Filmtipp #100: Die Frau aus dem Nichts

Die Frau aus dem Nichts

Originaltitel: Secret Ceremony; Regie: Joseph Losey; Drehbuch: George Tabori; Kamera: Gerald Fisher; Musik: Richard Rodney Bennett; Darsteller: Elizabeth Taylor, Mia Farrow, Robert Mitchum, Peggy Ashcroft, Pamela Brown. GB 1968.

secret ceremony

Ob die Taylor eine gute Schauspielerin war, lässt sich schwer sagen. Sie war, wie viele Stars, sehr von ihrem Regisseur abhängig. Sie war große Klasse unter George Stevens’ Führung in »A Place in the Sun« (1951) und »Giant« (1956), perfekt besetzt in den Tennessee Williams-Verfilmungen »Cat on a Hot Tin Roof« (Regie: Richard Brooks) und »Suddenly, Last Summer« (Regie: Joseph L. Mankiewicz), und der Oscar für »Who’s Afraid of Virginia Woolf?« (Regie: Mike Nichols) war wohlverdient. In Reflections in a Golden Eye gab sie die vermutlich beste Vorstellung ihrer Laufbahn. »Irgendwann wird man nicht mehr für seine Leistungen, sondern nach seinen Entscheidungen beurteilt«, sagte die legendäre Else Bongers einmal so treffend, und Liz Taylor traf ab 1963 einige mehr als fragwürdige Entscheidungen. Eines ihrer zu jener Zeit immer offenkundiger werdenden Probleme war ihre eklatante Geschmacklosigkeit: selbst unter all den Pelzen und Juwelen wirkte sie trotz ihrer unleugbaren Schönheit billig, vulgär, plump und affektiert. Hinzu kam eine in späteren Jahren stetig zunehmende Selbstüberschätzung; wenn der Regisseur die Zügel nicht straff genug hielt, galoppierte sie blasiert chargierend davon — overacting deluxe sozusagen. Vergleiche zu Lana Turners Spiel in The Big Cube drängen sich förmlich auf. Man könnte böswillig behaupten, dass ihre Eheschließung mit Richard Burton ihre Karriere im Prinzip beendete. Zwar drehten die beiden einen (schlechten) Film nach dem anderen, und Liz bekam für jeden ihrer Auftritte eine Gage von einer Million Dollar plus Spesen und Extrawünsche (oft musste unsinnigerweise in Frankreich, London oder Rom gedreht werden, damit sie Steuern sparen oder in der Nähe ihres Gatten sein konnte), aber abgesehen von »Who’s Afraid of Virginia Woolf?« war jeder ihrer Filme ab 1963 ein Reinfall.

Dass Joseph Losey ein guter, ein brillanter Regisseur war, kann man nicht bestreiten. Mit seinem Lieblingsautor Harold Pinter drehte er drei Meisterwerke: »The Servant« (1963, mit Dirk Bogarde), »Accident« (1967, wieder mit Bogarde) und »The Go-Between« (1971, mit Julie Christie). Auch bei der visuell Amok laufenden Agentenparodie »Modesty Blaise« (1966, mit Monica Vitti und Terence Stamp) hatte er die Regie. Doch dann wurde er zum »dienenden Regisseur«, der von Weltstars wie dem Ehepaar Taylor/Burton, Alain Delon oder Jane Fonda »eingekauft« wurde, um sie vorteilhaft in Szene zu setzen. Diese Bemühungen gingen — mit Ausnahme des Delon-Vehikels »Monsieur Klein« (1976) — allesamt in die Hose. Den Anfang machte der fast schon legendäre so-bad-it’s-good-Fehlschlag »Boom!« (1967) — ausgerechnet nach einem Stück von Tennessee Williams: »The Milk Train Doesn’t Stop Here Anymore«. Ein kostspieliger Flop, der optisch einiges an Schauwerten zu bieten hatte: Auf Sardinien baute man das Goforth-Anwesen, eine aufs Mittelmeer blickende pinkfarbene Villa, detailgetreu nach, und Taylors Kostüme und Diamanten entsprachen ihrem tatsächlichen Lebensstil. Am Broadway hatten Tallulah Bankhead und Tab Hunter die Hauptrollen gespielt; als Tennessee Williams den Film gesehen hatte, soll er geschluchzt haben: »Die Burtons sind eine schreckliche Fehlbesetzung!« — Die Taylor ist hier so over the top, dass das Zuschauen wirklich Spaß macht — besonders, wenn sie ihre Angestellten beschimpft oder mit Noël Coward, der die »Hexe von Capri« gibt, die Klingen kreuzt.
     Loseys 1971 gedrehtes Politdrama »The Assassination of Trotzky« mit Richard Burton, Alain Delon und Romy Schneider gilt gemeinhin als sein absoluter Karrieretiefpunkt und schaffte es, bei den »Golden Turkeys« unter die 50 schlechtesten Filme aller Zeiten gewählt zu werden. In meinen Augen setzt der Film, den ich Euch — wie bereits angekündigt — heute vorstellen möchte, dem Ganzen noch ein Krönchen auf. »Secret Ceremony« ist ein richtig übler Film! Vor allem, wenn man sich einmal klar macht, was für Talente hier verschwendet wurden: kein geringerer als George Tabori schrieb das Drehbuch, die namhafte Besetzung ist erstklassig, und Losey, der immer schon eine Vorliebe für Häuser hatte, ließ die Hintergründe detailbesessen ausstatten. Nur scheint es unglücklicherweise, als habe er sich mehr für die Hinter-, als für die Vordergründe interessiert. Dennoch: Für Freunde des Übersteigerten ist das Machwerk eine wahre Fundgrube.

Es handelt sich um eine Art gotischen Thriller, in dessen Mittelpunkt die maßlos schlecht spielende Taylor als alternde Prostituierte Leonora steht. Die unzähligen Perücken und Haarteile, die sie trägt, nehmen schon einige Elemente von Kathleen Turners Figur in »Crimes of Passion« (Regie: Ken Russell) vorweg. (Kathleen Turner sagt in jenem Film den denkwürdigen Satz: »Ich vergesse nie ein Gesicht, auf dem ich einmal gesessen habe.«) Leonora sitzt vorm Spiegel, zuppelt und zieht an ihrem Gesicht herum, pflegt halbherzig ihre blonde Perücke, fährt mit dem Bus durch London zu einem — man horche auf! — Friedhof. Das Ganze nimmt schon beinahe sieben Minuten Laufzeit in Anspruch. Wer also wissen möchte, wie man aus einem Kurzfilm einen abendfüllenden Spielfilm macht, sollte sich »Secret Ceremony« unbedingt anschauen. Ein episches Werk!
     Auftritt Mia Farrow, nervtötend wie nie zuvor oder danach, als Cenci. Auch sie trägt eine Perücke, Losey verkauft den mangelhaft geknüpften Skalpersatz allerdings als ihr echtes Haar. Cenci ist nicht nur schlecht perückt, sondern auch völlig plemplem. Cenci spricht Leonora an, da sie in ihr ihre tote Mutter wieder zu erkennen glaubt. Die Szenen, in denen sich die damals auch nicht mehr ganz so taufrische Farrow mit einem gefiepten »Mami! Mami!« an die für ihre Rolle noch viel zu junge Taylor ranwirft, sind kleine Kabinettstücke des Trashs — »Valley of the Dolls« (Regie: Mark Robson) lässt grüßen! Mia Farrow soll, ganz in der Tradition ihrer Figur aus »Rosemary’s Baby« (Regie: Roman Polanski) zerbrechlich sein, wirkt aber nur aufgekratzt und balanciert mit kindlich verstellter Stimme am Rande der Hysterie.
     Leonora wiederum fühlt sich — natürlich! — von Cenci an ihre kleine Tochter erinnert, die im Alter von zehn Jahren ertrank. (»What do you know about drowning!«, keift die Taylor die völlig verdutzte Mia Farrow an, als sie gemeinsam ein Bad nehmen.) Okay, geistig dürfte Cenci mit einem Schulkind auf einer Stufe stehen, dennoch ist dieser Teil der Geschichte alles andere als glaubwürdig. Nun gut, wie dem auch sei, jedenfalls folgt Leonora der Cenci in deren alte Villa, und die beiden spielen ein Weilchen Mutter und Tochter. Cenci macht Leonora Frühstück, und diese rülpst, dass die Möbel knacken. Die beiden baden und schlafen zusammen. Alles ist toll und harmonisch; zwei verrückte Mädels in einem feudalen Stadtschlösschen. Two Ladies Gaga. Diese Anfangsszenen sind so ausufernd geraten, dass man den Film locker nach einer halben Stunde enden lassen könnte; der Zuschauer hätte trotzdem das Gefühl, um zwei Stunden Lebenszeit betrogen worden zu sein. Aber nein, so einfach darf es ja nicht sein, und so treten bald noch zwei habgierige Tanten (Peggy Ashcroft und Pamela Brown, die wir aus The Night Digger kennen) und Cencis lüsterner Stiefvater (Robert Mitchum, wer sonst?) auf den Plan und machen den beiden Frauen das Leben schwer. Wer will es ihnen auch verdenken?
     Cenci stirbt — ach was! — nach ungefähr 100 Minuten, Leonora hat also ihre Tochter ein zweites Mal verloren und bleibt gebrochen zurück. Ende. Da fragt man sich als Zuschauer doch, wofür man so lange wach geblieben ist.

Als »Secret Ceremony« im Oktober 1968 startete, versuchten einige Kritiker beherzt, diesem verworrenen, bizarren und langatmigen Psychodrama-Versuch durch gründliche Analyse von Gegenstandssymbolik und den Hinweis auf die zahlreichen »Verdoppelungen« und »Wiederholungen« noch etwas abzugewinnen, doch unterm Strich fiel das Urteil über den Schinken ziemlich vernichtend aus. Vor allem Elizabeth Taylor, die sich seinerzeit mitten in einer beispiellosen Serie von Flops befand und munter dabei war, ihren Status als Kassenmagnet unwiderruflich zu demolieren, bekam ihr Fett weg. So schrieb »The New York Times« hämisch: »Dass sie fast jede Zeile ihres Textes falsch liest, grenzt schon beinahe an Erhabenheit.« Und Robert Mitchum, dessen Part nicht viel mehr als ein Gastauftritt war, spottete später: »Mit dem Drehbuch haben sie ein paar merkwürdige Dinge angestellt. Als ich ankam, hatten sie Probleme, und ich glaube nicht, dass ich zur Verbesserung der Situation beitragen konnte.«
     »Secret Ceremony« floppte an der Kasse genauso erbärmlich wie »Boom!« und jeder der folgenden Taylor-Filme, von denen einer miserabler als der andere war: »Ash Wednesday« (Regie: Larry Peerce, mit Helmut Berger), »Night Watch« (Regie: Brian G. Hutton, mit Laurence Harvey in seiner letzten Rolle), »The Blue Bird« (Regie: George Cukor) und »A Little Night Music« (Regie: Harold Prince) waren die — oft nicht einmal mehr unfreiwillig komischen — Tiefpunkte ihrer aufregenden Karriere.

André Schneider

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