Filmtipp #4: Halb elf in einer Sommernacht

Halb elf in einer Sommernacht

Originaltitel: 10:30 P.M. Summer; Regie: Jules Dassin; Drehbuch: Jules Dassin, Marguerite Duras; Kamera: Gábor Pogány; Musik: Christóbal Halffter; Darsteller: Melina Mercouri, Romy Schneider, Peter Finch, Julián Mateos, Isabel María Pérez. USA 1966. IMDb.

10:30 P.M. Summer

Ein kleines Dorf nördlich von Madrid. Während eines Sommergewitters erschießt der junge Bauer Rodrigo Palestra (Julián Mateos) seine Frau und deren Liebhaber und wird fortan von den aufgebrachten Dorfbewohnern verfolgt.
     »Maria, was würdest du tun, wenn du dem Mörder plötzlich gegenüber stehst?« fragt die Urlauberin Claire (Romy Schneider) ihre Freundin, als sie in das Dorf einfahren.
     »Ich würde ihn in meine Arme nehmen.«

Allein die Anfangssequenz von Jules Dassins meisterhafter Verfilmung des erotisch-vertrackten Duras-Romans »Dix heures et demie du soir en été« spricht Bände. Leider war »10:30 P.M. Summer« zu Zeiten seiner Uraufführung am 24. Oktober 1966 ein Flop. Die Kritiker waren verärgert, das Publikum wusste nichts mit dem Werk anzufangen. Wer kann’s ihnen verdenken? »10:30 P.M. Summer« — allein der Titel ist merkwürdig und an der Kinokasse nicht wirklich zu gebrauchen — ist ein Kunstfilm, der nicht den konventionellen Erzählmethoden des US-Kinos gehorcht. Schon der Titelvorspann —  die asynchron klatschenden und  gespenstisch ausgeleuchteten Hände — verwirrt. Viele Kritiker zeigten sich zudem irritiert von einer (aus heutiger Sicht sehr dezenten) lesbischen Duschszene zwischen Mercouri und Schneider. In ein Genre lässt sich Dassins Film ebenfalls schwer einordnen. Es ist irgendwie ein Krimi, ja, und irgendwie auch ein Drama, ein Thriller, das Psychogramm einer Frau, die lernt, die Liebe zu begreifen, ein Erotikfilm und das Portrait vierer Menschen, die auf der Suche nach etwas sind, das sie Liebe nennen und nicht verstehen.
     Gábor Pogány, das Kameragenie aus Ungarn, setzte Marguerite Duras’ (sie adaptierte ihren eigenen Roman und schrieb zusammen mit Dassin die Dialoge) Sprache in eigenwillige Bildkompositionen um. Farbdramaturgie und die Wahl der Bildausschnitte lassen jede Einstellung einem Ölgemälde gleichen. Die Schauspieler bewegen sich innerhalb dieser Bilder fast tänzerisch, jede Bewegung der Hände, jede Drehung der Köpfe scheint durchchoreographiert.
     Nach dem Erfolg von »Topkapi« (1964), einer hinreißend temporeichen Krimikomödie, die Dassin sehr souverän mit enormem Aufwand inszeniert hatte (Oscar für Peter Ustinov), schaltete der Meister hier einen Gang runter. Mit einem lächerlich geringen Budget und einer kleinen Crew drehte er seinen persönlichsten und vielschichtigsten Film ausschließlich vor Ort in Spanien.
     Wie schon zuvor der Roman, war der Film für mich Liebe auf den ersten Blick. Müsste ich meine Lieblingsfilme aufzählen, so wäre dieser immer unter den Top 5. Ich fühle mich ihm beinahe intim verbunden — einer der Gründe, weshalb ich ihn bislang stets alleine sah. (Nur zwei sehr, sehr lieben Menschen zeigte ich ihn.) Genau in Worte fassen kann ich es nicht, aber er spricht ästhetisch und thematisch tief in mir Verwurzeltes an, es ist beinahe unwirklich.

Die vier besten schauspielerischen Leistungen von Frauen (in englischsprachigen Filmen) in den Sechzigern waren für mich Tippi Hedren in »Marnie« (Regie: Alfred Hitchcock), Vanessa Redgrave in »Isadora« (Regie: Karel Reisz), Kim Stanley in »Séance on a Wet Afternoon« (Regie: Bryan Forbes) und Romy Schneider in »10:30 P.M. Summer«.  Zunächst einmal war die Schneider nie schöner als in ihrer Rolle als Claire, aber Schönheit allein ist kein Verdienst. Es ist die ruhige Kraft ihrer Präsenz, die aggressive Sinnlichkeit, die sie ihrer Figur mit den subtilsten Mitteln verleiht. Ein kurzer Seitenblick, ein leichtes Öffnen des Mundes: mehr braucht sie nicht, um aus Claire einen vielschichtigen, greifbaren Charakter zu machen. Über weite Strecken ist der Film textarm, fast ein Stummfilm, doch die Art und Weise, wie Romy Schneider raucht oder ein Glas hebt, ihr leicht angebittertes, katzenhaftes Lächeln und ihr lasziver Gang offenbaren ein ganzes Kaleidoskop der Erotik und der Gier. Für mich wird dieses Werk immer der schönste Romy-Schneider-Film bleiben, in Zelluloid gegossene Poesie.

Melina Mercouri, Ehefrau und favorisierte Hauptdarstellerin Dassins, spielt die Trinkerin Maria, die mit ihrem Mann Paul (Peter Finch), ihrer Tochter (Isabel María Pérez) und ihrer Freundin Claire durch Spanien reist und sich des gesuchten Mörders Palestra in der Hoffnung annimmt, er könne den Zerfall ihrer Beziehung, die seit geraumer Zeit im Sterben liegt, aufhalten.
     Paul teilt das Schicksal vieler Männer: Er liebt seine Frau, begehrt aber deren jüngere Freundin. Die wiederum liebt ihn und will ihn um jeden Preis haben. Maria, die Claire selbst zärtlich zugetan ist — sie repräsentiert die ihr abhanden gekommene Jugend —, treibt Paul förmlich in deren Arme, während sie hofft, dem Mörder näher zu kommen. Der jedoch richtet sich vorher selbst.
     »Palestra war ein Idiot«, sagt Maria am Schluss, als sie erkennen muss, dass sie alles verloren hat. »Jemand, der sich weigert zu begreifen, dass Liebe sich ändern kann, dass man sie übertragen kann oder dass sie tot ist, ist ein Idiot. Basta!«
     Am Ende spielen die drei Hauptfiguren Verstecken in den noch menschenleeren Strassen des frühmorgendlichen Madrids. Sie suchen einander, doch sie laufen in entgegen gesetzte Richtungen.

Marguerite Duras war unübertroffen in der Beobachtung und Beschreibung zwischenmenschlicher Regungen. Ihre Sprache war viril und offen und zugleich subtil. Die Spannungen zwischen ihren Protagonisten löste sie nie auf, und wenn, dann waren diese Auflösungen eruptiv, aggressiv. Jules Dassin gelang es hier, ein filmisches Äquivalent zu ihren Erzählungen zu finden. »10:30 P.M. Summer« ist trotz seiner atmosphärischen Dichte beinahe betulich. Langsam flechtet er die Fäden um und zwischen seine Figuren, Cristóbal Halffters phantastischer Soundtrack liefert dazu den spannungsreichen Klangteppich. Die drückende, für den Zuschauer deutlich spürbare Hitze des hochsommerlichen Spaniens — gedreht wurde von August bis Oktober 1965 in Madrid und Umgebung — tut das Ihrige.
     »10:30 P.M. Summer« sagt in weniger als 90 Minuten alles, was man über die Liebe (welch großes Wort!) sagen kann. Jede Ausprägung, jede Phase, in der sich die Liebe befinden kann, findet sich in den wunderschönen, oft leicht goldstichig ausgeleuchteten Bilderbögen. Ein Film, der seiner Liebe zum Detail und seiner zahllosen Symbole wegen eingängig studiert werden sollte. Ein mehrmaliges Anschauen ist praktisch unerlässlich. Jedes Mal findet man mehr. Ein vergleichbar reichhaltiger Film ist »The Birds« (Regie: Alfred Hitchcock), viel mehr gibt es aus diesen Jahren nicht.

Vierzig Jahre später drehte ich mit Sascha Bachmann als Regisseur den etwas mißglückten Half Past Ten. Nicht wirklich ein Remake, aber doch nach Motiven dieses Duras-Romans. Kerstin Linnartz spielte darin die Rolle von Peter Finch.
     Nie hätte ich gedacht, dass »10:30 P.M. Summer« eine DVD-Veröffentlichung zuteil werden würde. 2006 ließ ich mir aus den USA für viel Geld das Original-Kinoplakat, ein Presseheft von 1966 und mehrere Aushangfotos kommen. Allein das Plakat ist großartig: Maria, Claire und Paul, alle drei miteinander verflochten.
     Der Film wurde bislang nur im Pay-TV gezeigt, es gab ihn (zumindest in Deutschland) nicht auf VHS. Selbst in den zahllosen Romy-Schneider-Biographien war er den Autoren kaum mehr als eine Fußnote wert. (Er gehört übrigens — neben »What’s New, Pussycat?« (Regie: Clive Donner), »La Califfa« (Regie: Alberto Bevilacqua) und ein paar anderen — zu den wenigen Filmen, die in der deutschen Fassung nicht von Schneider selbst synchronisiert wurden.) Am 24. Juli 2007 erschien er zu meiner großen Freude in den USA und Kanada in edler Aufmachung. Kurz vor Weihnachten 2010 brachte die Tobis dann endlich die deutsche Fassung auf den Markt. Ich hoffe inständig, dass Dassins großer kleiner Film über das Erblühen und das Sterben der Liebe nun endlich das Publikum findet, das ihm zweifelsohne zusteht.

André Schneider

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