21. September 2018

»One Deep Breath« by Antony Hickling (Filmkritik)
Bericht von Momo Rulez, metalust.wordpress.com, 30. März 2015.

Bedeutungsschwanger und schwerfällig gräbt sich One Deep Breath seinen Weg mit aneinander gehängten Postkartenbildern, nervt durch aufdringlich ästhetisierte Bildkomposition. Stilisiert, aber öde.

Schon bei Minute Sieben ärgert mich der Film, weil an sich unendlich zu entfaltende Möglichkeiten der Stilisierung völlig ins Leere laufen und noch nicht einmal der Charme der reinen Geste, der puren Oberfläche regiert — sondern lediglich eine Suggestion von Tiefsinn. Anstrengende, symbolische Inszenierungen scheitern am Performativ-Tänzerischen. Die Bildsprache erschlägt jedes Bild. Das ständig hinein montierte Meer wirkt wie schlechte Esoterik. Emotionen erfahren eine übereindeutige Symbolisierung in Gesten und Mimiken, die in einem Groschenroman beschrieben cool wirken könnten. So nicht. Die Figuren interessieren nicht, weil es gar keine sind — einfach Füllstoff für eine selbstreferentielle Inszenierung, die das Selbstreferentielle selbst nicht zu reflektieren vermag. Somit wirkt auch das, was erzählt werden soll, unerheblich.

One Deep Breath nutzt allerlei zauberhafte Quellen queerer Tradition: Die Stilisierung, das Spiel mit den Geschlechterrollen, die Pose, die Theatralik, ein notgedrungener Narzißmus, das Zitat. Doch nichts davon funktioniert in ihm. Würde er das Aufgesetzte, was in so vielen queeren Werken so vortrefflich als Wahrheit inszeniert wurde, nicht fortwährend mit dem »Achtung Kunst!«-Ausrufezeichen erschlagen und mit »Ist das nicht ein tolles Bild!« konterkarieren — er hätte Potenzial haben können. Das muss auch gar nicht ironisch, campy oder witzig umgesetzt werden. So jedoch wird das, was Filmgenuss ansonsten jederzeit bewirken kann, das Angestrengte nämlich, zum Ärgernis.

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20. September 2018

One Deep Breath
Bericht von Johannes Jarchow, queermdb, o. D.

»Wenn ein Feuerwerk in uns sich entzündet, von Körper zu Körper die Funken drehen, wenn meines Körpers Brennen dein Glühen begründet und uns glimmen lässt, bis dass wir vergehen…« — In der Beziehung von Maël und Adam hatte Poesie stets eine zentrale Rolle gespielt. Nun ist Maël nach Adams Selbstmord allein mit den Worten der Vergangenheit, er lässt sich von ihnen erfassen wie von einem Strudel. Die Fassungslosigkeit und Trauer scheint ihm den Verstand zu rauben. Zwischen Erinnerungen, Wunsch- und Alpträumen pendelnd, versucht er, die Realität zu fassen und ins Leben zurück zu finden. In seinem Bestreben, Adams Depressionen und damit dessen Tod »zu verstehen«, taucht er hinab in dessen Abgründe und stößt dabei auf Wahrheiten, die er lieber im Dunkeln gelassen hätte: zum Beispiel hatte Adam eine Parallelbeziehung mit der gemeinsamen Freundin Patricia, die ihrerseits mit dem Verlust des Geliebten zu kämpfen hat…

Tiefes Einatmen. Ich sehe ein Zerren, ein Fordern, ein Ineinanderbrechen und Auseinanderbrechen dreier Menschen, die in abstrakten Ebenen hadern, mit was auch immer — es geht mich zunächst nichts an. Nonstop angestrengte Gesichter, Schmerz, Apathie — bonjour tristesse!, willkommen in der Kernthematik aller Kurz- und Avantgardefilme: Depression. Verzeihung, ich bin Psychologe, ich verkürze 60 Minuten Elend auf ein Wort, eine Diagnose. Als Buddhist denke ich erhaben und milde lächelnd das Mantra der Erleuchteten, Künstler und Pessimisten: Das Leben ist Leiden. Atmen hilft, Ausatmen, Loslassen.

Während im Film weiter angestrengt geklammert, geschlagen und in jeder Bedeutung des Wortes gefickt wird, mache ich den Fehler und surfe nebenbei nach Filminfos (was ich immer tue, wenn mich ein Film ratlos macht). IMDb spoilert in der Ein-Satz-Synposis ohne Vorwarnung und verändert irreversibel meinen Blickwinkel, ärgerlich! Ich hätte doch gern selbst Erkenntnis erlangt statt belehrt zu werden. Das ist wie mit Frontalunterricht oder Witzen, die man erklärt bekommt. Da lacht man nur noch halb so herzig — wenn überhaupt.

Es läuft Milch aus einem Wasserhahn in eine Badewanne. Eine weiße Badewanne in einem weißen Badezimmer in weißer Überbeleuchtung. Das macht schöne Kontraste mit dem Blut, das aus der weißgesichtigen, in der weißen Milch ersoffenen Frau kommt, und dem Schwarz ihrer gelockten Haare. Der Reflex des Verstandes — Was will uns der Künstler damit sagen? — muss überlistet werden mit Erstaunen. Und das gelingt One Deep Breath immer wieder und besonders in jenen zugespitzten Momenten. Ich mache meinen Frieden mit dem Apfel der Erkenntnis, der sich nun mal nicht wieder herauswürgen lässt. Ich nehme die Kunst, den Wahnsinn, die Auflösung an. Und ganz am Ende stört mich nicht einmal die im sonnengelben Kleid tanzende Frau, das Lächeln des Orpheus, die Hades-Brücke, das Fortgehen der Euridice, die Abblende — ganz klassisch, keine Experimente mehr. Sterben ist einfach. Weiterleben ist schwer.

Der 1975 in Johannesburg geborene Schauspieler und Regisseur Antony Hickling und André Schneider, Filmemacher und Autor, Jahrgang 1978, lernten sich im Herbst 2012 beim Pariser Filmfestival Chéries-Chéris kennen, wo Hickling mit »Little Gay Boy, chrisT is Dead« im Wettbewerb vertreten war. Hickling konnte Manuel Blanc (J’embrasse pas) für das gemeinsame Projekt gewinnen, der auch im dritten Teil seiner Little Gay BoyReihe die Hauptrolle verkörperte. Schneider ist in Deutschland vor allem durch seine beiden Filme Alex und der Löwe und Männer zum Knutschen bekannt, die beide bei Pro-Fun Media veröffentlicht wurden.

6. September 2018

Die Feuerblume
Bericht von Thomas Harbach, Robots & Dragons, o. D.

André Schneider spricht in seinem ausführlichen, auch die Irrungen bei seinen Nachforschungen erwähnenden Vorwort davon, dass sein Buch Die Feuerblume im Grunde keine Biographie sein kann oder sein will. Es ist eine Filmographie geschrieben von einem Fan für Fans, die reichhaltig vor allem mit seltenen privaten Fotos bebildert, nicht den Mythos Marisa Mell angreifen oder verteidigen will oder auch nur kann, sondern in erster Linie die von ihr selbst in ihrem aus Geldnot veröffentlichten Buch »Coverlove« erschaffenen falschen Informationen zu relativieren sucht. Es ist kein einfacher Weg, den der Autor geht. Hinzu kommt, dass im Grunde neben den Ausführungen einiger Wegbegleiter Marisa Mells wie Senta Berger in ihren eigenen Biographien nur auf wenige Interviews und die Ausführungen ihrer langjährigen Freundin Erika Pluhars aus »Marisa« zurückgegriffen werden kann. Das Vorwort wird einige Leser eher verwirren. Denn erstens zitiert der Autor aus einem langen Essay, in dem er Romy Schneider und Marisa Mell privat wie beruflich miteinander vergleicht, ohne wirklich in die grundlegenden Details einzusteigen. Im nächsten Abschnitt versucht er diese Vorgehensweise zu relativieren, indem er Romy Schneider mit dem überlangen Sissy-Schatten [sic!], dem sie zu entfliehen suchte sowie ihren bekannten Eltern oder dem tragischen Tod ihres Kindes wieder ins richtige wie überdurchschnittlich tragische Licht rückt. Natürlich verlief die Karriere Romy Schneiders insbesondere in Frankreich erfolgreicher als bei Marisa Mell. Marisa Mell gibt in einer entscheidenden Phase ihrer Filmkarriere ihrem damaligen Freund/Mann die Schuld, der Projekte wie Luftschlösser für sie erschaffen wollte, während sie angeblich bei ernsthaften und ohne Frage erfolgreichen Produkten im Gespräch gewesen ist. Ihr damaliger Mentor und Lebensabschnittbegleiter hat diese Projekte hinter ihrem Rücken torpediert. Aber im Vergleich zu Romy Schneider, die früh kommerziellen überdurchschnittlichen Erfolg in Deutschland hatte und eine Persönlichkeit in Frankreich zu entwickeln suchte, konnte Marisa Mell vielleicht in den wenigen Jahren in Italien unter anderem dank Mario Bavas Danger: Diabolik oder Casanova 70 sowie vielleicht kurze Zeit davor in Großbritannien mit »Masquerade« kommerzielle Erfolge buchen. André Schneider gibt in seinem Vorwort offen, ehrlich und vor allem sympathisch zu, dass er über einige Seite Marisa Mells nicht schreiben wollte. Ihre Schwangerschaftsabbrüche; das kurzzeitige Abgleiten in die Pornographie weit über das von ihr zugegebene Maß hinaus oder das Sensationsbuch »Coverlove«, das ihre Affären mit bekannten Namen zur Schau trug, während es schlecht lektoriert und mit einem unansehnlichen Titelbild versehen schnell in der Versenkung verschwunden ist. André Schneider spricht indirekt sogar davon, dass er die Marisa Mell Fans [sic!] vor der Lektüre dieses Buches auch ein wenig »schützen« sollte. Es lohnt sich nicht, die Unmengen von Geld auszugeben, um dieses Machwerk zu besitzen oder gar zu goutieren.

Auf der anderen Seite ignoriert der Autor vielleicht auch einige Schwächen Marisa Mells zu sehr oder sucht Entschuldigungen. So gibt es Widersprüche hinsichtlich ihrer Pünktlichkeit, die sie ihre Ausbildung an einer der wichtigsten Wiener Schauspielerschulen gekostet hat. Marisa Mell stellt erst den Vorgang in ihren eigenen Worten ganz anders da [sic!] — sie hätte angeblich schon Filmengagement gehabt —, dann wird von einer einmaligen Situation gesprochen und der Leser kann sich kein abschließendes Bild davon machen. Auch ihre privaten Beziehungen vor allem aufgrund ihrer Vielzahl und der Hoffnung, auf der einen Seite einen Partner fürs Leben zu finden, auf der anderen Seite neben den Affären diese Beziehungen zu sabotieren, werden immer wieder erwähnt, aber positiv für den ganzen Text nicht unbedingt extrapoliert. Dieses ein wenig an der Oberfläche bleiben verhindert aber auch, dass der Leser sich Marisa Mell wirklich nähern kann. André Schneider spricht davon, dass sie im Kino distanziert und unterkühlt erscheint. Dass sie in »warmen« Rollen eher wie ein Fremdkörper wirkt, der in seiner eigenen Welt gefangen ist. Diese Idee kann man auch auf dieses Buch übertragen. Als Idol, als wunderschöne und doch irgendwie auch verklärte Frau erscheint Marisa Mell, als Symbol einer vielleicht auch »wilden« Epoche, als Sexsymbol und Lebefrau, aber weniger und dann seltsam doppelte distanziert als Mensch. Auch wenn André Schneider oft aus dem Buch »Marisa« zitiert oder es nur hinsichtlich von Unstimmigkeiten oder Abstimmung zu Rate zieht, empfiehlt es sich, Die Feuerblume als Filmführer und »Marisa« als mit großen Lücken verzierter Lebensbegleiter zu sehen. Immer wieder auch im Verlaufe des Textes wird betont, dass es dem Autoren in erster Linie um Marisa Mells Filme geht. Lässt man den sekundärliterarischen, sehr ausführlichen Anhang allerdings aus und konzentriert sich auf den Text, dann wird deutlich, dass Marisa Mells tragisches Leben die kritische Reflektion [sic!] der Filme nicht nur überschattet, sondern auch textlich auch mehr auf das Privatleben der Frau eingegangen wird als auf dessen [sic!] Arbeiten.

Es zeichnet sich ein natürlich ambivalentes, widersprüchliches Bild einer Frau, die auf der einen Seite das Rampenlicht gesucht und darin »gebadet« hat, die intelligent und naiv zugleich gewesen ist, ihre Schönheit als vergänglich und doch dank der Leinwand und der Fotoaufnahme als ewiglich zu sehen. Auf der einen Seite eine treue Tochter, die ihre Mutter im Tod pflegte. Eine sich aufopfernde Freundin. Eine Frau, die gerne für Freunde kochte und gastfreundlich gewesen ist. Für die ihr Hund der beste Begleiter über 11 Jahre gewesen ist. Nicht umsonst sieht man die Marisa Mell auf einem der vielen privaten Fotos auf der Coach sitzen und häkeln. Die gläubig gewesen ist und in der Religion keine Flucht, aber eine Erweiterung ihres Bewusstseins und ihrer Erfahrungen suchte. Die entweder pünktlich, zuverlässig und fleißig in ihrem Job gewesen ist oder nach einigen anderen der eingestreuten Aussagen unter dem Hinweis ihres Rausschmisses in der Schauspielschule auch vergesslich, schwierig und ein wenig narzisstisch, ein echter Star. Das Bild ist trotz oder vielleicht auch wegen zahlreicher Äußerungen in verschiedenen Biographien vom Egomanen Helmut Berger bis zur bodenständigen Senta Berger, über Christine Kaufmann bis zu den verschiedenen Interviews mit ihren Co-Stars ambivalent. Der Autor ist sich dieser Widersprüche auch bewusst und in jeder rein professionellen Arbeit könnte er dafür kritisiert werden, nicht hinter die Kulissen zu schauen oder weiter zu forschen. Aber am Ende spricht er davon, dass diese Widersprüche auch ein Teil des Mythos Marisa Mell sind. Was bleibt, ist das oberflächliche Portrait einer Frau, die gerne und gut kochte. Die verschiedene Affären hatte, von denen keine für die Zukunft aufgebaut worden ist. Die es reizte, ihre erotischen Grenzen insbesondere bei verheirateten Männern auszutesten, die niemals wirklich bei ihr blieben. Meistens hat Marisa Mell diese Affären beendet. Nur einmal wurde sie verlassen. Jeder dieser Punkte ist zu akzeptieren und auch gleichzeitig zu kritisieren, da impliziert ihr Privatleben auch in einem Zusammenhang mit ihrem beruflichen »Erfolg« und »Misserfolg« steht. Sie scheint eine warmherzige Frau gewesen zu sein, die vielleicht auch an der Seite eines richtigen Mannes zur Ruhe gekommen wäre. Auf den fehlenden Vater manches zu schieben, ist vielleicht zu einfach. André Schneider schaut vielleicht in ihrem späteren Lebensabschnitt ein wenig zu oft weg und versucht Skandale zu relativieren. Dabei ist er positiv wie negativ im Grunde nur noch auf zwei Quellen angewiesen. Einmal »Coverlove«, aus dem ausführlich zitiert wird und das entgegen der Einleitung einen tieferen Einblick in die Persönlichkeit Marisa Mells gibt als es vielleicht der Autor selbst wahrhaben möchte, und natürlich »Marisa«, das aber unter den zeitlichen Sprüngen in der Freundschaft leidet. Wenn viele Freunde in diesem Buch davon sprechen, dass sie zu einer Italienerin geworden ist, dann ist dieser Hinweis eher vorsichtig zu betrachten, denn sie hat ihr Geselligkeit aus Österreich mitgebracht und um eine besondere Note der Herzlichkeit erweitert. Alle zeichnen ein besonders herzliches Bild von Marisa Mell, das ihr berufliches Scheitern in der Theorie desto tragischer ist [sic!]. Ihr früher, nicht leichter, aber von ihr auch anscheinend in Demut ertragener Tod trägt dazu bei. Auf der anderen Seite muss ihr Privatleben mit den zahlreichen Liebschaften, dem Versuch als moderne Frau in den im Grunde zwischen allen Stühlen ablaufenden sechziger und siebziger Jahren mit einer sozialen Revolution, einem neuen Frauenbild und der freieren Sexualität, allerdings auch kritischer hinterfragt werden. Der Leser hat den Eindruck, als habe Marisa Mell statt sich den in erster Linie privaten Herausforderungen aktiv zu stellen, immer die Provokation gesucht, das Überschreiten der Grenzen. Insbesondere in Kombination mit der freundlichen und freundschaftlichen Hommage »Marisa« ist dieser Eindruck eher falsch. Auf der einen Seite liebte sie es, ein Star zu sein und genoss ihr Leben auch dank des Geldes in vollen Zügen. Auf der anderen Seite hat man auch den Eindruck, als sei sie weniger der moderne Frauentyp, die Femme Fatale, sondern hätte auch gerne als Mutter — das hat ihr auch Angst gemacht — und vor allem Ehefrau an der Seite eines Mannes am Rande der Öffentlichkeit, aber nicht immer im Mittelpunkt der Presse leben können.

Löst man sich von diesem doch fast gegen den Willen des Autoren dominierenden Element ihres Privatlebens inklusiv der Exkurse in ihre teilweise tragischen, auf beiden Seiten auch selbstzerstörerischen Liebschaften und kehrt zu ihrer beruflichen Entwicklung inklusiv des desaströsen Broadway-Auftritts zurück, dann gewinnt Die Feuerblume als Fan-Arbeit an Tiefe, als kritisches Begleitwerk frustriert nicht nur wegen der Seltenheit der Filme die Studie aber zugleich. Als letzten Exkurs zum Privatleben stellt André Schneider gerne die Realität — nur eine Aufführung — und Marisa Mells Fiktion — acht Vorstellungen pro Woche über mehrere Monate — des »Mata Hari«-Musicals gegenüber. Er behauptet, in den Zeiten vor der globalen Dominanz des Internets wäre es einfacher gewesen, Mythen und Legenden zu vertreiben und »Unwahrheiten« zu präsentieren. Betrachtet der Leser die intensive Recherche und die Ergebnisse, die André Schneider erhalten hat, dann ist das Internet kein Weg der zum Ziel führt, sondern der Eingang zu einem weiteren Labyrinth von Fakten und Behauptungen, die nicht konkretisiert oder relativiert werden können.

Zu den Filmen. Es ist eine Fan-Arbeit und der Autor bemüht sich auch, in erster Linie für Marisa Mell-Fans zu schreiben. Manchmal ein wenig flapsig, arbeitet er sich verständlich auch despektierlich durch die nicht immer guten Filme. Es lohnt sich nicht, über eine italienische Sexklamotte oder einen mühsam zusammengestückelten Reißer mehr als einige Zeilen zu verlieren. An einigen Filmen scheitert der Autor einfach aufgrund der Tatsache, dass sie entweder nicht mehr verfügbar sind oder ihre Identität sich auf einige Fotos und vielleicht raubkopierte alte VHS-Kassetten beschränkt. Es klingt schon ein wenig unprofessioneller Frust in den Zeilen mit, wenn der Autor davon spricht, dass private Sammler für eine schlechte Kopie fünfzig bis einhundert Euro haben wollen. Enttäuschend ist etwas anderes. Über eine Reihe von Marisa Mell-Filmen ist viel geschrieben worden. Alleine Tim Lucas Werk zu Mario Bava bietet einen Quell von Informationen an. Über andere Filme ist ausführlich an anderen Stellen geschrieben worden. André Schneider konzentriert sich zu sehr auf die Fanseite und nicht selten hat der Leser das unbestimmte Gefühl, als wohne er eher einem Gespräch zwischen zwei Freunden bei als dass er eine Arbeit über ihre Filme liest. Es fehlt die objektive Kritik. Natürlich liegt der Fokus sehr eng auf Marisa Mell, aber wenn es teilweise wie Scheuklappen erscheint, dann hilft es auch nicht. Ohne Frage greift der Autor auf einen umfangreichen Informationsfundus zurück und schaut mit weiterreichenden Informationen über den Tellerrand hinaus. Er schreibt über Marisa Mells Co-Stars, wobei auch hier der Bogen teilweise zu ihrem Privatleben wieder geschlagen wird und geschlagen werden muss. Auf der anderen Seite werden die Filmchen nicht selten mit wenigen, despektierlichen und einer Kritik nicht entsprechenden Sätzen abgekanzelt. Zieht der Leser die Kamera ein wenig zurück, so ist nicht immer wirklich klar, in welchem Abschnitt ihrer Karriere sie sich befindet. Da werden auf der einen Zeit drei Produktionen aus ihrer spanischen Phase wahrscheinlich auch zu recht gelobt, auf der anderen Seite die einzelnen Filme im anschließenden Kapitel dann wieder stark kritisiert. Die einzelnen Darstellungen erscheinen zu selten miteinander verglichen und der Fokus liegt sehr auf ihren Auftritten, so dass man kritisch von einer Art Film im Film fast sprechen kann. Wenn auf der einen Seite von einem quantitativen Anstieg ihrer Auftritte gesprochen wird, auf der anderen Seite ihre Qualität und vor allem ihre Dauer stark abnimmt, dann wirkt dieser Widerspruch nach. Die offensichtlich wenigen Filme, welche ihren heutigen Ruhm und die Faszination ihres Gesichts für die Ewigkeit festhalten, werden zu wenig von den schwachen Produktionen abgegrenzt und als Film besprochen/rezensiert/kritisiert oder gelobt. Natürlich ist es nicht André Schneiders Anspruch, über die einfach bekannten Produktionen zu schreiben, sondern die unbekannten herauszustellen. Und hier krankt das Buch vielleicht am ehesten. Erstens geht der Autor aus der Perspektive der Antipathie mit einigen insbesondere weiblichen deutschsprachigen Schauspielern nicht aus der neutralen Distanz des Biographen um, sondern versucht sie umgangssprachlich in ihren Rollen durch den Kakao zu ziehen und zweitens wünscht man sich einfach bei einigen Filmen, mehr über das Gesamtwerk — auch Machwerk — zu erfahren, als nur Marisa Mells Rolle kennen zu lernen. Wenn dann ihre letzten Filme als belanglose Sexkomödien titeltechnisch nur noch aufgelistet werden, spricht ein wenig Frustration aus dem Autoren. Neben der fehlenden Kritik ist auch der Umgang mit ihrer »Karriere« ambivalent. Auf der einen Seite wird gesagt, dass sie mit ihrer Rollenauswahl nicht immer glücklich gelegen hat, auf der anderen Seite muss zugegeben werden, dass zum Beispiel Danger: Diabolik ihr nur zugefallen ist, weil die Deneuve mit der Rolle während der ersten Drehwoche nichts anfangen konnte. Der Leser hat auch nur selten den Eindruck, als habe die Mell in der intensivsten und erfolgreichsten Phase ihrer Karriere wirklich die Herausforderung gesucht. Sie scheint eher den einfachen Weg gegangen zu sein, um schnell Geld zu verdienen, das sie für ihren privaten Lebensstil benötigte. Wenn André Schneider argumentiert, dass Marisa Mell in den sechziger Jahren zu einem der bestbezahlten weiblichen Schauspieler in Italien aufgestiegen ist, dann fragt man sich unwillkürlich, aufgrund welcher Rollen? Das Buch gibt in dieser Hinsicht keine Antwort. Das gilt auch für ihre Fotokarriere, die ihr anscheinend viel Geld eingebracht hat, aber zusätzlich aus der Bekanntheit ihres Werbeimages sie vielleicht auch fürs Kino Angebote gezogen hat. Vieles erscheint in der vorliegenden Arbeit ambivalent, aus der Fan-Perspektive berechtigt niedergeschrieben, aber wie Marisa Mell bleibt der Autor an einigen wichtigen filmtechnischen Stellen an der Oberfläche. An keiner Stelle hat man vielleicht auch berechtigt das Gefühl, als habe Marisa Mell lange Zeit wirklich neue Herausforderungen gesucht. Das kann mit der Ignoranz ihrem Alter gegenüber zusammen hängen. Sie hat auch lange gebraucht, um ihre eigenen Dämonen — Alkohol, Drogen und schließlich zu viele Männer — in den Griff zu bekommen. Während andere Schauspielerinnen zum Fernsehen gegangen sind oder zum Theater gewechselt sind, wirken diese Versuche eher bescheiden, spärlich und werden auch von André Schneider nicht mehr recherchierbar nach anfänglichen Erfolgen abgebrochen. Es ist erstaunlich, dass eine so erfahrene Schauspielerin, die angeblich nicht nur nett, sympathisch, sondern vor allem auch zuverlässig und immer präsent gewesen ist, es angeblich nicht geschafft hat. Oder schaffen wollte? Diese Aspekte sollten vielleicht in einer klassischen Biographie noch einmal aufgegriffen werden, um den Menschen Marisa Mell dreidimensionaler und weniger verklärt mit den wenigen Höhen und zählbaren Tiefen ihres Werkes vorzustellen.

Sein Exkurs in das anscheinend erst mit »Star Wars« einbrechende Kino wirkt allerdings wie ein Fremdkörper. Nach den Italo-Western und den harten Gangsterstreifen der sechziger und siebziger Jahre konnte sich die italienische Filmindustrie schon mit »Der weiße Hai« nicht mehr richtig durchsetzen. Dass die Italiener auch schon früher kopiert haben, unterstreichen Leones »Für eine Handvoll Dollar« oder die italienischen Gangsterfilme, die zeitgleich mit dem Blacksploitationkino aufkamen. Auch danach haben die Italiener effektiv geklaut. Der Unterschied lag eher in der Tatsache, dass wie in Hollywood zu dieser Zeit, das künstlerische Kino in Italien zusammen gebrochen ist. Exploitation ging bis in die achtziger Jahre mit den »Mad Max«-Kopien immer. Und aus Fairnessgründen muss gesagt werden, dass einige Giallos [sic!] nicht unbedingt italienischer Wurzeln, sondern sich an Die Teuflischen — der am meisten kopierte, nein inspirierte Film in Italien [sic!] — oder Hitchcock mehr als orientiert haben.

Zusammengefasst ist Die Feuerblume doch eher eine sittsame und emotionale, ihre Schwäche diskret ganz am Rande erwähnende Studie Marisa Mells geworden, aus der die Schauspielerin, spätere Künstlerin weniger herausragt als es dem Autoren vielleicht selbst bewusst geworden ist. Ohne Frage eine bis auf einige verbale Entgleisungen, die den Fancharakter des Projektes zu stark herausheben, sehr gut lesbare Studie, eine Fleißarbeit und eine Liebeserklärung, die mit Marisa Mell fairer und objektiver umgeht als sie es sich vielleicht selbst gewünscht oder erwartet hat. In Kombination mit »Marisa« gibt es einen guten Einblick in ihr kurzes, aber auch selbstzerstörerisches Leben, das wie ihre Karriere vor allen Kameras im Grunde nach einer kurzen Phase des Ruhms nach »unten«, einem frühen Tod entgegen ging. Diese Tragik wird durch verschiedene Zitate aus »Marisa« überdeutlich pointiert, während man sich mehr die kritische Meinung des Autoren an anderer Stelle wünschte.

Auf der anderen, einmaligen Seite finden sich mehrere Dutzend teilweise seltene Fotos in exzellenter Qualität in diesem Buch. Neben wenigen Filmaufnahmen eher private aufschlussreiche Fotos, Jetsetbilder oder ihre professionellen Kamerajobs. Ohne Frage strahlen sie Marisa Mells einzigartige, im positiven Sinne auch kantige Schönheit genauso aus wie ihre Begabung, aber auch Affinität — manche sprechen auch von einer Sucht —, die Kamera zu betören. Diese Bilder geben dem Leser aber auch die Möglichkeit, den Menschen hinter dem Glamourstar [sic!] zu suchen und teilweise zu finden. Wenn sie mit der Zigarette in der Hand neben einem ihrer Kollegen — er spielt gerade — sitzt und eine Drehpause genießt, in ihrer Wohnung entweder vor der Plattensammlung oder mit dem Hund sich ausruht, dann gibt es ein gänzlich anderes Bild als es die Medien gezeichnet haben. Dazu kommen in Farbe einige Poster ihrer Filme. Neben den Quellenangaben sind es die Kritiken ihrer Filme — keine deutsche Danger: Diabolik-Rezension? — , die Auflistung ihrer Auftritte und zwei eher heute bizarre erscheinende »Spiegel«- Artikel — den Nachruf sollte man eher unter den Tisch kehren —, welche die zusammenfassend erste wirklich empfehlenswerte längere Arbeit trotz der angesprochenen Schwächen abrunden.

[Anm.: Leider war es uns unmöglich, sämtliche Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler zu korrigieren. Wir haben den Artikel praktisch unverändert übernommen und auch die inhaltlich-faktischen Fehler nicht ausgebügelt.]