Filmtipp #161: Mahagoni

Mahagoni

Originaltitel: Mahogany; Regie: Berry Gordy; Drehbuch: John Byrum; Kamera: David Watkin; Musik: Michael Masser; Darsteller: Diana Ross, Billy Dee Williams, Anthony Perkins, Jean-Pierre Aumont, Beah Richards. USA 1975.

Mahogany

Am 8. Oktober 1975 hatte mit »Mahogany« Marisas erster und letzter US-Spielfilm Premiere. Heute hat der Film die Reputation, neben »Valley of the Dolls« (Regie: Mark Robson) und The Big Cube einer der Camp-Klassiker der Filmgeschichte zu sein, genießt also ein gewisses cult following, zum Zeitpunkt seines Erscheinens war das unfreiwillig komische Star-Vehikel, das uns Diana Ross in den Sphären der Dramatik serviert, trotz ordentlicher box office-Einkünfte ein Schlachtkalb der Kritiker.

1972 hatte Ross in Sidney J. Furies formidablem Musiker-Drama »Lady Sings the Blues« Billie Holiday verkörpert und war für ihr intensives Spiel (als eine der ersten afro-amerikanischen Schauspielerinnen überhaupt) verdientermaßen für einen Oscar als Beste Hauptdarstellerin nominiert worden. Fast drei Jahre suchte man nach einem geeigneten, ihren Ambitionen gerecht werdenden Nachfolge-Projekt — und entschied sich ausgerechnet für »Mahogany«, einer modernen Aschenputtel-Variante mit reaktionär-antifeministischer Botschaft: Tracy Chambers (Ross) ist eine aufsässige, ehrgeizige junge Frau aus dem Chicagoer Ghetto, die von einer internationalen Karriere als Designerin träumt. Während sie tagsüber als Verkäuferin (später dann als Sekretärin und Assistentin der Geschäftsleitung) bei Marshall Field’s arbeitet, besucht sie Abendkurse in Modedesign. Ihr Freund Brian (Billy Dee Williams) ist — bislang erfolglos — in der Politik und wünscht sich, als erster farbiger Politiker etwas in Chicago bewegen zu können. Als er darauf besteht, dass Tracy ihre Träume zugunsten seiner Ziele aufgibt, verschwindet sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Rom, wo sie als Model unter dem Künstlernamen »Mahogany« zum Star der glitzernden Modewelt aufsteigt – und die Muse von Modezar Christian Rosetti (Jean-Pierre Aumont) wird, der ihre erste, wild umjubelte Kollektion als Designerin ermöglicht. Auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes erkennt Tracy jedoch, »dass Erfolg nichts wert ist, wenn du ihn nicht mit jemandem teilen kannst«, und kehrt Europa und ihrem Modetraum den Rücken, um reuig nach Chicago zurückzukehren, um ihren Mann zu unterstützen: »Mahogany — the woman every woman wants to be — and every man wants to have«, prangte es seinerzeit großspurig auf den Filmplakaten.
     So weit, so naiv, so niedlich das Grundgerüst. Der Haken liegt darin, dass es selbst eingefleischten Diana-Ross-Fans schwer fallen dürfte, sich für sie oder ihre Figur in diesem Film zu erwärmen. Bei den Dreharbeiten war die Ross gerade 30 Jahre alt, das von Überambition gegerbte Gesicht fügt ihrer Aura jedoch gnadenlos etliche Jahre hinzu. Tracy/Diana ist alles andere als sympathisch. Wenn sie ihren Mäzen einschmeichelnd angrinst, sieht sie aus wie Luzifer persönlich, ihre hohe Stirn scheint beinahe ein paar Hörner preiszugeben; wenn sie in Vorbereitung ihrer Modenschau ihre Angestellten bösartig keifend herumkommandiert, glaubt man, die echte, vom Ehrgeiz zerfressene Diana in einem privaten Moment zu erleben; wenn sie am Ende als unterwürfiges Weibchen ihren Brian bittet, sie zurückzunehmen, ekelt einen ihr fehlendes Rückgrad. Diana Ross gibt in jeder Szene alles und noch mehr, sie ist gewissermaßen »zu gut«, um noch echt zu sein. Jede Geste, jeder Satz scheint zu brüllen: »Schaut her, Bitches! Das ist eine Oscar-Performance! Euch zeig ich’s! Diesmal krieg ich das Ding!« — Um ihre Überklasse noch zu unterstreichen, staffierte man ihre Entourage mit hochkarätigen Nebendarstellern aus: Nina Foch, die niederländische Hollywood-Legende der vierziger und fünfziger Jahre, ist als Ross’ strenge Chicagoer Chefin zu sehen, die wundervolle Beah Richards ist ebenfalls mit dabei, und Anthony Perkins gibt als klemmschwuchtelig-psychotischer Fotograf seine x-te an Norman Bates angelehnte Vorstellung. Inmitten dieser Schar illustrer Co-Stars findet man Marisa Mell zur Stichwortgeberin der Ross degradiert. Sie macht das Beste aus ihren Szenen, ist energiegeladen, herzlich und sorgt für zwei, drei Schmunzler. Sie spielt Carlotta Gavina, eine römische Modelagentin, die sich Mahoganys Karriere annimmt, ihre schwesterliche Freundin wird und am Ende gemeinsam mit Rosetti/Aumont dafür sorgt, dass sie sich als Modedesignerin verwirklichen kann.
     »Mahogany« ist über weite Strecken mit einem inszenierten Zugunglück vergleichbar, als Zuschauer mäandert man zwischen Faszination, Abscheu und Fremdscham, manchmal bekommt man’s auch mit der Angst zu tun. Es gibt eine ganze Reihe von Sequenzen, bei denen man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll, zum Beispiel wenn Tracy sich völlig desolat auf einer Party endlos lange mit Kerzenwachs beträufelt und einreibt oder Perkins, der sein Schwulsein auch im Film nicht akzeptiert, sie küsst (der vielleicht unüberzeugendste Filmkuss überhaupt!). Komischer Höhepunkt aber dürfte die Szene sein, in der Perkins und Ross total durchgedreht auf der Stadtautobahn einen Fiat-Unfall haben: er am Steuer, immer schneller fahrend und sie, auf dem Beifahrersitz hysterisch kreischend, fotografierend. Für Perkins endet der Unfall tödlich, Ross landet in einem Sanatorium — es bleibt Aumont vorbehalten, sie (mit Turban und Sonnenbrille ausgestattet) im Rollstuhl durch die Gegend zu kutschieren —, die bei der Todesfahrt geschossenen Fotos werden ein Hit.

Kosten und Mühen wurden für den von Ross’ Plattenfirma Motown initiierten Streifen nicht gescheut, man drehte vor Ort in Chicago und Rom, die fette A-Produktion war exzellent ausgestattet, und die Führung des Ganzen sollte ein wahres Schwergewicht der Branche übernehmen: Der für seine exzellente Schauspielerführung bekannte Tony Richardson, einer der besten Regisseure der sechziger Jahre, der preisgekrönte Filme wie »Tom Jones« (1963) ebenso zum Erfolg geführt hatte wie zahlreiche Broadway-Stücke (»Look Back in Anger«, 1957), war von Motown-Chef Berry Gordy ausgesucht worden, sein stimmstarkes Protegé zum Oscarsegen zu führen. Unglücklicherweise pfuschte Gordy dem Regisseur bereits in den ersten Drehtagen wiederholt ins Handwerk, es kam zu Streitereien, die schließlich in einer Entlassung Richardsons kulminierten. Nachdem er Tony Richardson gefeuert hatte, nahm Berry Gordy selbst auf dem Regiestuhl Platz. Da er sich noch nie zuvor als Regisseur betätigt hatte, wurde er bei einigen Szenen von Jack Wormser und seinem zweiten Regieassistenten Piero Amati unterstützt. Um das Chaos perfekt zu machen, gerieten Gordy und Diana Ross im Verlauf des Drehs lautstark aneinander, zerschlagene Garderobenspiegel und knallende Türen inklusive. Schließlich verließ Ross schimpfend den Drehort, was Gordy dazu zwang, sie in den noch verbleibenden Szenen von seiner Sekretärin Edna Anderson doubeln zu lassen.
     An der Kinokasse schnitt »Mahogany«, wie eingangs erwähnt, gut ab und heimste sogar eine Oscarnominierung für den Besten Song ein. Diana Ross entwarf die im Film gezeigten Kleider — viele Pailletten, viele Pfauenfedern, viele bunte Farben — übrigens höchstpersönlich.

André Schneider
(Auszug aus dem neuen Buch Die Feuerblume — Über Marisa Mell und ihre Filme.)

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7 thoughts on “Filmtipp #161: Mahagoni

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