Filmtipp #104: Der Feind in mir

Vor ziemlich genau zwei Jahren stellte ich Euch mit The Night Digger den ersten Film hier vor. Bis heute sind es 104 Filmtipps, auf zwei Jahre verteilt macht das also einen Film pro Woche. Vielleicht packt Euch ja die Lust oder der Ehrgeiz, sie alle mal durchzuchecken? Anmerkung hierzu: Ich habe hier nur Filme besprochen, die auf DVD oder DVD-R erhältlich sind. Einige — Un tranquillo posto di campagna, Pena de muerte oder Wild and Wonderful zum Beispiel sind zugegebenermaßen nicht leicht zu finden, We Don’t Live Here Anymore gehört zu den DVDs, die ich mir aus Südafrika mitbrachte, und die vier Fritz Lang-Filme habe ich in Paris gekauft. Kann also sein, dass Ihr ein wenig suchen müsst, aber Recherchen sind spannend und machen Freude. Den Besucherzahlen zufolge haben es Euch besonders die 14 Werke in der »Schlechte Filme, die Spaß machen«-Rubrik angetan. Nach der Schreibpause werde ich mich bemühen, weiterhin so kuriose Trash-Schätze für Euch zu bergen; »Valley of the Dolls« (Regie: Mark Robson) und »The Sinful Dwarf« (Regie: Vidal Raski) stehen beispielsweise noch aus.
     Mit der Ausnahme von Juste une question d’amour und Die blaue Stunde habe ich hier keine »schwulen Filme« verewigt. (Eventuell fallen Off Beat und Shortbus noch in diese Kategorie, ich selber würde sie allerdings anders einordnen.) Das hat mehrere Gründe. Erstens denke ich, dass Filme universell sein sollten; deshalb habe ich Schwulenfilme gewählt, die auch für (weltoffene) Heteros interessant sein könnten. Zweitens handeln die meisten Filme dieser Art (ungefähr zwei Drittel) vom Coming Out, was auf Dauer eintönig und frustrierend ist. Drittens sind sehr, sehr viele dieser Werke wirklich schlecht und biedern sich penetrant dem schwulen Auge an — Thierry von meinem französischen Verleih erzählte mir im Februar 2010, dass man den Homos nur ein wenig nackte Haut zeigen muss, dann verkauft sich praktisch jeder Film —, und es ist immer ärgerlich, wenn die Absicht offensichtlich ist.
     Heute möchte ich einen wirklich fabelhaften kleinen Film präsentieren, der fälschlicherweise als Schwulenfilm in den Kaufhausregalen steht, das Thema der Homosexualität aber nur peripher streift.

Der Feind in mir

Originaltitel: L’ennemi naturel; Regie: Pierre-Erwan Guillaume; Drehbuch: Pierre-Erwan Guillaume, Zoé Galeron, Gladys Marciano; Kamera: Pierre Milon; Musik: Sarah Class, Roland Cahen; Darsteller: Jalil Lespert, Aurélien Recoing, Patrick Rocca, Doria Archour, Florence Loiret-Caille. Frankreich 2004.

l'ennemi naturel

»L’ennemi naturel«, der natürliche Feind, das ist in dieser feinen psychologischen Studie im Krimigewand die Angst vor der eigenen »dunklen Seite«, den Abgründen der eigenen Sexualität.
     Schauplatz ist ein kleines Küstendorf in der Bretagne. Die dunklen Felsen sind den Elementen ausgeliefert, der Ozean grollt in bedrohlichen Wellen heran oder scheint im Mondlicht heimtückisch zu schlafen. Als eines Tages die Leiche eines jungen Mannes aus der See gefischt wird, sieht sich die örtliche Polizei in hilfloser Position und fordert Unterstützung aus der Stadt an. So kommt Nicolas Luhel in das Dorf und wird, obwohl gerade frisch von der Polizeischule, mit dem Fall betraut. Die trauernde Mutter des Toten äußert den Verdacht, ihr Ex-Mann, der Vater des Jungen, hätte den Mord begangen, und Luhel geht dem nach. Vom ersten Aufeinandertreffen an empfindet er eine für ihn schwer greifbare Mischung aus Faszination und Ekel für den Verdächtigen Tanguy, dessen ungehemmte Körperlichkeit und Virilität — Aurélien Recoing hat einen wirklich riesigen Schwanz! — ihn überfordern. In dem Geflecht aus kleinbürgerlicher Enge, den feindseligen Dorfbewohnern, die den Besucher aus der Stadt ungern in ihrer Mitte wissen, und verschlossenen Kollegen ist es für Luhel nahezu unmöglich, seinen Job adäquat zu erledigen, und auch das Privatleben des jungen Vaters wird in Mitleidenschaft gezogen. In der tiefen Abwehr seiner geweckten Faszination für den trauernden Tanguy konfrontiert der hilflose Luhel diesen schließlich mit einem furchtbaren Verdacht…

Der unnachahmlich faszinierende Jalil Lespert portraitiert eindringlich und zugleich subtil einen in seinen Grundfesten erschütterten, unsicheren Mann. Ihm wurde von Regisseur Guillaume der kräftige, animalische Aurélien Recoing entgegen gesetzt, dessen Figur der Trauer um den toten Sohn nicht anders beizukommen vermag, als durch ungebremste Sexualität: »Seit mein Sohn tot ist, muss ich ficken. Ich muss meinen Samen säen. Ich will alle Frauen schwängern. Damit sie sich an mich erinnern.«
     Die dritte Hauptfigur ist die schroffe Schönheit der Bretagne, die in unvergesslichen Bildern eingefangen wurde: Hier scheint der Mensch noch mit der (bzw. seiner) Natur im Einklang zu sein, großstädtische Moralprinzipien finden keine Geltung. Diese Welt ist jener nicht unähnlich, die Léo Ferré in seinen Liedern beschreibt; in dieser Welt blühen die Gewehre wie Rosen, lieben die Männer wie Götter und schlägt das Meer wie unser Herz: sehnsüchtig, breit und rot. Besondere Erwähnung muss im Zusammenhang mit »L’ennemi naturel« die melancholische Streichermusik finden, die die impressionistisch-naturalistischen Bilder vorzüglich untermalt.

André Schneider

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