16. November 2014

Der gestrige Morgen startete zäh. Die Augen geschlossen, den Körper in Embryonalhaltung auf der Matratze geparkt, lag ich da, hellwach in meinen Gedanken verloren. Wollte lange nicht aufstehen. Hatte tagelang vergebens auf den Rückruf der Brüsseler Chefin gewartet. Legte mir für den Fall, dass es wider Erwarten doch nicht klappen sollte, Plan B und C zurecht und versuchte, mich zu beruhigen. Hatte sie nicht am 9. November heiraten wollen? Vermutlich sind sie und ihr frisch Angetrauter noch am flittern. Sie wird sich schon melden, natürlich. Im Gespräch vor Ort wirkte sie ja verbindlich. Aber solange ich nichts Schriftliches habe, bleibt dieser dumpfe Kloß in der Magengegend. Immerhin zügelt dieser den Appetit; auch ein Trost. Wie dem auch sei, die Tage sind gezählt. Es sind noch 37, bevor sich das Berlin-Kapitel schließt. »Es muss ja nicht für immer sein«, sagte der schwarzhaarige Kollege vom Nebenjob, und ich seufzte schwer. Nein, es muss nicht. Es muss nichts. Aber — und das ist gewiss — der Weggang wird einer auf Jahre sein. Weil ich Umzüge hasse und liebend gerne Wurzeln schlagen möchte. Rekapitulierend stelle ich fest, dass diese Entscheidung eine ist, die über Jahre reifen musste. Gründe fürs Weggehen habe ich viele, ich könnte gar nicht »den einen« benennen; letzten Endes ist es natürlich (auch) immer ein Politikum, feingliedrige Verschlingungen aus Erlebtem und Gelerntem.
Bei all den Umstürzungen und Erneuerungen liegt es auf der Hand, wieso ich momentan so unruhig schlafe und intensiv träume. In der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag träumte ich von zwei Schulkameraden, von Dennis und Connie. Wachte verstört und bewegt auf. Dennis war mein bester Freund gewesen, obwohl es zwischenzeitlich immer lange Pausen in der Kommunikation gegeben hatte. Anfang Mai 2004 telefonierten wir zum letzten Mal miteinander, danach verloren wir uns aus den Augen. Connie traf ich vor einigen Jahren — 2006? 2007? — einmal zufällig in der Sanderstraße, ein kurzes, unverbindliches Gespräch. Nach meinem Traum schrieb ich sie auf Facebook an, und noch am selben Abend telefonierten wir miteinander. Dieselbe weiche, runde Stimme wie zu Schulzeiten, angenehm gereift. Übermorgen sind wir zum Lunch verabredet, ich freue mich sehr darauf.

Léonard hat gerade acht Projekte parallel laufen. Neben seinen eigenen CDs produziert er mittlerweile Jane Badler, Ines Olympe Mercadal und Maripol. Das Spektrum wird breiter, einiges erinnert an Amanda Lears Disco-Pop-Aufnahmen aus den späten 1970ern. Gesehen hatten wir uns bald drei Jahre nicht mehr — zuletzt tranken wir einen Kakao zuammen, als ich zum Dreh von Le deuxième commencement in Paris gewesen war, danach war es uns nicht mehr gelungen, zur gleichen Zeit am gleichen Ort zu sein. Mit ihm ist es eine dieser seltenen Glücksfälle, eine tiefe Vertraut- und Verbundenheit, die unabhängig davon, ob man sich regelmäßig sieht oder hört, Bestand hat. Wir konnten sofort wieder in die Tiefen unserer Gespräche eintauchen, waren in einem wohligen Einklang. Spazierten durch den Mauerpark, schlenderten über den Flohmarkt, hörten Musik in meinem Zimmer, sprachen über eine etwaige Zusammenarbeit. — Eine CD-Empfehlung am Rande: »Love Each Other« von Maripol und Léonard Lasry.
Tags darauf traf ich Gérard, um mit ihm im Moviemento »What We Do in the Shadows« (Regie: Jemaine Clement, Taika Waititi) zu schauen, der an Einfallsreichtum wirklich kaum zu überbieten war. Wir kugelten uns vor Lachen, der Film war eine gelungene Überraschung mit Suchtfaktor. — Ansonsten war meine Woche geprägt von Arbeit und Gedankenfilmen. Kurze Stippvisite von meiner Schwester, einige Stunden »Ein Herz und eine Seele« auf DVD, Die, Mommie, Die! mit Sebastian und Daniel Aldridge, literweise Tee.
Antony ist seit einigen Tagen in São Paulo und genießt den dortigen Sommer. One Deep Breath lief gestern Abend, ich warte gespannt auf seinen Bericht. Und keine zwei Wochen mehr bis Paris
Einen schönen Sonntag wünsche ich Euch. Bis die Tage.

André

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8 thoughts on “16. November 2014

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