15. Mai 2015

Die Lieblingskassiererin bei Edeka mustert mich leicht erschrocken. »Oh, tut das Herz weh?«, fragt sie mit diesem verständnisvoll-wissenden Blick, den ich an ihr so mag, und ich nicke, lächle traurig und denke: »Ja, es wird gerade gebrochen. Aber nicht mit einem Ruck, wie normalerweise, sondern langsam. Und genüsslich.« — Es beschämt mich etwas, dass man es mir so ansieht. In der Nacht zuvor hatten sich alle Schleusen geöffnet, ich flennte bitterlich, drückte meine Faust an die Brust und verstand die Welt nicht mehr. Ich verliere das Vertrauen — auch in mich und meine Menschenkenntnis. Starre entsetzt einer eiskalten, glasklaren Furcht in die Augen, die mich mit einer schmerzenden Perspektive konfrontiert: einer Zukunft ohne Liebe. Auslöser war ein romantisch-anachronistisches Kennenlernen, ein Mensch, der unverhofft Helligkeit und Farben in meine Trübnis brachte. Sein strahlendes Grinsen öffnete mir eine lang schon nicht mehr vertraute Welt, seine Worte versprachen Zukunft, forderten Hingabe, Fallenlassen, Einheit. Ohne Vorwarnung dann silent treatment, tagelang, begründungslos. »Schweigen ist eine Form von Folter«, sagt Angelika und fragt: »Wo ist deine Wut, André?« — Ich denke an Dr. F. und daran, dass er den Kloß in meinem Bauch seinerzeit als Wut diagnostizierte. Er ist wieder da, aber er bleibt in mir, darf, kann, soll nicht raus, hindert mich daran, Nahrung aufzunehmen. Nadine überredete mich am Montag zu einem kleinen Imbiss beim Thailänder in der Gleimstraße, am Mittwoch aß ich ein Tomatensüppchen, Donnerstag zwei Möhren und eine Banane. Der Kloß behindert auch meinen Schlaf. Seit dem 8. Mai schon. Nachmittags hatten der Schöne und ich noch telefoniert. Connie war dabei und freute sich über mein Strahlen, als ich seine Stimme vernahm. Stunden später begann das Schweigen, das elende, grausame, garstige, beharrliche. Der Missbrauch und die Respektlosigkeit setzen mir zu. Man fühlt sich wie das letzte Arschloch — und hat keine Erklärung dafür. Mir ist wohl bewusst, dass dieser Eintrag eigentlich in die VIP Lounge gehört, but what the hell? (Dort schreibe ich lediglich etwas ausführlicher.) Unwillkürlich fließen Episoden dieses Irrsinns ins Drehbuch ein, es kriecht aus dem Unterbewussten, die Sätze verfasse ich wie in Trance.
Lese gerade Hildegard Knefs Brief an ihre Tochter: »Ich fürchte den Tag, an dem Du das erste Mal nicht wegen EINES Menschen, sondern wegen vieler Menschen weinen wirst; das ist der Tag, an dem Dich die Pest der Hoffnungslosigkeit befällt. Sie ist heilbar. In der Schönheit wird sie, zwar langsam und von Rückfällen gezeichnet, ausheilen. Beim Malen, zum Beispiel. […] Halte die Zügel Deiner bedingungslosen Liebe, fürchte sie ein wenig, denn in der Liebe bist Du ungeschützt und verletzbar wie nie zuvor. Deine unverkennbare Neigung, bedingungslos zu lieben, wird Dir heftig blutende Wunden schlagen; sei’s drum, nur verbluten darfst du nie. […] Es wird Tage geben, an denen Du die Welt umarmst, und Tage, an denen Dich die blitzeblanke Verzweiflung am Kragen hat. Wisse: Du bist nicht die einzige, obgleich das zu wissen nicht immer hilft, denn Schmerz ist unteilbar, das fängt beim Zahnschmerz an. Nur wisse: er geht vorüber, doch Du musst ihm Zeit lassen. Wenn Du ihn bekämpfst, wird er sich Deiner annehmen, er wird Dich verspeisen, denn er braucht Widerstand. […] Und jetzt lass uns von der Schönheit sprechen: Sie ist überall. Wie das Leid. Und für beide sind die Menschen blind.« — Ich suche Schönheit. Höre die Alben von Elif und Ryan Keen, berausche mich an dem Geräusch des Regenprasselns, an der nachtklaren Luft, wenn ich in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit latsche, genieße das satte Grün überall, das schnuckelige Schnarchen meines Hundes, Filme: Bedrooms and Hallways, The Apartment, sogar The Silence of the Lambs. Doch der augenblickliche Schmerz, der Kloß, die Tränen, sie bemächtigen sich meiner gerade zu sehr. Habe zum Glück nun ein paar Tage frei, möchte ins Kino, ins Theater, mir Gutes tun. One Deep Breath läuft weiterhin erfolgreich — demnächst ist Rio dran —, die Finanzierung des neuen Films steht quasi — es gibt also Lichtblicke. Doch leider, wie immer, nur berufliche.
Tränenüberströmt las ich kürzlich wieder die letzten Aufzeichnungen von Rachel Roberts vor ihrem Selbstmord: »I can’t control it any more and I’ve been trying with all my failing strength. I’m paralysed. I can’t do anything and there seems to be no help anywhere. What has happened to me? Is it that my dependence over the years on alcohol has so severely debilitated me that now, without it, I just cannot function at all? Or is it that my nervous system from birth has always been so very frail that life for me is too much to cope with? That I was the hopelessly dependent little girl who found everything too hard to handle, so that my intelligence and talent have been overcome now that I’m in my fifties and I can’t withstand it? Day after day and night after night, I’m in this shaking fear. What am I so terribly frightened of? Life itself, I think.«
Mit diesen Worten ziehe ich mich ein Weilchen aus der virtuellen Welt zurück. Filmtipps gibt es natürlich weiterhin jeden Donnerstag. Bleibt mir gewogen.

André

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4 thoughts on “15. Mai 2015

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