Filmtipp #137: Weiblich, ledig, jung sucht…

Weiblich, ledig, jung sucht…

Originaltitel: Single White Female; Regie: Barbet Schroeder; Drehbuch: Don Ross; Kamera: Luciano Tovoli; Musik: Howard Shore; Darsteller: Bridget Fonda, Jennifer Jason Leigh, Steven Weber, Peter Friedman, Stephen Tobolowsky. USA 1992.

Single White Female»Single White Female« gehört zu einer Reihe jener epochalen Thriller — wie beispielsweise »The Hand That Rocks the Cradle« (Regie: Curtis Hanson, mit Rebecca De Mornay), »Fatal Attraction« (Regie: Adrian Lyne, mit Michael Douglas) oder auch »Basic Instinct« (Regie: Paul Verhoeven, wieder mit Michael Douglas) —, über die seinerzeit jeder Erwachsene sprach und die für uns Kinder oder Jugendliche deswegen so maßlos interessant wurden, weil sie ja »verboten« waren. »Der Spiegel« schrieb damals: »›Weiblich, ledig, jung sucht…‹ gehört in die Reihe von Horrorfilmen, die in diesem Herbst erfolgreich auf Psycho-Spuren morden und verwüsten: Jetzt sind die Mörder weiß, schön, jung und weiblich — so will es die momentane Mode.«
     Es ist stets ein wirkungsvoller Ausgangspunkt für einen Thriller, wenn sich der/die Protagonist/in das Unheil quasi selbst ins Haus holt (bzw. der/die Bösewicht/in sich dort einnistet). Hier ist es Bridget Fonda, eine der prominentesten Filmschauspielerinnen der Neunziger, die sich in der Rolle der gutherzig-naiven Allison Scott eine Psychopathin als Mitbewohnerin angelt. Allie ist als Software-Designerin selbständig und auf dem aufstrebenden Ast, sie ist hübsch und jung, aber wenig selbstsicher. Nachdem sie ihren untreuen Verlobten Sam (Steven Weber) rausgeschmissen hat, fürchtet sie sich nun in ihrem Apartment in der Upper West Side vor dem Alleinsein und sucht per Annonce eine Mitbewohnerin. Hedra, genannt Hedi (Jennifer Jason Leigh), eine graumausige Buchhändlerin, fügt sich in die Wohngemeinschaft ein, als sei sie schon immer die fehlende Hälfte gewesen, sie ist verständnisvoll, tröstet und unterstützt Allie und macht sich unentbehrlich. Schnell freunden sich die beiden Frauen an, doch bald schon beginnt der Neuankömmling, sich immer mehr in Allies Leben einzumischen. Sie gleicht sich ihrer Hauptmieterin an, kleidet und frisiert sich wie sie. Als Allie und Sam sich überraschend wieder versöhnen, zeigt Hedi ihr wahres Gesicht: hinter der hilfsbereit-liebenswürdigen Maske lauert eine gefährliche Irre, die den Gedanken, ihren »Zwilling« zu verlieren, nicht ertragen kann und sich anschickt, ihr neues Leben bis aufs Messer zu verteidigen…

»Single White Female« ist ein mit allen Schrecken, Überraschungen, Brutalitäten und Subtilitäten souverän operierender Psychothriller, der einem den Atem verschlägt. Das Finale ist auch heute noch haarsträubend-furios. Schroeder inszenierte ein raffiniertes psychologisches Kammerspiel, das sich in perfides Grauen steigert, weil die Heldin in ihren eigenen vier Wänden schutzlos der Gefahr aus intimster Nähe ausgesetzt ist. Das Setting erinnert nicht zufällig an »Rosemary’s Baby« (Regie: Roman Polanski), der ebenfalls in einem Gebäude an der Upper West Side spielt, wo das Zusammenleben zum Horrortrip wird.
     Regisseur Barbet Schroeder wurde in Teheran als Sohn einer Deutschen und eines Schweizers geboren, wuchs jedoch in Frankreich auf und ist französischer Staatsbürger. Er begann seine Karriere recht jung, startete mit 21 Jahren als Produzent von Eric Rohmer und trat auch gelegentlich als Schauspieler in Erscheinung. Mit »More« (1969, mit Mimsy Farmer) gab er seinen Einstand als Regisseur, mit »Barfly« (1987, mit Mickey Rourke) und »Reversal of Fortune« (1990, mit Glenn Close) etablierte er sich in Hollywood. »Single White Female« bescherte ihm schließlich den internationalen Durchbruch (vor allem auch kommerziell: die Einspielergebnisse betrugen 48 Millionen US-Dollar). Seither pendelt er zwischen Hollywood-Großproduktionen mit Liam Neeson, Michael Keaton, Andy Garcia oder Sandra Bullock und französischem Kunstkino; sein Dokumentarfilm »L’avocat de la terreur« (2007) gewann 2008 einen César.
     »Single White Female« ist vor allem auch ein wunderbares Vehikel für die grandios aufspielenden Hauptdarstellerinnen. Jennifer Jason Leigh war bereits in den Achtzigern mit »The Hitcher« (Regie: Robert Harmon) und als Hure Tralala in »Last Exit to Brooklyn« (Regie: Uli Edel) bekannt geworden und konnte als Hedi ihren Ruf als wandlungsfähige Charakterdarstellerin festigen. Bridget Fonda, Tochter von Peter und Nichte von Jane, gelang mit »Single White Female« der Aufstieg in die oberste Starliga. Mit Filmen wie »Singles« (Regie: Cameron Crowe), »Little Buddha« (Regie: Bernardo Bertolucci), »It Could Happen to You« (Regie: Andrew Bergman), »Jackie Brown« (Regie: Quentin Tarantino) und »A Simple Plan« (Regie: Sam Raimi) blieb sie weiterhin sehr gut im Geschäft, bevor sie sich mit 38 Jahren aus der Filmwelt zurückzog, um Ehefrau — sie heiratete 2003 den Filmkomponisten Danny Elfman — und Mutter zu sein.

André Schneider

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