Filmtipp #99: Uns trennt das Leben

Uns trennt das Leben

Originaltitel: Uns trennt das Leben; Regie: Alexander Dierbach; Drehbuch: Alexander Dierbach; Kamera: Ian Blumers; Musik: Sebastian Pille; Darsteller: Julia Koschitz, Jannik Brengel, Anneke Kim Sarnau, Jasmin Schwiers, Tim Bergmann. Deutschland 2010.

Uns trennt das Leben

Außer Homevideo und Juste une question d’amour habe ich hier noch keine Fernsehfilme vorgestellt. Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer davon ist, dass ich hier nur Filme besprechen möchte, die auf DVD erhältlich sind, und TV-Produktionen kommen nur sporadisch in den Verkauf. Zum Beispiel warte ich seit Jahren darauf, dass »So schnell Du kannst« (Regie: Vivian Naefe) mit Nicolette Krebitz erscheint — einer der besten Fernsehfilme, die ich je gesehen habe! Ein weiterer Grund ist, das habe ich bereits anderswo betont, dass ich nach wie vor der Meinung bin, dass Filme fürs Kino gemacht werden. Es gibt nicht viele Fernsehfilme, die mir gefallen, und das deutsche Fernsehen kann leider international kaum noch konkurrieren, die Engländer haben in Sachen TV die Messlatte verdammt hoch gelegt. Verzeihung, wenn ich das so in Vergleich setze, aber schaut Euch mal ein paar Folgen von »The Mighty Boosh«, »Sherlock«, »Absolutely Fabulous« oder »Downton Abbey« an und zieht Euch anschließend mal »Der Alte«, die »Lindenstraße« oder »Das Adlon. Eine Familiensaga« rein, dann werdet Ihr verstehen, was ich meine. Modetechnisch ist das ein wenig so, als wolle man Yves Saint Laurent mit C&A vergleichen, kulinarisch gesehen wäre es ein Vergleich von Le Train Bleu in Paris mit einer beliebigen McDonald’s-Filiale. Da wir hierzulande wirklich blendende Schauspieler, gute Autoren, brillante Techniker und versierte Regisseure haben, hält sich mein Verständnis für die mangelhafte Qualität deutscher Fernsehunterhaltung in Grenzen. Natürlich hat das mit den Redaktionen zu tun, die weder den Machern, noch den Zuschauern etwas zutrauen und »gewagte« Drehbücher einebnen. Das ist auch der Grund, warum die Filmförderung meist nur 08/15-Ware unterstützt — es sei denn, der Regisseur hat schon einen Namen. Aber ich schweife aus.

Der TV-Film, den ich Euch heute empfehlen möchte, »Uns trennt das Leben« von Alexander Dierbach, ist jedenfalls einer der tollsten, die ich kenne. Ein glaubhaft gestaltetes, tief berührendes Drama. Geschickt verknüpft Dierbach vier Geschichten, sieben Einzelschicksale, mit einer Tragödie als Ausgangspunkt: Beim Spielen im Wald wirft der kleine David (Brengel) einen Stein nach der achtjährigen Tine (Amona Assmann) und trifft sie dabei so unglücklich am Kopf, dass sie stirbt. David wird in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen; die Kinderpsychologin Nora (Koschitz) soll hier versuchen, den Vorfall »aufzuklären«: War es ein Unfall oder nicht? Der Junge ist verängstigt und leidet an Halluzinationen, in denen er von einem Clown (Thorsten Krohn) verfolgt wird. Während ihre Kollegen rasch eine frühkindliche Schizophrenie diagnostizieren, bohrt Nora weiter und vermutet, dass eine psychische Überlastung der Auslöser für Davids Angstzustände ist. Seine Mutter Constanze (Sarnau) gibt offen zu, als Alleinerziehende mit der Situation völlig überfordert zu sein. Während Nora sich bemüht, dem Jungen zu helfen, droht die Ehe von Tines Eltern (Bergmann, Schwiers) am Tod ihrer Tochter zu scheitern — und auch Noras eigenes Privatleben mit dem Schreiner Tim (Sebastian Ströbel) wird schwer belastet.
     Bis in die Nebenrollen — Johannes Silberschneider, Dominic Raacke, Jan Messutat — herausragend besetzt und in der Bildgestaltung verblüffend schön, ist »Uns trennt das Leben« absolut kinotaugliche Kost. Harter Tobak zwar, aber durchweg spannend und bewegend. Julia Koschitz gehört seit zwei, drei Jahren zu meinen Lieblingsschauspielerinnen, ich liebe ihr anmutiges Wesen, ihre Art zu sprechen, diese charmante Mischung aus sanfter Ironie und Feinfühligkeit; ich glaube nicht, dass sie jemals eine wirklich schlechte Vorstellung geben könnte. Beeindruckend sind hier aber vor allem die Kinder — Jannik Brengel und Amona Assmann sind famos! — und das fein recherchierte und klug aufgebaute Drehbuch. Zu Recht wurde Alexander Dierbach 2011 für diesen Film mit dem Studio-Hamburg-Nachwuchspreis für die beste Regie ausgezeichnet.

André Schneider

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