Filmtipp #97: Intimacy

Intimacy

Originaltitel: Intimacy; Regie: Patrice Chéreau; Drehbuch: Anne-Louise Trividic, Patrice Chéreau; Kamera: Eric Gautier; Musik: Eric Neveux; Darsteller: Mark Rylance, Kerry Fox, Timothy Spall, Philippe Calvario, Marianne Faithfull. Frankreich/GB/Deutschland/Spanien 2001.

intimacy

Frei nach Erzählungen von Hanif Kureishi erzählt Patrice Chéreau in »Intimacy« eine Geschichte über Wahrheit, Neugier und Selbstbetrug: Jay (Rylance) führt ein Leben ohne jeden Halt. Er ist um die 40, hat Frau und Kinder wortlos verlassen, verdient seinen Lebensunterhalt als Barkeeper, haust in einer heruntergekommenen Bruchbude, pflegt kaum Freundschaften, ist emotional ausgetrocknet und gewissermaßen eine gestrandete Existenz. Der einzige Fixpunkt in seinem Leben ist eine Frau, deren Namen er nicht kennt. Seit einiger Zeit kommt sie jeden Mittwoch um dieselbe Uhrzeit zu ihm, um mit ihm Sex zu haben. Danach verschwindet sie wieder. Es geht den beiden — ähnlich wie in Bertoluccis »L’ultimo tango a Parigi« (1972) — um den reinen Sex; keine Zärtlichkeit, keine Romantik, keine Erotik. Diese unausgesprochene Übereinkunft funktioniert nur, solange keiner etwas über den anderen erfahren möchte. Doch es kommt, wie es kommen muss: Jay wird vom Wissensdurst gepackt und folgt der Frau — um zu entdecken, dass sie keineswegs so einsam ist wie er. Sie heißt Claire (Fox), ist mit dem Taxifahrer Andy (Spall) verheiratet, hat ein Kind und gibt Schauspielkurse für Laien, wenn sie selbst nicht gerade in Kellertheatern auftritt. Durch seine Neugier hat Jay die Gesetze ihrer Beziehung gebrochen und damit das ganze Spiel von Grund auf verändert. Als auch noch Andy Wind von der Affäre seiner Frau bekommt, spitzt sich die Situation dramatisch zu und droht zu implodieren… 

Wieder ein Film über Sex mit Fremden. »Intimacy« ist in gewisser Weise die Antithese zu Shame: Während Michael Fassbenders Figur Sex als Mittel benutzt, um Nähe zu vermeiden, bemüht sich Mark Rylance in Chéreaus Film um nichts anderes. In beiden Fällen sind und bleiben die Männer unglücklich. Auch zu Shortbus bildet »Intimacy« eine Art Gegenpol: Sex ist hier nicht die Antwort, sondern die Frage. Chéreau verzichtet auf trügerische Traumwelten und zeigt dem Zuschauer, wie schön und traurig die Realität sein kann. Die sehr graphisch geratenen Sexszenen in »Intimacy« sind von jener Qualität, von der Truman Capote gesagt hätte, sie seien »ein Sieg über Hässlichkeit, oft verführerischer als wirkliche Schönheit, und sei es allein um des Paradoxes willen.« Rylance und Fox sind alles andere als schön, ihre Körper sind auf faszinierende Weise hässlich und anziehend zugleich. Beim Sex sehen sie aus wie Gemälde von Lucian Freud; diese blassen Körper, die Fleischhügel, die Warzen, die Haare. Bekanntermaßen orientieren sich Regisseure oftmals an Malern für die Farbgebung ihrer Filme — ob sie diese dramatisch ausgeleuchtet und kontrastreich wie einen Caravaggio oder in sanften, stimmungsvollen Brauntönen wie von Rembrandt gestalten wollen. Die Sexszenen hier haben die Farbgebung und Stimmung der Akte von Lucian Freud. Wie bei diesen bleibt offen, welche Hautfarbe die Protagonisten haben, man sieht nur die blaustichige Haut. Obwohl der Sex nicht gestellt und ziemlich gewagt ist, gleiten Chéreau und sein vorzüglicher Kameramann Eric Gautier niemals ins Voyeuristische ab.
     Neben Kerry Fox und Mark Rylance spielt die Stadt London die zentrale Rolle in »Intimacy«. Gedreht wurde nicht in den Gegenden, die üblicherweise für Filme herhalten müssen. Es ist nicht das London, das wir aus dem Fernsehen oder dem Kino kennen, sondern das reale London, und das ist vielerorts trostlos. Chéreau filmte in Gegenden wie New Cross und Blackheath; für eine der schönsten Szenen ließ er Kerry Fox und Marianne Faithfull in der Dämmerung durch den Clapham Common spazieren.
     Bei den Filmfestspielen in Berlin und Cannes frenetisch gefeiert, war »Intimacy« an der Kinokasse leider ein Reinfall, denn er hatte das große Pech, am 11. September 2001 in den USA anzulaufen. So hat er nie wirklich eine Chance bekommen.

André Schneider

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