Filmtipp #31 bis #42: Meisterwerke des Giallo

Die italienische Filmindustrie war in den sechziger und frühen siebziger Jahren mit fast 14% der Weltmarktanteile nach Hollywood die zweitwichtigste der Welt und Rom das Mekka der europäischen Filmszene. Die Italiener hatten die besten Kameramänner und Techniker der ganzen Welt, die Restaurants in Cinecittà waren ausgezeichnet und die Mittagspausen lang. Viele US-Produktionen entstanden in Rom, auch aus Steuergründen. Der italienische Film war international, oft wurde auf Englisch gedreht, oft mit prominenten amerikanischen Schauspielern, die in ihrer Heimat gerade im Karrieretief steckten. Clint Eastwood beispielsweise kam erst durch seine italienischen Filme zu Ruhm und Ehre, ebenso Charles Bronson und Telly Savalas. Cinecittà produzierte für Italien und die Welt, es gab die großen Meister wie Antonioni, Fellini, Rossellini, Zeffirelli, Visconti, Monicelli, Vittorio De Sica und Sergio Leone, und es gab (besonders in ihrem Heimatland) ausgesprochen erfolgreiche Fließbandproduktionen. Die Produzenten versuchten sich in allen Genres; besonders die Italo-Western und Sandalenfilme erfreuen sich bis heute größter Popularität. Eines der ureigensten italienischen Genres wurde ab 1962 der giallo. Wörtlich übersetzt bedeutet giallo nichts anderes als »gelb«, aber im heutigen Sprachgebrauch ist das Wort ein Synonym für einen Thriller oder einen Krimi. Diese Bezeichnung hat ihren Ursprung im Jahre 1929, als der Mailänder Verlag Mondadori begann, Krimiheftchen in leuchtend gelbem Einband auf den Markt zu werfen. Oft handelte es sich um Übersetzungen englischsprachiger Krimis, zum Beispiel von Agatha Christie oder S. S. Van Dine. Diese Büchlein waren über Jahrzehnte wahre Kassenschlager — bis heute.
     Als Filmgenre ist der giallo schwer greifbar, was daran liegen mag, dass er in so viele unterschiedliche Richtungen gehen kann. So kann er sowohl dem Horrorfilm, als auch dem Polizeifilm zugerechnet werden, häufig geben sich gialli auch einen komödiantischen Anstrich (Im Italienischen gibt es den Begriff filone, der für eine Genre-Kreuzung steht oder auch einen bestimmten Zirkel von Filmen oder Trends bezeichnen kann. Die deutsche Sprache ist hier ein wenig grober.) Ich selber sehe den giallo als ein Subgenre.
     Die gängigste Form des giallo ist die Geschichte eines Mörders, der in vermummter Form, in der Regel mit einem Trenchcoat und schwarzen Handschuhen, zuschlägt. Der Zuschauer ist angehalten, bis zum Schluss die Identität des Killers zu enträtseln. Oft gerät ein Unschuldiger unter Mordverdacht und muss selbst aktiv werden, um seine Unschuld zu beweisen. Diese Grundformel ist ein wesentliches Merkmal des Genres, reicht aber alleine nicht aus. (Diese Art von Whodunit gab es auch schon früher.) Es gibt gialli, die das Hauptaugenmerk auf den Polizisten legen oder eine zerrüttete Familie zeigen, gleichzeitig ergeht sich der giallo gern in der Psychologisierung seiner Figuren, es gibt Paranoia, schleichenden Wahnsinn, manchmal einen Hauch des Übernatürlichen. Unverzichtbarer Bestandteil aller gialli jedoch ist die Optik, die Ästhetik, die einfach nicht nachahmbar ist: die aus heutiger Sicht schrillen Kostüme und Frisuren, die Dekorationen, die Mischung aus Sex und Gewalt, die es so nur in den Sechzigern gab — und die berühmte Formel »Stil über Substanz«.
     Der große Mario Bava drehte mit dem an Hitchcock angelehnten »La ragazza che sapeva troppo« 1962 den ersten giallo. Bis heute entstanden an die 300 gialli, wobei mit dem Niedergang der italienischen Filmindustrie ab circa 1977 auch die großen Meister dieses Fachs — Dario Argento, Umberto Lenzi, Lucio Fulci und andere — mehr und mehr Schund ablieferten. (Jüngstes Beispiel: »Giallo« (Regie: Dario Argento).) Für mich waren Argentos »Profondo rosso« (1975) und »Tenebre« (1982) die letzten Höhepunkte dieser Filmgattung, in die ich mich vor gut sieben Jahren so sehr verliebte, weil sie sich so schrill und stilvoll von den glatten Produktionen aus England oder den Vereinigten Staaten abhebt.
     Heute möchte ich Euch in Kurzform zwölf meiner Lieblingsgialli vorstellen. Die Auswahl fiel mir nicht leicht, ich hätte locker 40 Filme auswählen können. Falls also der eine oder andere Connaisseur des Genres Werke wie »Der Tod trägt schwarzes Leder« (1974) oder »Der Schwanz des Skorpions« (1970) vermisst: bitte nehmt es mir nicht krumm.

Sei donne per l'assassino

#31: Blutige Seide
Sei donne per l’assassino (1964)
Regie: Mario Bava, mit Cameron Mitchell, Eva Bartok, Thomas Reiner u. a.

Der Großvater aller gialli! »Sei donne…« war zwar nicht der erste Film dieses Genres, aber er war der Film, der das Genre für alle Zeiten definieren sollte. Es sind Bavas alptraumhaft schön inszenierten Morde, die seinerzeit die Aufmerksamkeit der Zuschauer erregten. Wie viele Bava-Filme hat auch dieser die Qualität eines delirierenden Traumspiels. Doch Bava wäre nicht Bava, wenn er sich nur auf den Schockgehalt konzentrierte. Vielmehr bewegen uns das umwerfende Farbdesign und die einschmeichelnde Kamera — zwei Schlüsselelemente, die Bavas Filme von denen seiner Kollegen immer unterschieden haben. Ein Fest fürs Auge! Inhaltlich ist der Film nach fast 50 Jahren natürlich schon leicht angestaubt und kann kaum mehr verhehlen, dass die Handlung inklusive der Schlusspointe arg konstruiert daherkommt, aber wen juckt das schon? Eine wichtige Parole für jeden giallo lautet: Stil über Substanz! Mario Bavas gialli kann man auch heute nur bestaunen, so detailverliebt und würdevoll wurden sie inszeniert. An seine Finesse reichte höchstens noch Argento heran, wenn auch nur bis etwa 1977.
     Handlung: In einem römischen Modeatelier wird ein Model umgebracht. Eine ihrer Kolleginnen findet ihr Tagebuch und entdeckt darin einige interessante Neuigkeiten, was auch ihr Schicksal besiegelt. Bald wird ein Model nach dem anderen Opfer des maskierten Bösewichts mit den schwarzen Lederhandschuhen, der das Tagebuch schließlich in die Finger kriegt und verbrennt. Inspektor Silvestri, der sich der Sache annimmt, hat bald fünf Verdächtige in Untersuchungshaft. Doch dann geschehen weitere Morde, wodurch diese zu einem Alibi kommen. Der ratlose Inspektor fragt sich nun, wer hinter der Mordserie steckt.

L'uccello dalle piume di cristallo

#32: Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe
L’uccello dalle piume di cristallo (1969)
Regie: Dario Argento, mit Tony Musante, Suzy Kendall, Eva Renzi u. a.

Nach »Sei donne…« war dies der zweite wegweisende giallo. Auch heute, über 40 Jahre nach seiner Entstehung, hat dieser Klassiker nichts von seiner Wirkung verloren.
     Der in Rom lebende amerikanische Schriftsteller Sam Dalmas (Musante) wird vor einer Kunstgalerie Zeuge eines Kampfes zwischen einer Frau (Renzi) und einem maskierten Mann. Dalmas möchte einschreiten, kann aber nicht und muss hilflos zusehen, wie die Frau erstochen zusammenbricht. Er macht seine Aussage bei der Polizei, wird aber das Gefühl nicht los, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Um seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, unternimmt er seine eigenen Nachforschungen, wodurch er sich und seine Freundin Giulia (Kendall) in Lebensgefahr bringt.
     Für sein Regiedebüt hatte der Drehbuchautor — Argento war einer der Autoren, die an Leones »C’era una volta il West« (1968) mitschrieben — die besten Mitarbeiter zur Verfügung: Starkameramann Vittorio Storaro schuf eben jene stimmungsvoll-erlesenen Bildkompositionen, für die er damals schon bekannt war, Starkomponist Ennio Morricone wob einen unverwechselbaren Klangteppich, in Nebenrollen tauchten Persönlichkeiten wie Reggie Nalder (bekannt aus Hitchcocks »The Man Who Knew Too Much« (1956)), Mario Adorf, Umberto Raho, Raf Valenti und Enrico Maria Salerno auf, und Eva Renzi schenkt uns eine völlig überdrehte und unfreiwillig komische Performance, an die man noch lange schmunzelnd zurückdenkt. »Der Vogel mit dem Kristallgefieder« (so die Übersetzung des Originaltitels) wurde der erste Teil von Argentos Tier-Trilogie, es folgten noch »Il gatto a nove code« (1970) mit Karl Malden und »Quattro mosche di velluto grigio« (1971) mit Mimsy Farmer und Bud Spencer (als Gott!). 1975 schuf er mit »Profondo rosso« (»Deep Red«) sein Meisterwerk, quasi den Höhe- und Endpunkt der giallo-Welle. Zwar wurden danach noch einige gialli gedreht — Argento selbst beispielsweise fabriziert bis heute welche —, aber die Klasse von »Profondo rosso« erreichte keiner mehr. Ich selbst schätze die frühen Argentos sehr, diesen hier besonders, da er wie ein Hitchcock’sches Puzzle aufgebaut ist. Argento bringt schon hier alle wesentlichen Elemente ins Spiel, die für ihn so typisch werden sollten: Der Held ist ein in Schwierigkeiten geratener Künstler (in diesem Fall ist es ein Autor, in späteren Filmen sind es Musiker, Tänzerinnen, Maler und wieder Autoren), der sich auf die Macht seiner Erinnerung verlassen muss, um das Rätsel zu lösen und seinen Kopf aus der Schlinge (entweder des Gesetzes oder des Mörders) zu ziehen. Es ist die Suche nach dem Puzzlestück, das ihm entgeht, was Argentos Filme so einzigartig macht. Seitdem hat es so etwas immer wieder im Film gegeben — Nachahmer hatte und hat der große Meister viele —, 1969 jedoch war dies neu. Schon hier zeigt sich Argentos enormes visuelles Gespür, sein kreativer Umgang mit Farben und Stimmungen, die man beinahe mit einem Bava vergleichen kann.
     In Deutschland wurde »L’uccello dalle piume di cristallo« übrigens (in einer gekürzten Version) fälschlicherweise als Wallace-Film vermarktet.

Una lucertola con la pelle di donna

#33: Lizard in a Woman’s Skin
Una lucertola con la pelle di donna (1971)
Regie: Lucio Fulci, mit Florinda Bolkan, Jean Sorel, Stanley Baker u. a.

Wenn man heute den Namen Lucio Fulci hört, denkt man sofort an die ekelhaften Zombie-Filme, die er ab 1979 in schneller Abfolge auf den Markt schmiss. C-Horrorfilme von exzessiver Gewalt, bar jeder inszenatorischer Sorgfalt, die ihm den Ruf eines a) wirklich miesen Regisseurs und b) Frauenhassers eintrugen. Der hierzulande von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmte »Lo squartatore di New York« (»Der New York Ripper«, 1981) ist ein Musterbeispiel für einen späten Fulci: frauenverachtend, sleazy bis an die Schmerzgrenze und massenhaft selbstzweckhafter Splatter (man möchte fast sagen: pornografische Gewalt) anstelle eines schlüssigen Spannungsbogens. Dabei hatte Fulci wenige Jahre zuvor mit drei grandiosen gialli bewiesen, dass er ein verdammt guter Regisseur war, der sich auch auf leise Töne verstand: »Una sull’altra« (»Nackt über Leichen«, 1969) mit Marisa Mell und Jean Sorel war der erste, ihm folgten (die im deutschsprachigen Raum leider nicht gelaufenen) »Una lucertola con la pelle di donna« (1971) und schließlich sein Meisterstück »Non si sevezia un paperino« (1972).
     London. Carol Hammond (Florinda Bolkan) erzählt ihrem Therapeuten von einem immer wiederkehrenden Traum: Sie träumt davon, ihre Nachbarin Julia zu erstechen. Tags darauf wird diese auch erstochen aufgefunden. Carol wird verhaftet, da einige ihrer privaten Besitztümer bei der Leiche gefunden werden. Sie wird wieder auf freien Fuß gesetzt, doch schon wenig später tötet ein Hippie ihre Stieftochter Joan (Penny Brown). Es ist allerdings klar, dass er nicht Julias Mörder sein kann. Carols Vater nimmt sich das Leben und hinterlässt ein Geständnis, dass er Julia ermordet hat, da diese ihn erpressen wollte. Doch die Polizei ist überzeugt davon, dass der wahre Mörder ganz jemand anders ist…
     Ein wundervoller Titel für einen nicht minder wundervollen Film: »Eine Echse in einer Frauenhaut«. Ein feiner psychologischer Thriller mit allen Bestandteilen eines klassischen Giallos: ein wenig nackte Haut, brutale Morde, falsche Fährten, Intrigen, einen eifrigen Ermittler, ein wenig upper class und erlesenes Dekor. Die Traumsequenzen sind von atemberaubender Schönheit. Fulci hat hier nicht nur einen der besten Filme seines Œuvres, sondern auch einen der besten gialli vorgelegt, den man auf gar keinen Fall verpassen sollte.
     Die bis heute leider sträflich unterschätzte Florinda Bolkan ist in ihrer diffizilen Rolle mehr als überzeugend. Eine so gute Schauspielerin sah man in einem giallo selten. Auch mit von der Partie: Anita Strindberg, eine bildschöne Schwedin, die in zahlreichen gialli auftrat (unter anderem in dem fabelhaften »La coda dello scorpione« (Regie: Sergio Martino) und in Aldo Lados »Chi l’ha vista morire« (1972) mit George Lazenby). Der attraktive Franzose Jean Sorel, der immer dann engagiert wurde, wenn die Produzenten sich Alain Delon nicht leisten konnten, liefert eine solide Vorstellung, die angesichts der Bolkan allerdings nur verblassen kann. Morricone komponierte, Luigi Kuveiller war der Kameramann. Die DVD ist momentan leider nur in den USA erhältlich, doch ich lege diese Anschaffung wirklich jedem Filmfreund ans Herz.

La vittima designata

#34: Der Todesengel
La vittima designata (1971)
Regie: Maurizio Lucidi, mit Tomas Milian, Pierre Clementi, Luigi Casellato u. a.

Stefano (Milian) ist mit seinem Leben unzufrieden. Er würde sich gerne von seiner Frau Luisa (Marisa Bartoli) trennen, doch eine Scheidung würde ihn die Werbeagentur kosten, die er zwar erfolgreich leitet, die allerdings seiner Frau gehört. In Venedig lernt Stefano den mysteriösen Grafen Matteo Tiepolo (Clementi) kennen, der ihm ein verlockendes Angebot macht, das der geneigte Filmfreund schon aus Hitchcocks »Strangers on a Train« kennen dürfte: Er bietet Stefano an, seine Frau umzubringen, im Gegenzug soll dieser den verhassten Bruder Matteos aus dem Weg räumen. Stefano nimmt den Vorschlag nicht ernst, der Graf jedoch begeht tatsächlich den versprochenen Mord, und Stefano gerät unter Tatverdacht. Um ihn zur Einhaltung ihrer Abmachung zu zwingen, hält Matteo wichtige Indizien zurück, die Stefano entlasten könnten. Ein teuflischer Zwiespalt: Stefano muss einen Mord begehen, um damit seine Unschuld zu beweisen.
     In meinen Augen um ein Vielfaches besser und aufregender als Hitchcocks Highsmith-Verfilmung! Die Darsteller sind mit Vergnügen bei der Sache, und Venedig ist seit jeher ein wunderbarer Schauplatz für düster-leidenschaftliche Thriller. Lucidi arbeitet mit viel Subtext; je nach Interpretation könnte es sogar sein, dass Stefano und Matteo ein- und dieselbe Person sind. Auch die leisen homoerotischen Untertöne sind nicht von der Hand zu weisen. Ein geradliniger Thriller, der Spaß macht.

Gli occhi freddi della paura

#35: Cold Eyes of Fear
Gli occhi freddi della paura (1971)
Regie: Enzo G. Castellari, mit Giovanna Ralli, Frank Wolff, Fernando Rey u. a.

Eine für Ennio Morricone ziemlich ungewöhnliche Freejazz-Komposition untermalt den Vorspann dieses aufregenden Thrillers des Western-Regisseurs Castellari. Der Schauplatz ist, wie so gerne im italienischen Film dieser Zeit, London. In einem Club in Soho lernt Peter die aparte Anna (Giovanna Ralli, eine Billigvariante der Loren) kennen und nimmt sie mit zu sich nach Hause, wo sie bereits von einem Gangster erwartet werden, der alsbald auch noch Verstärkung erhält. Die beiden sind nun die Geiseln einer brutalen Gaunerbande. Hintergrund: Peter ist der Sohn eines Richters (Fernando Rey), an dem sich die Ex-Knackis rächen wollen.
     Nach einem furiosen Auftakt mit Karin Schubert als (vermeintlichem) Opfer eines Sexualverbrechens wird »Gli occhi freddi della paura« mehr und mehr zu einem clever fotografierten Kammerspiel. Eine spannende und zum Ende hin ausgesprochen brutale Rachegeschichte mit guten Schauspielerleistungen: Gianni Garko als Inspektor und Frank Wolff als Oberbösewicht setzen hier Glanzlichter. Als einer der Gangster ist übrigens Julián Mateos zu sehen. Kein giallo-Klassiker, für mich trotzdem einer der sehenswertesten.

La notte che Evelyn uscì dalla tomba

#36: Die Grotte der vergessenen Leichen
La notte che Evelyn uscì dalla tomba (1971)
Regie: Emilio P. Miraglia, mit Anthony Steffen, Marina Malfatti, Erika Blanc u. a.

»Die Nacht, als Evelyn aus dem Grab stieg« lautet der Originaltitel dieses phantasievollen Kleinods, den ich definitiv zu meinen Lieblingsfilmen zählen muss. Was, so muss ich zugeben, an den oft unfreiwillig komischen (eingedeutschten) Dialogen und an Anthony Steffen liegt, den ich in seinen engen roten Hosen einfach zum Anbeißen finde. Wie so viele gialli spielt auch dieser in England, was in diesem Fall besonders ulkig ist, da die Drehorte so italienisch sind, wie sie nur sein können. Zudem fahren die Autos beharrlich auf der rechten Seite, was in England vermutlich nicht gern gesehen würde. Mit Logik oder Wissen darf man an diesen Film nicht herangehen, sonst wird man sich ärgern. Schaltet man das Köpfchen jedoch ab, so wird man reichlich Spaß haben. Allein der Anblick Erika Blancs in hohen Lackstiefeln ist unbezahlbar!
     Nach einem Nervenzusammenbruch war Lord Cunningham (Steffen) zeitweise in einer psychiatrischen Anstalt. Nach seiner Entlassung nimmt er eine rothaarige Prostituierte mit zu sich nach Hause und tötet sie. Er ist von seiner toten (rothaarigen) Frau Evelyn besessen und versucht sogar, in einer Séance Kontakt mit ihr aufzunehmen. Eines Tages trifft er die Blondine Gladys, die er sofort heiratet, um sich vom Geist der verstorbenen Evelyn freizumachen. Kurz darauf werden einige Mitglieder seiner Familie ermordet — ist es ein Geist, ist es ein Mörder? —, und der dem Wahnsinn nahe Cunningham sieht in der Gruft seines Schlosses, wie Evelyn sich von den Toten erhebt…
     Ein giallo, der eigentlich doch keiner ist: Ein bisschen Gruselfilm, ein bisschen Märchen, ein Hauch Edgar-Wallace-Erbschleicherei, eine Prise S/M-Erotik, ein kleinwenig Komödie. Die Szenen in Cunninghams S/M-Folterkammer sind wahre Glanzlichter, und die Auflösung am Ende ein Musterbeispiel für den Einfallsreichtum der Autoren. Der markant-aparte Anthony Steffen, am bekanntesten für seine Westernrollen, chargiert hier wie üblich auf höchstem Niveau. Nein, er war weiß Gott kein guter Schauspieler — und wusste das auch, was ihn wirklich sympathisch macht. Mit »La notte che Evelyn uscí dalla tomba« hat er sich für immer in mein Herz »gespielt«. Ein Film für einen lustigen Abend mit Freunden.

La corta notte delle bambole di vetro

#37: Malastrana
La corta notte delle bambole di vetro (1972)
Regie: Aldo Lado, mit Jean Sorel, Ingrid Thulin, Barbara Bach u. a.

Der amerikanische Auslandskorrespondent Gregory Moore (Sorel) wird in einem Prager Park tot aufgefunden. Die Todesursache ist nicht erkennbar. Wie es scheint, war er an einer Story dran, die ihm weit über den Kopf gewachsen ist. Nur: Moore ist gar nicht tot. Jemand spritzte ihm ein Serum, das ihn katatonisch daliegen lässt. In Rückblenden erfahren wir, wie es dazu kam: Moore versuchte, das Verschwinden seiner Verlobten Mira aufzuklären und entdeckte dabei, dass in Prag zahllose junge Frauen auf geheimnisvolle Weise verschwanden — und die Behörden sich dafür kaum interessieren…
     Aldo Lado gehört bis heute zu den gefragtesten Autoren Italiens. Sein Regiedebüt ist ein komplexer, hochspannender und faszinierender Thriller, der aus der Masse an gialli, die zu jener Zeit produziert wurden, klar hervorsticht. Schon der Aufbau der Geschichte mit den verschachtelten Rückblenden fordert den Zuschauer heraus und steigert die Spannung ins Unermessliche. Die Auflösung am Ende ist erschreckend und für einen giallo ungewöhnlich sozialkritisch und anspruchsvoll.
     Dass man ausgerechnet in Prag zu Zeiten des Kommunismus drehte, geschah nicht ohne Hintergedanken. Aldo Lado erlaubt es sich, in Metaphern zu sprechen und die systembedingte Unterdrückung der Freiheit anzuprangern — und das subtil genug, dass man ihm dennoch eine Drehgenehmigung erteilte. Prag gibt eine besonders schöne Kulisse für die »kurze Nacht der Glaspuppen« (so der Originaltitel) ab, ein gern gesehener Kontrast zu den anderen Filmen des Subgenres, die oft in London, Rom, San Franscisco oder Paris spielen.
     Jean Sorel ist als paralysierter Journalist überzeugend, mit Ingrid Thulin und Barbara Bach stehen ihm zwei wunderbare Kolleginnen zur Seite. Auch der Rest der Besetzung kann sich sehen lassen: Mario Adorf ist mal wieder mit von der Partie, José Quaglio, Fabian Sovagovic, Piero Vida und Jürgen Drews (!) sind in Nebenrollen dabei. Ennio Morricone komponierte die Musik zu dieser deutsch-italienisch-jugoslawischen Co-Produktion, die man sich mehr als nur einmal anschauen sollte.

Passi di danza su una lama di rasoio

#38: Die Nacht der rollenden Köpfe
Passi di danza su una lama di rasoio (1972)
Regie: Maurizio Pradeaux, mit Robert Hoffman, Susann Scott, George Martin u. a.

Die hübsche Spanierin Nieves Navarro, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Susan Scott, drehte in den frühen Siebzigern einige äußerst interessante gialli, zwei davon unter der Regie von Luciano Ercoli: »La morte cammina con i tacchi alti« (1971) und »La morte accarezza a mezzanotte« (1972). Zwischen diesen beiden — selbst unter Genre-Fans kaum bekannten — Meisterwerken übernahm sie die Hauptrolle in diesem Film, der leider nicht die Klasse der Ercoli-Werke erreicht, dafür aber mit einem hochspannenden Finale aufwartet: Während Kitty auf ihren Freund Alberto wartet, beobachtet sie zufällig den Mord an einer jungen Frau. Die umgehend verständigten Polizisten glauben ihr zunächst nicht, doch dann wird die Leiche gefunden, und kurz darauf gibt es ein weiteres Opfer. Eine brutale Mordserie, die bald ganz Rom in Atem hält, beginnt. Während der Ermittlungen gerät Alberto ins Visier der Ermittler und versucht mit Kittys Hilfe, seine Unschuld zu beweisen, doch jeder, der Hinweise auf die Identität des wahren Mörders geben könnte, stirbt. Damit nicht genug, umkreist der unheimliche Killer bald auch Kitty und Alberto…

Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile

#39: Schön, nackt und liebestoll
Rivelazioni di un maniaco sessuale al capo della squadra mobile (1972)
Regie: Roberto Bianchi Montero, mit Farley Granger, Sylva Koscina, Chris Avram u. a.

In einer süditalienischen Kleinstadt geht ein besonders skrupelloser wie grausamer Serienmörder um. Er tötet ausnahmslos verheiratete Frauen, die außereheliche Affären hatten und hinterlässt am Tatort Fotos, welche die Umtriebigkeit der Opfer beweisen. Der mit der Aufklärung der Verbrechen betraute Inspektor Capuna (Granger) erfährt während der Ermittlungen, dass seine Frau (Koscina) ihn betrügt. Verletzt und blind vor Wut benutzt er sie als Lockvogel für den Killer…
     Farley Granger, am bekanntesten für seine beiden Hitchcock-Filme, startete in den frühen Siebzigern eine recht beachtliche zweite Karriere in Italien. »Rivelazioni di un maniaco sessuale…« ist mit Sicherheit ein für seine Zeit äußerst gewagter Film mit einer mehr als fragwürdigen moralischen Botschaft — untreue Frauen sind Flittchen und ihre Ermordung die gerechte Strafe —, aber aus heutiger Sicht ungemein faszinierend. Mit Susan Scott, Silvano Tranquilli, Krista Nell, Femi Benussi, Annabella Incontrera und Chris Avram ist dieser giallo zudem bis in die Nebenrollen ansprechend besetzt. Die Musik stammte hier nicht von Morricone, Savina, Riz Ortolani oder Stelvio Cipriani, sondern vom Jazz-Pianisten Giorgio Gaslini. Regisseur Montrero setzt vielleicht ein wenig zu sehr auf Nacktheit und Blut, wer Subtilität schätzt, sollte einen Bogen um seine Werke machen.
     Kleine Anekdote am Rande: Als der Film 1982 in den USA wieder in den Verleih gebracht werden sollte, ging Granger gerichtlich dagegen vor: Die Produzenten hatten einige Sexszenen mit den Pornodarstellern Tina Russell und Harry Reems nachgedreht und den neu geschnittenen Film als Porno mit Farley Granger beworben. (Neuer Titel: »Penetration«.) Die Produzenten zogen den Film in den Vereinigten Staaten zwar zurück, werteten die Pornofassung jedoch in Europa aus.

I corpi presentano tracce di violenza carnale

#40: Torso
I corpi presentano trace di violenza carnale (1973)
Regie: Sergio Martino, mit Suzy Kendall, Luc Merenda, Tina Aumont u. a.

Sergio Martino hat in seiner Laufbahn mehrere gute gialli inszeniert, dieser hier wurde aber besonders wegweisend, fungierte er doch als Blaupause für die späteren amerikanischen Slasher-Filme. Nur bleibt »I corpi presentano…« im Gegensatz zu den zahllosen Nachahmern spannend bis zum Schluss. Der Zuschauer hat keine Atempause, es gibt kein comic relief, und der Mörder geht hier schon äußerst drastisch ans Werk: Das Geräusch, wenn er die Leichen seiner Opfer zersägt, geht nicht nur der gebeutelten Suzy Kendall durch Mark und Bein!
     Während des Drehs wurden den Schauspielern die letzten Seiten des Drehbuchs bis zum Schluss nicht gegeben, so dass auch sie nicht wussten, wer der Killer ist.
     Es geht um einen Wahnsinnigen, der Studentinnen ermordet. Einziger Hinweis auf seine Identität ist ein rotes Halstuch. Jane (Kendall) ist sich sicher, ein solches Halstuch schon einmal gesehen zu haben, kann sich aber nicht mehr erinnern, wo das gewesen ist. Ein Straßenhändler hat ein besseres Gedächtnis und versucht, den Mörder zu erpressen — was er (natürlich) mit dem Leben bezahlt. Zusammen mit ein paar Freundinnen fährt Jane in ein abgelegenes Landhaus, um sich zu erholen, doch der Killer folgt ihnen…
     Der Produzent dieses besonders in den Vereinigten Staaten überaus erfolgreichen Films war Carlo Ponti.

L'uomo senza memoria

#41: Der Mann ohne Gedächtnis
L’uomo senza memoria (1974)
Regie: Duccio Tessari, mit Senta Berger, Luc Merenda, Umberto Orsini u. a.

Bei einem Autounfall verlor Ted (Merenda) sein Gedächtnis. Als ihn ein Unbekannter, der ihn offenbar von früher kennt, mit Informationen versorgen will, wird dieser Opfer eines Mordanschlags. Die Suche nach seiner Vergangenheit, die ihn von London nach Portofino führt, bringt ihn zu der schönen Sarah (Berger), mit der er verheiratet ist. Die wiederum wurde in Teds Abwesenheit mehrfach von einem Einbrecher heimgesucht, und auch Ted gerät nun an halbseidene Geschäftspartner vergangener Tage. Ihm wird bald klar, dass er sich früher in kriminellen Kreisen bewegt hat, und seinen Komplizen von anno dazumal ist sehr daran gelegen, dass er sein Gedächtnis wiedererlangt. Ted weiß nicht, wem er noch trauen kann. Seine Vergangenheit bringt ihn und Sarah in tödliche Gefahr…
     In ihrer Autobiographie schwärmt Senta Berger geradezu von den Dreharbeiten: »Wir mochten uns alle sehr und freuten uns jeden Tag auf die Arbeit.« Luc Merenda schlug im Interview auf der DVD einen ähnlichen Ton an. Man merkt dem Film die harmonische Atmosphäre am Set an. Duccio Tessari gelang ein rundum schöner Film, den man sich einfach gerne anschaut. Kameramann Giulio Albonico arbeitete extensiv mit Schärfenverschiebungen, was dem »Mann ohne Gedächtnis« einen besonderen Touch verleiht, und das Finale, in dem die Berger sich mit einer Kettensäge ihres Angreifers erwehrt, ist einfach der Hammer!

Spasmo

#42: Spasmo
Spasmo (1974)
Regie: Umberto Lenzi, mit Robert Hoffman, Suzy Kendall, Ivan Rassimov u. a.

Vielfilmer Umberto Lenzi war in eigentlich jedem Genre zuhause. Seit den späten Sechzigern inszenierte er auch zahlreiche gialli, unter anderem mehrere mit Carroll Baker (»Paranoia« (1969), »Cosi dolce… cosi perversa« (1969), »Orgasmo« (1969)). Für viele gilt »Sette orchidee macchiate di rosso« (1972) als der Höhepunkt seines Schaffens. »Spasmo« wurde sein vorerst letzter giallo; erst 1989 servierte er dem Publikum mit zwei weiteren gialli einen ziemlich faden Nachschlag.
     In »Spasmo« passiert so viel, dass man die Story nur grob umreißen kann: Als Christian (Hoffman) und seine Freundin am Strand eine auf dem Bauch liegende Frau (Kendall) finden, vermuten sie zunächst, sie sei tot. Doch die schöne Unbekannte rappelt sich auf und ist kurz darauf verschwunden. Bei einer Party auf der Yacht eines Freundes trifft das Pärchen sie wieder. Sie heißt Barbara. Zwischen Christian und ihr funkt es, er zieht sich mit ihr zurück und lässt seine Freundin stehen. Das Schläferstündchen wird von einem Angreifer gestört, der durchs Badezimmer einbricht und Barbara attackiert. In Notwehr erschießt Christian den Mann mit dessen Waffe. Allerdings verschwindet die Leiche. Christian glaubt, allmählich den Verstand zu verlieren, und Barbara schlägt ihm vor, sich in einem scheinbar verlassenen Haus zu verstecken…
     »Spasmo« ist einer der schrägsten Filme, die ich je gesehen habe. Die vier Drehbuchautoren — Umberto Lenzi, Massimo Franciosa, Luisa Montagnana und Pino Boller —- haben hier Idee über Idee hineingeworfen, der Film ist schlussendlich so überfrachtet, dass die Handlung kaum nacherzählbar ist. Die Dialoge sind streckenweise so bizarr, dass man sich das Schmunzeln nicht verkneifen kann. Die typischen Elemente eines Giallos werden von Lenzi nach und nach über Bord geworfen, so dass alles noch undurchschaubarer wird — bis zum Ende, wo er die Bombe platzen lässt und es doch noch einen Sinn ergibt. Es ist einer jener gialli, an denen sich die Geister scheiden. Man kann ihn nur lieben oder hassen. Ich persönlich liebe ihn und möchte an dieser Stelle die Vermutung äußern, dass David Lynch sich »Spasmo« sehr, sehr oft angeschaut haben muss. Sein »Lost Highway« (und einige seiner anderen Filme) weisen in Synopsis und Atmosphäre deutliche Parallelen zu Lenzis Film auf.
     Hauptdarstellerin Suzy Kendall, eine englische Ausgabe von Sharon Tate und damalige Gattin Dudley Moores, war übrigens eine abenteuerlich unbegabte Schauspielerin, die jedoch das große Glück hatte, in den frühen Siebzigern von großen Meistern des giallo besetzt zu werden. In ihrer Filmographie finden sich dadurch mehrere Perlen. (Siehe oben.) Ennio Morricone komponierte für »Spasmo« eine besonders stimmungsvoll-schaurige Musik, die zu seinen schönsten Arbeiten zählen dürfte.

André Schneider 

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