Filmtipp #6: Diary of an Erotic Murderess

Diary of an Erotic Murderess

Originaltitel: La encadenada/Perversione; Regie: Manuel Mur Oti; Drehbuch: Emilio Martínez Lázaro, Manuel Mur Oti, Rafael Moreno Alba, Mario Siciliano; Kamera: José Luis Alcaine; Musik: Carlo Savina; Darsteller: Marisa Mell, Richard Conte, Anthony Steffen, Juan Ribó, Richard Baron. Spanien/Italien 1975. IMDb.

La encadenada

1970 befand sich Marisa Mell in Italien im Zenit ihrer Popularität. In den kommenden fünf Jahren spielte sie in etwa 20 Filmen, von denen die meisten heute (leider zu Recht) in Vergessenheit geraten sind. (Lediglich den an diverse Hitchcock-Klassiker angelehnten Thriller »Marta« (Regie: José Antonio Nieves Conde) mit Stephen Boyd sollte man, wenn sich die Gelegenheit bietet, wirklich anschauen.) »La encadenada« war der zweite von insgesamt drei Filmen, die die Österreicherin Anfang der siebziger Jahre in englischer Sprache für die spanische Produktionsgesellschaft Emaus drehte. Für die internationale Auswertung bekamen die Emaus-Filme allesamt lächerlich reißerische Titel verpasst: aus dem interessanten »Pena de muerte« (Regie: Jorge Grau) mit Fernando Rey wurde »Violent Blood Bath«, aus »Infamia« (Regie: Giovanni d’Eramo) »Death Will Have Your Eyes«, und aus Manuel Mur Otis »La encadenada« (wörtlich: »Die Angekettete«) schließlich »Diary of an Erotic Murderess«. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass gerade diese drei Mell-Filme die mit Abstand sehenswertesten aus dieser Zeit sind; »La encadenada« dürfte sogar ihr schönster Film aus den Siebzigern sein. Unglücklicherweise wurde das kleine Juwel bis zum heutigen Tage im deutschsprachigen Raum nicht zur Aufführung oder gar in den Verleih gebracht. (Eine um ca. acht Minuten gekürzte US-Version des ursprünglich 94 Minuten langen Streifens wird kostengünstig von diversen Internethändlern auf DVD-R angeboten.)

Nur ganz kurz zur Handlung: Der Tod der Mutter ließ den Millionärssohn Marc (Juan Ribó in seinem Filmdebüt) plötzlich verstummen. Mit seinem erratischen Verhalten terrorisiert er die Hausangestellten. Nachdem er mal wieder eine Gouvernante vergrault hat, engagiert sein Vater, der Industrielle Alexander (Richard Conte in seinem vorletzten Filmauftritt), die attraktive Psychologin Gina (Mell), die sich fortan verständnisvoll um den Jungen kümmert. Doch die junge Frau birgt ein düsteres Geheimnis: sie ist keine Psychologin, sondern eine verurteilte Diebin auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann (Italo-Western-Ikone Anthony Steffen), der ihr bereits dicht auf den Fersen ist. Im weiteren Verlauf der Geschichte spielen ein benachbartes Templerkloster, der Heilige Gral, ein geheimnisvolles Tagebuch, ein Gasmord in der Badewanne, Lügen, Erpressung, Besessenheit und der Drang, sich aus einem Netz von Intrigen und Habgier zu befreien, wichtige Rollen.

In keinem anderen Film ist Marisa Mell so atemberaubend schön und geheimnisvoll wie in diesem. Kameramann Alcaine weidet sich förmlich an ihrem großflächigen, makellosen Gesicht mit den leicht schräg gestellten grünen Augen, den vollen Lippen und dem markanten Kinn, Carlo Savinas zarte, in diesem Gefüge wie eine Liebeserklärung wirkende Klaviermusik untermalt Bilder, die so erlesen sind, dass man sie ausdrucken, einrahmen und an die Wand hängen möchte. Bei so viel Ästhetik vergibt man gern die zahllosen Wendungen des überfrachteten Drehbuchs — ja, es ist tatsächlich noch von galizischen Hexen die Rede! —, die logischen Brüche und die platte, zeittypische Psychologie.
     Dass Manuel Mur Oti seinen Produzenten den fertig geschnittenen Film bereits am 15. März 1974 vorlegte, lässt darauf schließen, dass die Dreharbeiten schon Ende 1973 stattgefunden haben müssen. Mit diesem Werk, das damals schon ein wenig altmodisch gewirkt haben muss, stieß er auf Unverständnis, und so hatte »La encadenada« einen langen und harten Weg zurückzulegen, ehe er dem Publikum zugänglich wurde. Emaus schien nicht recht zu wissen, was sie mit dem Film machen sollte und entschied sich, ihn zunächst in Italien auf den Markt zu bringen. Am 30. November 1974 wurde »La encadenada« dem italienischen Produktionspartner Metheus Films übergeben und startete unter dem Titel »Perversione« im Mai 1975 ohne große Anteilnahme der Öffentlichkeit in den italienischen Kinos. Erst im Januar 1977 war die Madrider Premiere, und leider lief der Film nur mäßig: Die Emaus verzeichnete einen mickrigen Bruttogewinn, der heute in etwa 73.750 Euro entspräche. Kein Wunder, dass die Produktionsfirma das Jahr 1977 nicht überstand und Konkurs anmelden musste.
     Mur Oti drehte hiernach nur noch einen Film, »Morir … dormir … tal vez soñar«, um 1979 in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen. Zehn Jahre vor seinem Tod ehrte die spanische Filmakademie den inzwischen 85jährigen Galizier mit einem Goya, dem spanischen Äquivalent zum Oscar, für sein Lebenswerk. Ein verkannter Meister — grandios: »Un hombre va por el camino« (1950) und »Cielo negro« (1951) —, der nur 17 Filme inszenieren konnte und dem viel zu spät Tribut gezollt wurde. Im Rahmen einer Retrospektive wurde »La Encadenada« im August 1999 wiederaufgeführt und erfuhr schließlich die Zustimmung des Publikums, die ihm fraglos zusteht.

Vielerorts wirft man dem Film sein behäbiges Tempo vor, seinen Mangel an Blutrünstigkeit und Sex. Für einen handfesten Thriller fehlt es an Spannung, für einen Giallo an Titten, für ein Psychodrama an Tiefe. Mancher Rezensent sprach von einer Seifenoper. Giallo-Experte Christian Keßler, der ansonsten für praktisch jeden Film lobende Worte findet, bezeichnete »La encadenada« in seinem Verriss als »morbides Erotikdrama«. In meinen Augen ist das Werk ein dunkles Märchen, dem man sich aufmerksamen Blickes und mit angemessener Behutsamkeit nähern sollte. Tut man dies, wird man reich belohnt. Ein Film, in dem mehr steckt — viel mehr! —, als es auf den ersten Blick scheint.

André Schneider

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