31. Januar 2013

Portrait von André © by Frédéric Huet

Portrait von André © by Frédéric Huet

Ein klitzekleiner Eintrag, um Euch darüber in Kenntnis zu setzen, dass ich einige Wochen nicht bloggen werde. Noch bis Mitte Februar kure ich an der Ostsee, direkt im Anschluss fliege ich nach Paris, um rechtzeitig zu meinem 35. Geburtstag wieder in Deutschland zu sein. In der Zwischenzeit seid Ihr angehalten, weiterhin fleißig auf meinem Blog zu stöbern; die ersten Rezepte, besonders die Verler Kirschsuppe, sind beliebter Lesestoff geworden, und auch meine Filmtipps scheinen weiterhin zu begeistern. Unser Spendenaufruf für Le cadeau behält ebenso seine Gültigkeit wie der regelmäßig aktualisierte Terminkalender.
     Kommt gut durch die letzten Winterwochen; ich weiß, besonders der Februar ist schwer, weil man da schon fünf Monate Dunkelheit durchlaufen hat. Wir lesen uns frisch und fruchtig zum Frühlingsanfang wieder. Lasst Euch herzen!

André

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Filmtipp #104: Der Feind in mir

Vor ziemlich genau zwei Jahren stellte ich Euch mit The Night Digger den ersten Film hier vor. Bis heute sind es 104 Filmtipps, auf zwei Jahre verteilt macht das also einen Film pro Woche. Vielleicht packt Euch ja die Lust oder der Ehrgeiz, sie alle mal durchzuchecken? Anmerkung hierzu: Ich habe hier nur Filme besprochen, die auf DVD oder DVD-R erhältlich sind. Einige — Un tranquillo posto di campagna, Pena de muerte oder Wild and Wonderful zum Beispiel sind zugegebenermaßen nicht leicht zu finden, We Don’t Live Here Anymore gehört zu den DVDs, die ich mir aus Südafrika mitbrachte, und die vier Fritz Lang-Filme habe ich in Paris gekauft. Kann also sein, dass Ihr ein wenig suchen müsst, aber Recherchen sind spannend und machen Freude. Den Besucherzahlen zufolge haben es Euch besonders die 14 Werke in der »Schlechte Filme, die Spaß machen«-Rubrik angetan. Nach der Schreibpause werde ich mich bemühen, weiterhin so kuriose Trash-Schätze für Euch zu bergen; »Valley of the Dolls« (Regie: Mark Robson) und »The Sinful Dwarf« (Regie: Vidal Raski) stehen beispielsweise noch aus.
     Mit der Ausnahme von Juste une question d’amour und Die blaue Stunde habe ich hier keine »schwulen Filme« verewigt. (Eventuell fallen Off Beat und Shortbus noch in diese Kategorie, ich selber würde sie allerdings anders einordnen.) Das hat mehrere Gründe. Erstens denke ich, dass Filme universell sein sollten; deshalb habe ich Schwulenfilme gewählt, die auch für (weltoffene) Heteros interessant sein könnten. Zweitens handeln die meisten Filme dieser Art (ungefähr zwei Drittel) vom Coming Out, was auf Dauer eintönig und frustrierend ist. Drittens sind sehr, sehr viele dieser Werke wirklich schlecht und biedern sich penetrant dem schwulen Auge an — Thierry von meinem französischen Verleih erzählte mir im Februar 2010, dass man den Homos nur ein wenig nackte Haut zeigen muss, dann verkauft sich praktisch jeder Film —, und es ist immer ärgerlich, wenn die Absicht offensichtlich ist.
     Heute möchte ich einen wirklich fabelhaften kleinen Film präsentieren, der fälschlicherweise als Schwulenfilm in den Kaufhausregalen steht, das Thema der Homosexualität aber nur peripher streift.

Der Feind in mir

Originaltitel: L’ennemi naturel; Regie: Pierre-Erwan Guillaume; Drehbuch: Pierre-Erwan Guillaume, Zoé Galeron, Gladys Marciano; Kamera: Pierre Milon; Musik: Sarah Class, Roland Cahen; Darsteller: Jalil Lespert, Aurélien Recoing, Patrick Rocca, Doria Archour, Florence Loiret-Caille. Frankreich 2004.

l'ennemi naturel

»L’ennemi naturel«, der natürliche Feind, das ist in dieser feinen psychologischen Studie im Krimigewand die Angst vor der eigenen »dunklen Seite«, den Abgründen der eigenen Sexualität.
     Schauplatz ist ein kleines Küstendorf in der Bretagne. Die dunklen Felsen sind den Elementen ausgeliefert, der Ozean grollt in bedrohlichen Wellen heran oder scheint im Mondlicht heimtückisch zu schlafen. Als eines Tages die Leiche eines jungen Mannes aus der See gefischt wird, sieht sich die örtliche Polizei in hilfloser Position und fordert Unterstützung aus der Stadt an. So kommt Nicolas Luhel in das Dorf und wird, obwohl gerade frisch von der Polizeischule, mit dem Fall betraut. Die trauernde Mutter des Toten äußert den Verdacht, ihr Ex-Mann, der Vater des Jungen, hätte den Mord begangen, und Luhel geht dem nach. Vom ersten Aufeinandertreffen an empfindet er eine für ihn schwer greifbare Mischung aus Faszination und Ekel für den Verdächtigen Tanguy, dessen ungehemmte Körperlichkeit und Virilität — Aurélien Recoing hat einen wirklich riesigen Schwanz! — ihn überfordern. In dem Geflecht aus kleinbürgerlicher Enge, den feindseligen Dorfbewohnern, die den Besucher aus der Stadt ungern in ihrer Mitte wissen, und verschlossenen Kollegen ist es für Luhel nahezu unmöglich, seinen Job adäquat zu erledigen, und auch das Privatleben des jungen Vaters wird in Mitleidenschaft gezogen. In der tiefen Abwehr seiner geweckten Faszination für den trauernden Tanguy konfrontiert der hilflose Luhel diesen schließlich mit einem furchtbaren Verdacht…

Der unnachahmlich faszinierende Jalil Lespert portraitiert eindringlich und zugleich subtil einen in seinen Grundfesten erschütterten, unsicheren Mann. Ihm wurde von Regisseur Guillaume der kräftige, animalische Aurélien Recoing entgegen gesetzt, dessen Figur der Trauer um den toten Sohn nicht anders beizukommen vermag, als durch ungebremste Sexualität: »Seit mein Sohn tot ist, muss ich ficken. Ich muss meinen Samen säen. Ich will alle Frauen schwängern. Damit sie sich an mich erinnern.«
     Die dritte Hauptfigur ist die schroffe Schönheit der Bretagne, die in unvergesslichen Bildern eingefangen wurde: Hier scheint der Mensch noch mit der (bzw. seiner) Natur im Einklang zu sein, großstädtische Moralprinzipien finden keine Geltung. Diese Welt ist jener nicht unähnlich, die Léo Ferré in seinen Liedern beschreibt; in dieser Welt blühen die Gewehre wie Rosen, lieben die Männer wie Götter und schlägt das Meer wie unser Herz: sehnsüchtig, breit und rot. Besondere Erwähnung muss im Zusammenhang mit »L’ennemi naturel« die melancholische Streichermusik finden, die die impressionistisch-naturalistischen Bilder vorzüglich untermalt.

André Schneider

January 28, 2013

Hey, kids, I’m back and better than ever! You may wonder what I’ve been up to since the last blog entry. Well, I’ve been damn busy, as you can imagine. You see, in between I fell of the fun wagon, had a lot of fun-shrinking experiences with those dark forces that lurk down every emotional alleyway — the kind of people you like to read about in »Newsweek« magazine, to quote Rick James, but do not necessarily want to have calling late into the night laying their bizarre trips on you. It was a conglomeration of these types that brought me to this tremendous personal transformation. I feel better, and I can communicate in a happier way now, so this entry shouldn’t bum you out — but it might piss you off or cause you to break things. Just don’t forget that when you smash the phone into the wall, even it has a consciousness. So the next time you want it to work for you, it may just say, »Hey, fuck you! Remember the time you were reading Atti’s blog and it freaked you out, and you took it out on me? Well, now I don’t feel like being so helpful to you. Tough titties!« So don’t hurt inanimate objects or, just like people or dogs, they might just turn and bite your ass.

So let’s start off by asking the old standby existential question: What is life? Right now, today, at this moment, stripped of all illusion and uncertainty. What unique cosmic convergence brought us all together today?
     Was it the first time Dr. Smith complained to Will Robinson about the pain, the pain? Was it when Jim West and Artemus Gordon, in some amazing disguise, were captured by Dr. Miguelito Loveless and his lovely companion, threatening to destroy the western world as we know it? Was it Mary Richards pouring coffee into a mug under a giant wooden letter M? With electric curlers in her hair and single-female angst brewing? Was it the black light poster lit in my sister’s bedroom? Joni Mitchell on my first stereo, »Ladies of the Canyon«? A book about Jewish marriage? Listening in at my parents’ closed bedroom door? Was it the drive from Hamburg to Bavaria, eating Japanese food for the first time? The time I wouldn’t eat for a month when my parents went to Spain? Was it when, at five years of age, I started referring to my father as good old Dad? Knowing she was pregnant after sleeping with Sandra for the first time? Touching my heart with my fist whenever Thomas left? The recurring dream of rolling down a hill, out of control, next to a barbed-wire fence? My grandfather’s unconditional love? My dad’s laughter?
     Life is a series of delicate meetings held together by a spider’s thread strong as a steel span, tender as the wind blowing it all away.
     And love? Love is the only shocking act left on the face of the earth. Eroticism, murder, betrayal, starvation, torture, war, all pale in the face of love. We stare for hours at CNN, watch the world unfold hour by hour, numbed, deafened, defeated. We wander into the wrong neighbourhood and are showered by hatred. We study the universe through distant cameras, drive ourselves mad searching for the origins of life. We detach ourselves and engage in futile superficial conversations about sexual politics, impressing one another with intellectual repartee, dress ourselves in various guises to avoid the alienation of aging skin, exchange hostile glances in loud, desperate nightclubs. This is the dance, the prelude to need and desire.
     We confess our sins in cold, damp churches, kneel to the Lord to open our souls, punish one another for the frailties we cannot bear in ourselves. Winding ourselves up into frenzies of fear and self-loathing we are tamed by a cocktail or hallucinogen, pretty colours, strange desert journeys, emptiness and abandonment.
     We flee from this most terrifying moment: in a warm room in the quietest night with whispers of tenderness and trust penetrating the senses, control, power, anger are thrown aside and we bear witness to the only valid instant in the universe, love.
     When, in Fellini’s »La dolce vita«, a journalist asks Anita Ekberg what are the three things she likes most in life, she answers, »I like lots of things, but there are three things I like the most: Love, love, and love.«

Ten years since I wrote these pieces about life and love, and I would write them similarly today. Last month’s thoughts were edgy, I found myself sitting in a corner of my room brooding over life, love, and loss. The result became a movie script that I don’t want to reveal too much about. Just wait and see…

»Write me your poetry in motion«, sings Kate Bush in one of her most beautiful songs, the haunting »Song of Solomon«, a piece about sex. She’s right; sex (at its best!) is poetry in motion. Her music has carried me through the funkiest of times; it flew me to the moon and back.
     Trying out new recipes, reading Jack Kerouac, meeting friends, old and new, and writing — this is how 2013 began for me. I wonder what the upcoming weeks will bring. But no matter what, if this New Year is a bright or a rather dark one, I just wanted to let you know that I’m still around, wishing you love, light, and serenity, as always. Don’t worry; we’re ass-kickin’ into the high gear right here — focused like a damn Tibetan monk. We will »televise the revolution« — we will »fight the power.« We’re cool. Peace.

André