Filmtipp #98: Das verfluchte Haus

Das verfluchte Haus

Originaltitel: Un tranquillo posto di campagna; Regie: Elio Petri; Drehbuch: Luicano Vincenzoni, Elio Petri; Kamera: Luigi Kuveiller; Musik: Ennio Morricone; Darsteller: Franco Nero, Vanessa Redgrave, Georges Géret, Gabriella Grimaldi, Madeleine Damien. Italien/Frankreich 1968.

un tranquillo posto di campagna

In ihren Memoiren schwärmte die Redgrave von Franco Nero: »Er war wohl der schönste Mann, der mir je begegnet ist, aber ganz bescheiden und so scheu wegen seines Aussehens, dass es mich erst nach Monaten unserer Bekanntschaft wie der Blitz traf: ›Das ist das Schönste, was ich je gesehen habe.‹« — Die Liebesgeschichte von Vanessa Redgrave und Franco Nero ist ebenso ungewöhnlich wie schön: Die beiden hatten sich während der Dreharbeiten zu dem Musical-Flop »Camelot« (Regie: Joshua Logan) kennen- und lieben gelernt und warfen sich geradezu in eine stürmische Affäre. Der gemeinsame Sohn Carlo kam im September 1969 zur Welt, Anfang der Siebziger trennte sich das Paar, um sich über 30 Jahre später neu ineinander zu verlieben: 40 Jahre nach ihrem Kennenlernen heirateten die beiden zu Silvester 2006. Unter den zahlreichen Filmen, die die beiden zusammen machten, gehört Elio Petris kommerzkritischer Kunstfilm »Un tranquillo posto di campagna« zu den interessantesten; leider ist der Streifen heute unverdientermaßen in Vergessenheit geraten. Zwar lief er seinerzeit im Wettbewerb der Berlinale, einen Kinostart hatte er jedoch hierzulande nie. Er fand seine unwürdige deutsche Erstausstrahlung in den späten Neunzigern im Nachtprogramm eines Privatsenders.
     Elio Petri, der sich schon in jungen Jahren den italienischen Kommunisten anschloss, galt in den Sechzigern als einer der bemerkenswertesten Jungregisseure des europäischen Autorenkinos. Seine Filme waren hochgradig politisch und sozialkritisch, und Petri gelang es, sein Anliegen publikumswirksam mit ausgefeilten, spannenden Geschichten zu verknüpfen. Nachdem er bereits einige Jahre als Drehbuchautor für Regisseure wie Carlo Lizzani tätig gewesen war, gab er 1961 mit dem Kriminalkammerspiel »L’assassino« (dt. Titel: »Trauen Sie Alfredo einen Mord zu?«) seinen Einstand als Regisseur. Hier nutzte Petri den konventionellen Rahmen eines Krimis für eine vielschichtige, mit vielen Rückblenden arbeitende Charakterstudie, die für Marcello Mastroianni eine Paraderolle bereithielt. Sein origineller Science-Fiction-Film »La decima vittima« (dt. Titel: »Das zehnte Opfer«, wieder mit Mastroianni in der Hauptrolle) gilt heute als pop art masterpiece, der 1967 angelaufene Thriller »A ciascuno il suo« (dt. Titel: »Zwei Särge auf Bestellung«) beschäftigte sich mit dem Einfluss der Mafia auf die italienische Gesellschaft. Den Höhepunkt seiner Karriere erlebte Elio Petri, als sein kafkaesker Politthriller »Indagine su un cittadino al di sopra di ogni sospetto« (hierzulande bekannt unter dem Titel »Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger«) 1970 für einen Oscar nominiert wurde. Eine schwere Krebserkrankung, der Petri schließlich im Alter von nur 53 Jahren erlag, beendete seine Karriere frühzeitig.

In »Un tranquillo posto di campagna« — im englischsprachigen Raum synchronisiert als »A Quiet Place in the Country« bekannt — spielt Nero einen erfolgreichen abstrakten Maler namnes Leonardo Ferri, der durch die Kommerzialisierung seiner Kunst in den Wahnsinn getrieben wird und den Mord an seiner Geliebten, einer Kunsthändlerin, plant. Elio Petri filmte in einer riesigen verlassenen Villa etwa 30 Kilometer von Vincenza und Padua entfernt, die Dreharbeiten fanden im Mai und Juni 1967 statt und waren von einer ausgelassenen, heiteren Stimmung. Stilistisch und thematisch scheint sich Petri an »Repulsion« (Regie: Roman Polanski) orientiert zu haben, der schleichende Wahnsinn überträgt sich in abgehackten Schnittfolgen, farblichen Brüchen und abstrakten Formen auf den Zuschauer. Die Sequenzen zu Beginn des Films, wenn Leonardo in seinem Atelier wie ein Besessener fuhrwerkt, sind ebenso schön wie verstörend. Die Redgrave erscheint in schwarzen Dessous, in Strapsen und Spitzenhöschen, und ist so anmutig und gelöst, wie man sie nur selten sah. Traum und Wirklichkeit wabern ineinander, verwischen. Wir denken unweigerlich an »Blow Up« (Regie: Michelangelo Antonioni), nicht nur der Besetzung wegen. Doch Elio Petri geht noch ein paar Schritte weiter. Er lässt seinen Thriller als grelle Satire beginnen, die Figuren werden aus extremen Kamerawinkeln observiert, Linsen verzerren ihre Gesichter zu Fratzen. Später, wenn sich das Geschehen aus der Großstadt aufs Land verlagert, wird das Horrorgenre gestreift, wenn Leonardo das Gefühl beschleicht, die Villa würde vom Geist eines jungen Mädchens heimgesucht werden. Den Blick in Pornoheftchen vertieft, mit farbverschmierten Händen und dem Irrsinn nahe, gibt Franco Nero eine ebenso erotische wie eindrucksvolle Vorstellung. Erst heute, über 40 Jahre später, wird einem klar, wie gut dieser Mann war. Gepaart mit der bizarren Farbdramaturgie des Kameramannes Luigi Kuveiller und der schier unerträglich experimentellen Musik Morricones gelang hier ein ungewöhnliches Horror-Meisterwerk, das mehr Aufmerksamkeit verdient hätte.

André Schneider

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