fast geweint. Habe meine DVD- und CD-Sammlung weiter ausgedünnt, und mich sogar von so schönen Filmen wie »Rien sur Robert« (Regie: Pascal Bonitzer), »Les irréductibles« (Regie: Renaud Bertrand) und »St. Ives« (Regie: Harry Hook, mit Jean-Marc Barr) getrennt, aber es musste sein, damit ich all meine Habseligkeiten in den Schränken und Kommoden unterbringen konnte. Es ist gemütlich geworden, ich bin wieder »angekommen« und geradezu euphorisch; immer frische Blumen auf der Fensterbank, ein wenig Duftöl in der Luft, mein schnarchender Hund auf dem Balkon, und während ich bei einem Becher Tee am Computer sitze und schreibe, dudelt Stacey Kents »Breakfast on the Morning Tram«-Album im Hintergrund, eine Scheibe, die oft lief, als ich seinerzeit am Alex und der Löwe-Drehbuch arbeitete.
     Seit einer Woche ist unsere schmucke Le deuxième commencement-DVD käuflich zu erwerben, 38 Exemplare warten noch auf einen stolzen Besitzer. Einfach eine E-Mail an vivasvanpictures[at]yahoo.co.uk schreiben und bestellen.
     Schön, dass Ihr das alles hier so fleißig verfolgt, ich habe hier täglich rund hundert Leserinnen und Leser, die sich an den Rezepten und Filmtipps erfreuen. Bleibt mir weiterhin treu, das macht mich sehr glücklich.
     Genießt den Dienstag, freut Euch aufs Wochenende und lasst Euch nicht von flatterhaften Windhunden im Büro ärgern.

André

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