28. Februar 2011

»Und die Aussicht ist gut / und der Sommer kommt wieder / die Mädchen der Stadt verlieren ihr Wintergefieder«, singt Axel Bosse auf seiner neuen CD, die von Anfang bis Ende herrlich nach Frühling schmeckt und einen federnd durch Tage und Nächte trägt.
     Kalt ist es noch immer, aber der Himmel strahlt wolkenlos, die dunkle Jahreszeit verendet, die Energien werden wieder mobilisiert. Bald wird es grünen, die Singvögel kommen aus ihren Winterquartieren zurück, die süße Diana Amft hat ihr charmantes Arschloch endlich gekriegt, Guttenberg ist Helene Hegemann und kann seinen Doktortitel nun abschreiben, Natalie Portman hat verdientermaßen ihren Oscar bekommen und Breaking Glass Pictures, unser amerikanischer Verleih, hat die Veröffentlichung unseres Films in Nordamerika auf den 5. April festgesetzt. Die ersten Pressestimmen sind gut, und in den DVD-Charts sind wir dank der zahlreichen Vorbestellungen noch vor »Burlesque« (Regie: Steve Antin) auf Platz 6. Das belebt. Sehr. Die Welt ist also doch noch im Lot, wie beruhigend. Wenn man einen Mercedes bestellt, bezahlt und obendrein die Baupläne dafür geliefert hat und dann ein kaputtes Fahrrad vor die Tür gestellt bekommt, so kann das das Universum nämlich durchaus in Frage stellen. Man kann sich (mit einigem Recht) darüber aufregen, zetern, schimpfen, heulen — oder loslassen. Das Loslassen tut letzten Endes weniger weh und spart Kraft. Außerdem ist ein kaputtes Fahrrad immer noch besser als gar keins, oder?
     Wieder nur ein kleines Lebenszeichen von mir, eine kurze Versicherung, dass es wieder bergauf geht und dass ich Euch einen wonnigen Start in den März wünsche. Und weil ich so verliebt in Bosses »Wartesaal« bin, möchte ich mit ein paar Songzeilen schließen: »Ich bin so weit weg / weit weit weg / um wieder nah zu sein / jedes Problem wird wie Luft sein.«

André

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Filmtipp #3: Dosierter Mord

Dosierter Mord

Originaltitel: The Big Cube; Regie: Tito Davison; Drehbuch: William Douglas Lansford, Tito Davison,Edmundo Báez; Kamera: Gabriel Figueroa; Musik: Val Johns; Darsteller: Lana Turner, George Chakiris, Karin Mossberg, Richard Egan, Dan O’Herlihy. USA/Mexiko 1969. IMDb.

the big cube

Vor einiger Zeit spielte ich mit dem Gedanken, ein Buch über schlechte Filme zu schreiben: »Schlechte Filme, die richtig Spaß machen« wäre ein guter Titel gewesen, und tatsächlich finden sich in meinem Archiv einige Werke, die dieses Kriterium erfüllen.
Viele schwule Männer lieben camp, ich bin da keine Ausnahme. Ein berühmter Camp-Klassiker zum Beispiel ist »Valley of the Dolls« (Regie: Mark Robson) nach dem Bestseller von Jacqueline Susann. Ein Film, der von den Machern ernst gemeint war — und über den man herzhaft lachen kann. (Übersetzt bedeutet camp soviel wie übertrieben, manieriert, aufgedonnert.) Die renommierte Kritikerin Judith Crist schrieb seinerzeit über den Film, er sei »eine etwas gesäuberte Version von Susanns Roman, der eine rührselige, abgedroschene, billige Geschichte und Zoten lieferte: Dem Film fehlen die Zoten, doch er gleicht das aus mit schlechten Darstellungen, schlechter Fotografie und einem an Idiotie grenzenden literarischen Niveau des Drehbuchs.« Herrlich, oder? Unnötig zu erwähnen, dass »Valley of the Dolls« einer der Kassenschlager der sechziger Jahre wurde.
Aber um diesen Film soll es heute nicht gehen, sondern um das Meisterwerk einer Dame, die ihr ganzes Leben dem camp gewidmet zu haben scheint: Lana Turner.

Im Alter von 51 Jahren konnte Miss Turner auf acht Ehen, sechs Verlobungen und ein gutes Dutzend Abtreibungen zurückblicken. Ihr Alkohol- und Tablettenkonsum war legendär, und auch der Mord an dem Gangster Johnny Stompanato brachte sie 1958 in die Schlagzeilen: Stompanato war einer von Turners Liebhabern gewesen, und ihre 14jährige Tochter hatte ihn im Streit erstochen. (Kronzeugin Lana vor Gericht: »He ran into the knife.«) In Kenneth Angers Klatsch-und-Tratsch-Bibel »Hollywood Babylon« nimmt  Turner reichlich Platz ein. Über ihre schauspielerischen Qualitäten lässt sich ihrer rund 60 Film- und Fernsehrollen zum Trotz kaum etwas sagen. Sie war ein Star, keine Schauspielerin.
Mit dem erotischen Thriller »The Postman Always Rings Twice« (Regie: Tay Garnett) wurde sie an der Seite des viel zu früh verstorbenen John Garfield 1946 weltberühmt. Da war das ehemalige sweater girl zarte 25 Jahre alt und hatte bereits 25 Filme hinter sich. Ihren wohl besten Film drehte sie sechs Jahre später: »The Bad and the Beautiful« (Regie: Vincente Minnelli), ein mit fünf Oscars ausgezeichneter Abgesang auf Hollywood. Ihr brachiales overacting, das in den meisten Filmen beschämend deplatziert wirkte, wurde hier bestens eingesetzt und ließ die Kritikerschaft jubeln. Die nicht auf den Kopf gefallene Lana merkte sich das und spielte fortan immer gleich. 1957 brachte ihr das sogar eine Oscarnominierung ein (für »Peyton Place« (Regie: Mark Robson, dt. Titel: »Glut unter der Asche«), einer 160minütigen Schmonzette, die dem Zuschauer nichts erspart) — und zwei Jahre später die Rolle ihres Lebens: Hans Detlef Sierck, nach seiner Flucht vor den Nazis als Douglas Sirk in Hollywood bekannt, besetzte Turner in »Imitation of Life« (dt. Titel: »Solange es Menschen gibt«), der als der ultimative Hollywoodfilm in die Geschichte einging. Kitschiger, rührseliger und glamouröser geht’s nimmer! Schon im Titelvorspann — dramatische Musik von Frank Skinner — regnet es Diamanten vor einem Hintergrund aus schwarzem Samt. Lana gibt eine allein erziehende und unglücklich erfolglose Schauspielerin, die am Strand von Long Island eine obdachlose Farbige und deren Tochter kennen lernt und mit zu sich nach Hause nimmt. Fortan schmeißt die Farbige Lanas Haushalt, und die Töchter wachsen gemeinsam auf. Natürlich schafft Lana den Durchbruch am Broadway. Die Tochter der Haushälterin ist deutlich hellhäutiger als die Mutti und versucht, als Weiße durchzugehen. Sie verleugnet ihre herzensgute Mama, läuft von Zuhause fort, um sich in schäbigen Nachtclubs als Revuetänzerin zu verdingen. Am Ende stirbt die Haushälterin nach kurzer, schwerer Krankheit, und als ihr Sarg zu Mahalia Jacksons Gesang auf einer Pferdekutsche durch die Stadt gezogen wird, bricht die Tochter — inzwischen geläutert, aber leider zu spät zurück in der Stadt — heulend mit den Worten: »Vergib mir! Oh bitte, vergib mir, Mutter!« zusammen. Die Kritik über den Star des Films: »Lana Turner hat eine gute Zeile in dem Film: Nein! sagt sie, als ihr schwarzes Hausmädchen stirbt. Das ist Lana Turners beste Leistung, dies Nein!. Als Person ist sie nämlich nichts.«
An den Kinokassen war »Imitation of Life« ein Hit. Lana hatte sich klugerweise 50% der Einspielergebnisse vertraglich zusichern lassen, und so erhielt sie am Ende zwei Millionen Dollar Gage — und brach damit 1959 alle Rekorde. Die DVD ist übrigens im Januar 2007 endlich auch in Deutschland erschienen, und ich möchte sie Euch allerwärmstens ans Herz legen. (Am besten im Doppelpack mit Sirks »Was der Himmel erlaubt« und zwei Familienboxen Taschentücher. Ich garantiere Euch, Ihr werdet Rotz und Wasser heulen!)

Lanas Abstieg begann ziemlich genau, als sie 40 wurde: »By Love Possessed« (Regie: John Sturges), bei uns unter dem Titel »Und die Nacht wird schweigen« bekannt, wurde zu einer Seifenoper am Rande der Lächerlichkeit, und die verbissen an ihrem hysterischen Spiel, das noch zehn Jahre zuvor die Kritiker auf die Knie fallen ließ, festhaltende Lana war der Hauptgrund dafür. Mit »Madame X« (Regie: David Lowell Rich) kam’s noch dicker.
Höhe- bzw. Tiefpunkt ihres Schaffens wurde der 1969 entstandene Thriller »The Big Cube«, dem ich mich nun eingehend widmen möchte.

Es beginnt auf einer Bühne. Ein erbärmlich schlechtes Stück wird aufgeführt. Lana spielt die Bühnenaktrice Adriana Roman, die die spanische Königin spielt, deren Mann gerade das Zeitliche segnet: »Der König schläft, wir dürfen ihn nicht wecken.« (Man denkt unweigerlich an ein Stück von Ionesco: »Der König stirbt«.) Donnernder Applaus, der Vorhang fällt, Lana/Adriana wird praktisch in einem Blumenmeer erstickt. Dann verkündet sie theatralisch und demütig ihren Fans, dass diese Vorstellung ihr Abschied von der Bühne war. Der Grund sitzt in einer Loge und applaudiert frenetisch: Der Multimillionär Charles Winthrop (Dan O’Herlihy) wird die angebetete Diva zu seiner Frau machen.
Es folgt ein Zoom auf einen der grell lila strahlenden Theaterscheinwerfer. Der knallgelbe Vorspann zu einer Musik, die klingt, als hätten Björk und Trent Reznor versucht, eine Wagner-Oper im Stil der sechziger Jahre zu arrangieren.
Während Adriana und Charles freudig ihre Hochzeit vorbereiten, schäumt dessen halbwüchsige Tochter Lisa (Karin Mossberg, deren Karriere glücklicherweise äußerst kurz war; in den vielen hundert Filmen, die ich in meinem Leben gesehen habe, durfte ich kaum je eine schlechtere Darbietung bewundern) vor Eifersucht. (Ihr knorriger deutscher Akzent wird übrigens im Film damit begründet, dass sie in einem Schweizer Internat war.) Sie ist davon überzeugt, Adriana ruiniere ihren Vater. Diese läuft in bemerkenswert grellen und sich farblich oft beißenden Kostümen des Oscarpreisträgers (William) Travilla (der übrigens auch für die Kostüme in »Valley of the Dolls« verantwortlich zeichnete) durch die Gegend und kriegt keinen Satz ohne Pathos über die Lippen.
Während Daddy seine Angebetete heiratet, bricht Lisa aus und amüsiert sich mit ihrer besten Freundin Bibi (Pamela Rodgers unterbietet das Spiel der Mossberg noch (ehrlich!!), macht sich aber dafür wenigstens ab und zu mal nackig) auf einer Minirock-Party, wo sie als »unbelegtes Brötchen« beschimpft wird. Höhepunkt der Party ist der Auftritt Regina Tornés als Bienenkönigin — das Kostüm ist der Knüller! —, die eine etwas bärig wirkende Drohne im Gefolge hat, die sich gar rüpelhaft benimmt und — als Strafe sozusagen — unwissend LSD verabreicht bekommt. Halluzinierend tobt der Mann durch den mit abstrakter Kunst behangenen Raum: »Mein Gesicht, gebt es mir wieder!« Dann erscheinen aus dem Nichts einige Polizisten und führen ihn ab. (Später erfährt man, dass die Drohne überfahren wurde. Wohl ein kleiner Fehler in der continuity.) Das züchtige Internatskind Lisa ist perplex, wird aber von ihren neuen Freunden aufgeklärt, dass das bei LSD völlig normal sei: »Du siehst Töne, du schmeckst Farben.« Aha.
Adriana tritt übrigens immer mal wieder auf, trägt orange-weiße Kleider nebst passenden Lederstiefeletten und redet wirr. Ihr Haupt krönt eine platinblonde Perücke, aus der frech eine Locke heraushängt. Die Hochzeitsreise auf der Millionärsjacht steht an. In einer MTVmäßig geschnittenen Sequenz werden wir Zeuge, wie der verliebte Millionär bei dem Versuch, seine über Bord gegangene Gattin zu retten, jämmerlich ersäuft.
Mit aufgelöstem Haar liegt Adriana nun im Krankenhaus, die trauernde Tochter ratzt auf einem Stuhl am Fußende und wird von einem Freund der Familie aus dem Raum geschickt, als dieser der traumatisierten Patientin die Nachricht vom Tode ihres Mannes überbringt. Lana/Adriana reißt die Augen auf, kneift sie rasch wieder zusammen und setzt der Szene mit dem Satz: »Er ist tot!« ein geradezu schmerzhaft dramatisches i-Tüpfelchen auf.
Nun ist Adriana Universalerbin. Lisa und ihr neuer Freund Johnny (Oscarpreisträger George Chakiris, damals bereits 35 Jahre alt und leicht ergraut, als jugendlicher Medizinstudent, der böse LSD-Experimente macht) finden das nicht gut, fassen den Entschluss, die Stiefmutter mit LSD in den Wahnsinn zu treiben bzw. zu töten und beträufeln die Pillen der Unglückseligen mit dem Teufelszeug. Fassungs- und hilflos muss der gänsehäutige Zuschauer nun Sequenzen verfolgen, die an Horror und (unfreiwilliger) Komik kaum zu überbieten sind. Lana/Adriana wandelt wirren Blickes durch ihr Schlafzimmer, das abwechselnd grün, violett, gelb und blau ausgeleuchtet wird. Lichtblitze, Teufelsmasken, Lavalampeneffekte, schräge Kameraeinstellungen (ein Auge der Hauptdarstellerin wird grell ausgeleuchtet, das andere bleibt im Schatten), alles ganz bunt und Musik vom Synthesizer — Regisseur Davison lässt nichts unversucht, uns zu unterhalten, und Lana schießt schauspielerisch den letzten Vogel ab, wenn sie wie irre in die Kamera starrt.
Leider überlebt Lana/Adriana die Anschläge des mörderischen Pärchens, wird aber herrlich verrückt, entmündigt und in eine Anstalt gesteckt. Lisa und Johnny feiern frivol Hochzeit. (Lisas Hochzeitskleid ist obenrum sogar durchsichtig.) Die Hochzeitsnacht allerdings will Johnny lieber mit Bibi verbringen, der besten Freundin seiner Gattin, die darüber verständlicherweise ziemlich ungehalten ist. Konsequent wirft sie Bibi und Johnny aus dem Haus und hat nun ein schlechtes Gewissen wegen der verrückten Adriana. Reumütig läuft sie zu Frederick Lonsdale (Richard Egan), einem alten Freund Adrianas und dem Verfasser ihrer Bühnenerfolge von damals, und beichtet ihm das Komplott. Jetzt wird’s psychologisch ganz, ganz aufregend: Der Autor verfasst ein Stück über Adriana, durch das sie ihr Gedächtnis wiedererlangen soll. Sie wird also aus der Psychiatrie direkt auf die Bühne geholt und probt ihre eigene Geschichte. Das Gedächtnis will und will aber nicht so recht in die Puschen kommen. Mit leerem Gesichtsausdruck trägt sie folgende Zeilen vor: »Die Welt ist voll von Gräbern, aber nirgendwo ein Grab für mich.« Lisa hat genug. Sie stürmt während der ausverkauften Premiere die Bühne, schüttelt Lana/Adriana und schreit: »Wir waren das, Johnny und ich haben es getan…« Dafür fängt sie sich eine Ohrfeige ein, wie nur Lana Turner sie geben konnte. Diese bricht daraufhin zusammen. Mit aufgerissenen Augen wendet sie sich dem Publikum zu: »Ich bin nicht verrückt! Oh Gott, ich wusste es doch, ich bin nicht verrückt!« Donnernder Applaus. Der Film endet dort, wo er begonnen hat. Adriana heiratet ihren Bühnenautor. Mit ihm und Lisa bildet sie eine Familie wie aus dem Bilderbuch, und das Stück wird ein Hit.
Und der böse Johnny? Der würgt in einer Kaschemme eine Prostituierte und wälzt sich am Boden, um mit LSD getränkte Zuckerwürfel (die big cubes aus dem Titel) aufzuklauben. Auf einem dieser Zuckerwürfel krabbelt eine Ameise, die er behutsam, fast zärtlich warnt: »Das ist nichts für dich, das ist nicht gut für dich.« Suchtprävention für Insekten gibt es wahrlich nicht in jedem Film.
Ich gestehe, mich köstlich amüsiert zu haben. Ein Film wie ein Achterbahnunglück. Man kann nicht wegsehen.

Nach Davisons Meisterwerk drehte Miss Turner in größeren Abständen noch drei weitere Filme, einer absurder als der andere: »The Terror of Sheba« (Regie: Don Chaffey), »Bittersweet Love« (Regie: David Miller) und die Horrorklamotte »Witches’ Brew« (Regie: Richard Shorr & Herbert L. Strock, Alternativtitel: »Which Witch is Which?«). Zuletzt sah man sie in »Falcon Crest« in sechs Episoden gegen Jane Wyman, einer weiteren zum Star gewordenen Nichtskönnerin (allerdings mit niedrigerem Glamourfaktor), kämpfen. Am Ende ihrer Karriere resümierte sie: »Mir war eine erfüllte, abwechslungsreiche und befriedigende Karriere vergönnt. Und eine lange.« Letzteres sei ihr unbenommen. Allein die deutschen Titel ihrer Schmachtfetzen schmecken glibberig wie Quallenkadaver: »Der große Regen«, »Liebe in Fesseln«, »Im Netz der Leidenschaft«, »Das Geheimnis der Dame in Schwarz« und »Heißer Strand Acapulco« (Ortsangaben im Titel sind ein sicheres Indiz für lausige Qualität, das haben wir von der Knef gelernt, die ja über zehn Jahre eine geographische Phase hatte (Stichwort: »Blonde Fracht für Sansibar« oder »Bestien lauern vor Caracas«)) bilden nur eine kleine Auswahl von Titeln aus Turners Schaffen.
Am 8. Februar 1995 feierte Lana Turner ihren 74. Geburtstag allein, der Krebs hatte sie bereits fest im Griff. Sie starb am 29. Juni 1995 in Century City, Kalifornien. Ihre männermordende Tochter Cheryl Crane veröffentlichte posthum ein Enthüllungsbuch über ihre Mutter und deren turbulentes Liebesleben.

André Schneider

Filmtipp #2: Dracula und seine Bräute

Dracula und seine Bräute

Originaltitel: The Brides of Dracula; Regie: Terence Fisher; Drehbuch: Peter Bryan, Edward Percy, Jimmy Sangster; Kamera: Jack Asher; Musik: Malcolm Williamson; Darsteller: Peter Cushing, Martita Hunt, Yvonne Monlaur, David Peel, Freda Jackson. GB 1960. IMDb.

The Brides of Dracula

Wie lange hatte ich auf die DVD-Veröffentlichung gewartet! »The Brides of Dracula« ist seit Kindertagen mein liebster Hammer-Film. Leider wird gerade dieser selten im Fernsehen gezeigt und ist unbegreiflicherweise auch einer der letzten Klassiker des Studios, die auf DVD herausgebracht wurden.
     Für mich ist »The Brides of Dracula« Terence Fishers Meisterwerk. Die satten Technicolor-Farben, die atemberaubenden Sets, die atmosphärische Musik, das phantastische Finale! Heute fällt einem der für 1960 ungewöhnlich starke sexuelle Subtext des Films auf, es geht um Hörigkeit, Inzest und (weibliche) Homosexualität. Auch in Sachen Gewalt war der Film seiner Zeit voraus und gibt sich ungewöhnlich blutig. Fisher schuf hier einen gothic horror vom Feinsten, bis ins Detail liebevoll ausgearbeitet und fabelhaft besetzt.

Der Titel ist im Grunde Etikettenschwindel, denn einen Dracula sucht man hier vergebens, und auch um die Bräute geht es nur peripher.
     Handlung: Auf ihrem Weg ins Mädchenpensionat Badstein, wo sie ihre erste Stellung als »Lehrerin für Französisch und Gutes Benehmen« antreten soll, gerät die naive Marianne Danielle (Yvonne Monlaur) in das Schloss der Baronin Meinster (Martita Hunt), wo sie die Nacht verbringen will, bevor die Fahrt fortgesetzt wird. In einem abgetrennten Teil des Schlosses trifft sie auf einen in Ketten gelegten Jüngling (David Peel, während der Dreharbeiten bereits 39 Jahre alt), den offenbar geistesgestörten Sohn der Baronin. Aus Mitleid befreit Marianne den jungen Mann, nicht ahnend, was sie damit auf die Menschheit losgelassen hat. Kurz darauf ist die alte Baronin tot, und auch ein Mädchen aus dem Dorfe segnet das Zeitliche. Bisswunden an ihren Hälsen lassen Dr. Van Helsing (Peter Cushing), der sich zufällig in der Gegend aufhält, aufmerken. Zu seinem Entsetzen erfährt er, dass der junge Baron um die Hand Mariannes angehalten hat. Sie will ihn nachts in der alten Mühle treffen.

»The Brides of Dracula« wurde vom 26. Januar bis zum 18. März 1960 in den altehrwürdigen Bray Studios in der Nähe von London gedreht. Ursprünglich sollte er »Dracula 2« heißen, nachdem »Dracula« (Regie: Terence Fisher) zwei Jahre zuvor ein so beachtlicher Kassenerfolg geworden war. Es bedurfte einiger Drehbuchentwürfe (u. a. von Jimmy Sangster), bis die Zensur endlich grünes Licht gab. Weil die Produzenten fürchteten, Christopher Lee sei nun zu teuer, fragte man gar nicht erst an und machte sich auf die Suche nach einem anderen Blutsauger. (Kurze Anmerkung am Rande: In »Dracula« war Christopher Lee insgesamt nicht mehr als sechs Minuten zu sehen.)
     Bernard Robinson sorgte kostengünstig und effektiv für das Produktionsdesign, und der junge Komponist Malcolm Williamson kümmerte sich um die Musik.
     Zur Uraufführung am 7. Juli 1960 erschienen Stars und Team in Pferdekutschen. Obwohl der Film seinerzeit bei den Kritikern durchfiel, war er an der Kasse erfolgreich genug, dass Hammer von Universal — die den Film vertrieb — den Auftrag für einen weiteren »Dracula«-Film bekam.

Zum Held muss ich sagen: Peter Cushing berauscht mich zwar bis heute nicht, aber sein Van Helsing macht nach wie vor eine heroische Figur. Sein erster Auftritt kommt hier relativ spät, erst nach etwa 30 Minuten, und stört den Ablauf nicht weiter.
     Die weibliche Hauptrolle enttäuscht etwas. Yvonne Monlaur gibt die dumpfbackige Marianne. Ihre prallen Titten sprengen beinahe ihr Nachthemd, und das ist auch schon das Bemerkenswerteste an ihrer Darstellung. Ihre Karriere war insgesamt auch erfrischend kurz, sie hatte ein Einsehen und setzte sich nach dem Jerry-Cotton-Krimi »Die Rechnung — eiskalt serviert« (Regie: Helmuth Ashley) im Alter von 27 Jahren zur Ruhe.
     Die Besetzung der Nebenrollen könnte man sich erlesener kaum wünschen. Freda Jackson, vor der wir uns schon in »Shadow of the Cat« (Regie: John Gilling) gruselten, spielt eine Art weiblichen Renfield, eine ihrem Meister treu ergebene Dienerin. Ihr Spiel ist überdreht und strotzt vor Kraft. Ihre wenigen Szenen bereichern Fishers Film ungemein. Ihr schrilles Gelächter fährt einem förmlich in die Glieder.
     Martita Hunt hat die besten Dialoge. Monlaur sagt: »God bless you!«, und Hunt reagiert mit einem sonoren: »If only he could.« Die Hunt habe ich immer gemocht. Sie hatte das Pech (oder Glück), schon mit 35 Großmütter spielen zu müssen können. In über 50 britischen Filmen verkörperte sie Gräfinnen, Königinnen, Herzoginnen und Baronessen. Sie wirkte wie eine Mischung aus Bela Lugosi und Quentin Crisp. Mit ihrem Zinken hätte sie Felder pflügen können. Was für ein Charaktergesicht! Ihre bekanntesten Rollen waren die der Gräfin Aurelia in »The Madwoman of Chaillot« am Broadway — dafür erhielt sie 1949 einen Tony Award — und die der Miss Havisham in »Great Expectations« (Regie: David Lean). In »Bunny Lake is Missing« gab ihr Altmeister Otto Preminger eine denkwürdige Altersrolle. Als »The Brides of Dracula« entstand, war sie kaum 60, sah aber aus wie 80. Ihre Körperhaltung, ihre Aura, ihre Erscheinung war königlich, herrschaftlich, von großer Disziplin. Ihre Figur ist die stärkste des ganzen Films. Sie starb neun Jahre später, bis zum Schluss gut im Geschäft.
     Mona Washbourne ist als schwatzhafte Frau Lang herrlich eingesetzt. Sie wurde einige Jahre später in »Night Must Fall« (Regie: Karel Reisz) von Albert Finney enthauptet und machte auch sonst sehr gute Filme. Henry Oscar spielt ihren Mann, und er tut es mit der ihm eigenen Poltrigkeit, mit der er zahllose Nebenrollen ausstattete. Der unvergessene Komiker Miles Malleson, eine Art »Zugabe« in über 100 englischen Filmen, gibt den vertrottelten Dorfarzt und sorgt für ein paar comic reliefs.
     Und dann wäre da noch Andree Melly als Gina, die sich als Untote in lesbischer Weise an Marianne ranmacht. Wenn sie aus ihrem Sarg steigt, sieht sie aus wie Michael Jackson. Ein ganz, ganz großer Moment des Horrorkinos!

Aber wie man’s auch dreht und wendet, es ist David Peel, der den Film für sich einnimmt. Die Vampire sind stets die faszinierendsten Figuren in den Vampirfilmen, und Peel ist — bis heute! — (zusammen mit Stephen Dorff) mein Lieblingsvampir.
     Kaum einer kennt ihn. Er gehörte zu den 97% der Schauspieler, deren Namen unbekannt bleiben. Am 19. Juni 1920 in London geboren, absolvierte er eine klassische Sprech- und Schauspielausbildung und tingelte jahrelang über Provinzbühnen. 1945 war er unter der Regie von Robert Atkins beim Stratford Festival dabei, beim alljährlichen Shakespeare Festival. Er spielte in »Twelfth Night«, »The Merry Wives of Windsor« und sogar den Romeo. Im Januar 1948 hatte er in London Premiere mit »You Never Can Tell«, und es gab einige Hörspiele fürs Radio. 1953 spielte er mit Alan Wheatley in »Rope«, einer BBC-Produktion von Stephen Harrison. Viel mehr lässt sich nicht finden.
     Seit 1941 trat er sporadisch im Film auf, oft waren’s nur Statistenrollen (für die damals ja noch ausgebildete Schauspieler angeheuert wurden) oder winzige Sprechrollen wie in »We Dive at Dawn« (Regie: Anthony Asquith), wo man ihn hinter seinem Vollbart kaum erkennt. Sehenswert ist sein Auftritt in dem 1953 gedrehten »They Who Dare« (Regie: Lewis Milestone), einem gut gemachten Kriegsfilm mit fast ausnahmslos schwuler Besetzung: Dirk Bogarde, Denholm Elliott, Alec Mango, Peter Burton und eben Peel. Man möchte gar nicht wissen, was sich in der Garderobe abspielte.
     Baron Meinster war Peels erste und einzige Hauptrolle in einem Kinofilm. Es gab noch Pläne für einen weiteren, der den Titel »Scourge of the Vampires« tragen sollte, aber dieses Vorhaben zerschlug sich, und David Peel absolvierte einen letzten, nur wenige Sekunden kurzen Auftritt in »The Hands of Orlac« (Regie: Edmond T. Gréville) mit Christopher Lee.
     Peels Baron Meinster erinnerte mich stets an Oscar Wildes Dorian Gray. Er ist der perfekte Gentleman mit guten Manieren, elegant, apart und suave. Unter dieser Oberfläche lauert die Bestie, die Augen kalt und tot. Diese Überlappung spielt David Peel grandios. Er war übrigens der erste (und lange Zeit auch einzige) blonde Vampir der Filmgeschichte. Passenderweise nahm er später tatsächlich ein Hörbuch von »The Picture of Dorian Gray« auf, das auf Vinyl erschien und verdammt schwer zu beschaffen ist. Mitte der Sechziger zog er sich mit seinem Lebensgefährten zurück und wurde Antiquitätenhändler.
     Am 4. September 1981 starb Peel an den Folgen einer Hepatitis im Alter von nur 61 Jahren. Er wurde auf dem Holwell Churchyard in Oxfordshire beigesetzt.

André Schneider