1. Mai 2014

Pau Masó in "What Spring Does with the Cherry Trees".

Pau Masó in “What Spring Does with the Cherry Trees”.

Eine flügellahme Woche neigt sich ihrem Ende zu. Morgen und übermorgen werde ich lange arbeiten müssen, der Nebenjob mausert sich langsam zum Hauptjob. Im Augenblick ist das in Ordnung, da aufgrund ausbleibender Zahlungen — aus Graz, aus London, aus Paris, aus Berlin — die freiberuflichen Bemühungen fruchtlos sind. Wie ich es hasse, Mahnungen zu schreiben! Aber was soll man machen, wenn man bereits wochenlang ergebnislos telefonierte und sich die Finger wund schrieb, um an sein sauer verdientes Geld zu kommen?
     Der neue Hund meiner Eltern, der Satansbraten, ist immer noch nicht stubenrein; meine Mutter rutschte am Montagabend auf einer Pfütze im Flur aus und brach sich das Handgelenk. Ein komplizierter Bruch, der am 6. Mai operiert werden muss. Die Sache wäre eigentlich ganz komisch, hätten wir in den vergangenen Jahren nicht so verflucht viel Zeit in Krankenhäusern verbracht. — Muss zurzeit viel an meine beste Freundin denken, deren Vater am 22. April seine letzte Reise angetreten hat. Er war 85 Jahre alt und krebskrank. Als sein Leiden schlimmer wurde, fuhr sie regelmäßig zu ihm. Sie blieb bis zum Schluss. Ich bewundere ihre unbändige Kraft, die so voller Liebe ist, und weiß jetzt einmal mehr, wieso meine Zuneigung zu ihr so stark ist.

Für meinen längst überfälligen ersten Kinobesuch des Jahres hatte ich mir ausgerechnet »That Awkward Moment« (Regie: Tom Gormican) ausgesucht, obwohl ich wusste, dass es eine banale 08/15-Komödie auf TV-Niveau sein würde. War’s dann auch. Zudem auch noch einfallslos inszeniert, ohne Charme und Chuzpe. Imogen Poots war hinreißend süß, aber — wie immer in ihren US-amerikanischen Filmen — unterfordert. Zac Efron war lecker anzuschauen; ich glaube, in fünf, sechs Jahren wird er richtig heiß sein. Es gab ein paar gute Dialoge und rührende Momente, aber die Kinokarte war »That Awkward Moment« nicht wert. Immerhin hatte ich, was selten vorkommt, das Kino komplett für mich. Es war der sonnige Montag, kurz nach 17 Uhr, und ich fand es lässig, mich mit meinem Popcorn hemmungslos in den Sessel zu fläzen. Auf dem Nachhauseweg fühlte ich mich merkwürdig »schwer«, melancholisch, traurig. Vielleicht tun mir romantische Komödien momentan nicht gut, in meinem elften Jahr als Witwer/Single? Nicht, dass mein Leben nicht ausgefüllt wäre — ich habe weiß Gott genug zu tun —, aber es gibt diese Augenblicke, in denen mich der Wunsch übermannt, jemanden an meiner Seite zu haben, der mich »komplettiert«. Allerdings, und das ist die andere Seite, ist das Angebot auf dem Single-Markt so unappetitlich, dass man doch lieber alleine bleibt. Wenn ich an den letzten Aspiraten denke — einen Engländer, den es nach Aberdeen verschlug —, überkommt mich ein Grausen. Ein dubioser Geselle, der meinen Argwohn aus seinem Dornröschenschlaf weckte. Das Flugticket war schon gekauft, als die Frage kam, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn er »ab und zu« MDMA nehmen würde, ach ja, und er trinke auch »ab und zu« gerne einen über den Durst. Die zuweilen bizarr-verschrobenen Textnachrichten, die er betrunken um zwei Uhr in der Frühe schickte, ließen all meine Alarmglocken schrillen. Zwischendurch tagelang Funkstille, dann eine obskure SMS, dass er mich, den er wohlgemerkt noch nie persönlich getroffen hatte, »so schrecklich vermissen« würde — und bei den Telefonaten brachte er dann kein Wort über die Lippen.
     Seit meinem Umzug nach Berlin vor gut 15 Jahren habe ich es beinahe ausschließlich mit psychisch kranken oder süchtigen Männern zu tun gehabt, vom Alkoholiker über den Dauerkiffer bis hin zum Kokser; Anfang 2013 war es ein Ex-Junkie, der gerade ein Jahr clean war, aber trotzdem unausgesetzt der »geilen Zeit« nachhing. (Von dem brasilianisch-norwegischen Partyhäschen, das ich im Januar 2014 kennen lernte, will ich gar nicht erst anfangen.) Ich denke, für die meisten war ich nicht mehr als eine Projektionsfläche. Männer dieser Couleur können mir gestohlen bleiben, das führt zu nichts. Nur leider gibt es in Berlin offenbar keine schwulen Männer mehr, die sich einen guten Fick ohne Rausch vorstellen können. Das Hinterhältige, abgrundtief Gemeine ist, dass Suchtkranke meist wunderbar-liebenswerte, leidenschaftliche, kreative und feinfühlige Menschen sind — aber nicht lieben können, so sehr sie es vielleicht auch wollen. Denn um lieben zu können, muss man frei sein, und die Sucht nimmt einem jede Entscheidungsfreiheit. Es ist eine Krankheit, die einer ganz eigenen Dynamik folgt, gewissermaßen über ein Eigenleben verfügt. Das Leben des Süchtigen wird von der Sucht unterworfen. »Das Wörtchen Sucht«, habe ich gerade in Sie7en geschrieben, »setzt sich zusammen aus den Worten Suche und Flucht.« — Ganz abgesehen davon sind deutsche Männer allgemein im Vergleich ziemlich unzuverlässig und sozial inkompetent, versetzen einen oder melden sich nicht.

Ein klitzekleiner Beitrag zur Diskussion um die so genannten »Friedensdemos«, die seit einigen Wochen immer montags in mehreren deutschen Städten stattfinden: Eine Facebook-Bekannte, mit der ich mir seit längerem unregelmäßig schrieb, konnte es nicht lassen, mir ständig ungefragt Links von Seiten wie jewishproblem.com zu schicken. Sie faselte von einer großen jüdischen Weltverschwörung, davon, dass amerikanische Banken den Zweiten Weltkrieg angezettelt und den ahnungslosen Deutschen in die Schuhe geschoben hätten, dass wir alle von klein auf in den Schulen manipuliert und antideutsch gedrillt werden würden; außerdem würden uns »die Medien« die Gehirne waschen. Es gäbe die politischen Kategorien »links« und »rechts« gar nicht, das sei alles nur in den Köpfen der Leute. — Man muss gar nicht viel auf jewishproblem.com lesen; ein paar Zeilen genügen, um Erinnerungen an kreuz.net zu evozieren. Auf dieser Seite werden Juden unter anderem als Pädophile dargestellt, die sich daran aufgeilen, Blut von den Penissen frisch beschnittener Säuglinge zu saugen. Es dreht sich einem der Magen um, wenn man bedenkt, wie viele Menschen diesen infamen Müll lesen!
     Ich schrieb meiner Facebook-Bekanntschaft, dass das, was sie von sich gibt, menschenverachtend sei. Ihre Antwort: »Es geht hier nicht um Menschen, es geht um Juden!« — Gleichzeitig wehrte sie sich heftig gegen den Vorwurf, Antisemitin zu sein, schließlich sei sie nicht für das verantwortlich, was auf diesen Websites geschrieben werde. Sie habe es allmählich satt, »in die braune Ecke geschoben zu werden«, und da ich sie nicht weiter mit meinen »haltlosen Vorwürfen und Lügen« (O-Ton) quälen wollte, sah ich mich gezwungen, diesen Facebook-Kontakt zu blockieren.
     Grundsätzlich wäre es selbstverständlich etwas Ehrbares und Schönes, »für den Frieden« auf die Straße zu gehen. Vielen Punkten, die auf den Montagsdemos angesprochen werden, kann man ohne mit der Wimper zu zucken zustimmen; beispielsweise, wenn die einseitige Berichterstattung zum Thema Russland/Ukraine angeprangert wird. (Die wunderbare Gabriele Krone-Schmalz gab unlängst ein halbstündiges, klug differenziertes Interview zu diesem Thema.) Aber: Eine Veranstaltung, die von Jürgen Elsässer mitgetragen wird und an der NPD und AfD teilnehmen, muss ganz intensiv hinterfragt werden. Es muss eine Abgrenzung stattfinden, sonst bleibt ein fauliger Beigeschmack. Solange diese Abgrenzung nicht gelingt, sind diese »Friedensdemos« keine Friedensdemos, sondern latente Brandherde. Zugegeben, Verschwörungstheorien können unter gewissen Umständen ganz amüsant sein. Wir haben Ende der 1990er auch mal einen ganzen Abend glühend darüber diskutiert, ob der Unfalltod von Lady Diana vielleicht ein Komplott einer internationalen Blumenhändler-Mafia gewesen sei. Aber mehr als einen launigen Partyabend sollte man Verschwörungstheorien nicht zugestehen, denn Paranoia wird irgendwann zu einem Vollzeitjob — und will man das wirklich? — Ich kann nur allen den Tipp geben: Macht Euch schlau! Surft im Internet und lest, lest, lest, bevor Ihr Euch Eure Meinung bildet. Ich selbst bin auch tagtäglich dabei und sehe das Ganze nach wie vor zwiespältig. Das Beispiel mit meinem ehemaligen Facebook-Kontakt sollte jedoch einmal aufzeigen, mit was für einem Menschenschlag man es bei diesen »Friedensdemos« zuweilen zu tun hat.

Gestern traf ich mich mit Nicólas Rodrigo Miquea, einem begabten chilenischen Musiker, dessen CD »El Aliento« nun bei mir rauf und runter läuft. Ich hoffe, ihn für meinen Neruda-Film gewinnen zu können; es wäre zu schön, wenn er eines seiner Gedichte für What Spring Does with the Cherry Trees vertonen würde. Die ersten Szenen von Daniel Rhyder und Pau Masó sind bereits geschnitten, »Wind on the Island« wurde in Los Angeles gedreht. Zum Feiertag heute möchte ich einen der Clips gerne mit Euch teilen:

War gestern übrigens zum ersten Mal seit Anfang 2012 wieder beim Friseur und habe dort vermutlich einen Kilo verloren. An das neue Bild im Spiegel muss ich mich erst noch gewöhnen. Und auch daran, erstmals in meinem Leben Haarwachs benutzen zu müssen…

Mein Selfie zum 1. Mai, ca. sechs Uhr früh.

Mein Selfie zum 1. Mai, ca. sechs Uhr früh.

Die meisten von Euch werden morgen wohl einen Brückentag haben, also darf ich Euch ein herrliches langes Wochenende wünschen. Auf bald!

André

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5 thoughts on “1. Mai 2014

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