Filmtipp #271: Tiger by the Tail

Tiger by the Tail

Originaltitel: Tiger by the Tail; Regie: R.G. Springsteen; Drehbuch: Charles Wallace; Kamera: Alan Stensvold; Musik: Joe Greene; Darsteller: Christopher George, Tippi Hedren, Dean Jagger, Charo, Lloyd Bochner. USA 1969.

tiger by the tailEigentlich konnte es nur bergab gehen, schließlich hatte Tippi Hedrens Filmkarriere ganz oben begonnen, doch nach ihrem beeindruckenden Debüt in Hitchcocks »The Birds« (1963) war sie erschreckend schnell ganz unten angekommen. Nach ihrem Rauswurf bei Universal und dem Reinfall mit A Countess from Hong Kong spielte sie ein bisschen Theater — »A Hatful of Rain« (1967) in Kanada und »Black Comedy« (1968) in Paramus, New Jersey —, nahm eine Platte auf (ein Flop), setzte sich für humanitäre Organisationen ein und war ansonsten ohne Beschäftigung. Der New Yorker B-Produzent Francis D. Lyon und sein Bruder Earle mussten sich nicht sonderlich ins Zeug legen, um die Aktrice für »Tiger by the Tail« unter Vertrag zu nehmen: Hedren hatte schlicht und einfach keine Wahl. Bis 1972 drehte sie noch drei Kinofilme und trat in einer Fernsehserie als Gaststar auf, danach war bis zum Erscheinen von »Roar« (Regie: Noel Marshall) im Frühjahr 1982 praktisch Schicht im Schacht; in einem Interview aus den frühen Siebzigern gab sie an, zuweilen sehr deprimiert darüber zu sein, keine major motion pictures mehr zu machen. Von Partnern aus der A-Liga wie Rod Taylor, Sean Connery und Marlon Brando war sie zu Christopher George, George Montgomery und John Saxon »abgestiegen«.

»Tiger by the Tail« ist ziemlich schwer zu bekommen. Meine Kopie ist eine mit dänischen Untertiteln versehene DVD-R aus den USA, ein Geburtstagsgeschenk meines lieben Freundes Kevin Paul Stephens. (Thank you!) Diverse Datenbanken listen das Erscheinungsjahr des Streifens entweder mit 1968, 1969 oder 1970. Der National Screen Service Code lautet 69/322, was bedeuten würde, dass »Tiger by the Tail« im letzten Quartal des Jahres 1969 in die Kinos kam. Im Abspann allerdings wird 1968 als Produktionsjahr angegeben. Für den Western-Regisseur R.G. Springsteen, einem Vielfilmer mit nicht weniger als 100 Film- und TV-Arbeiten in seinem Lebenslauf, besiegelte »Tiger by the Tail« den Abschied vom Berufsleben; der damals 64jährige setzte sich nach Beendigung des Films in Südkalifornien zur Ruhe.
Zu allererst springt einem die unangenehm-billige Ästhetik des Films ins Auge — »Tiger by the Tail« sieht aus, als sei er in einem kleinen Hinterhofstudio flugs fürs Fernsehen abgekurbelt worden. Ganz falsch ist das nicht, die Produzenten setzten in ihrer Konzeption tatsächlich auf eine rasche TV-Auswertung des Streifens, was ihnen dank der Werbekunden größere Gewinne versprach als eine mittelprächtige Kinolaufzeit. (Unnötig zu erwähnen, dass der Film kein großer Renner an der Kinokasse war.) Gedreht wurde in Ruidoso Downs, New Mexico, die Handlung spielt jedoch größtenteils in El Paso, Texas: Der Kriegsveteran Steve Michaels (George), der nach drei Jahren aus Südostasien nach Hause kommt, sieht sich plötzlich im Visier der Polizei, als sein Bruder Frank (Dennis Patrick) ermordet wird. Von Sherrif Chancey Jones (John Dehner) ermutigt, stellt Steve seine eigenen Nachforschungen an. Seine Ex-Freundin Rita (Hedren) spielt dabei eine nicht ganz unwichtige Rolle…

Das Ganze plätschert unspektakulär-gefällig und leidlich spannend vor sich hin. Das Skript möchte gerne wendungsreich sein und ist doch nur verworren, und der obligate Showdown dürfte auch 1969 weiß Gott niemanden vom Hocker gehauen haben.
Christopher George ist, wie in jedem seiner Filme, ein nicht unsympathischer Held, was vermutlich auch der Grund dafür war, dass er bis zu seinem frühen Tod sehr gut im Geschäft war. Tippi Hedren spielt ihre Rita mit derselben unterkühlten sexuellen Energie, die schon ihre beiden Arbeiten unter Hitchcocks Ägide auszeichnete. Allerdings beeinträchtigen Kostüme und Kulisse ihre Glaubwürdigkeit: Keine Millionärin, wie Rita Armstrong eine ist, würde sich in Woolworth einkleiden und ihr Mobiliar aus Sperrholz zusammen suchen. Da hilft es auch nicht, dass sie im Garten einen kleinen Swimmingpool hat.
Die Farbdramaturgie des Films ist unter aller Sau, das fängt bei dem grell-roten Titelvorspann an und hört bei den wahllos zusammengewürfelten Holztönen der mieserabel ausgestatteten Sets auf. Das Tempo wird durch den schlechten Schnitt (Terry O. Morse) ungebührlich gedrosselt; manche Einstellungen werden einfach zwei, drei Sekunden zu lange gehalten. Komischerweise trägt gerade all das zum schrägen Unterhaltungswert von »Tiger by the Tail« bei — wie auch Charo, die hier ihren ersten Filmauftritt absolviert und ihren Text brav phonetisch auswendig gelernt und vermutlich kein Wort verstanden hat. Sie singt auch und spielt Gitarre. Es ist unklar, ob sie vielleicht eine Spionin ist — und es selbst nicht genau weiß — oder zur Rennbahn-Mafia gehört, welche die Gegend im Griff hat. Auf jeden Fall ist es immer eine Freude, Charo zu sehen, ob in Las Vegas, auf dem »Love Boat« oder eben als Darlita in »Tiger by the Tail«. Auch der Rest der Besetzung ist ziemlich bemerkenswert, besteht sie doch fast ausschließlich aus namhaften TV-Veteranen: Dean Jagger, Glenda Farrell, Lloyd Bochner, R.G. Armstrong, Alan Hale Jr. und Skip Homeier sind in zumeist schwach geschriebenen Rollen und Röllchen zu sehen. Die lächerlich-unpassende Fahrstuhlmusik stammt von Joe Greene, dessen Song »Outa-Space« auch heute noch häufig in Filmen wie »Rush Hour 2« (Regie: Brett Ratner), »One Crazy Summer« (Regie: Savage Steve Holland), »Muppets from Space« (Regie: Tim Hill) oder »The Look of Love« (Regie: Michael Winterbottom) zu hören ist.

André Schneider

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