24. März 2016

Der blaue Himmel über Brüssel.

Der blaue Himmel über Brüssel.

Am 3. Februar diesen Jahres erhielt ich unerwarteterweise die Zusage für einen Job, für den ich mich am 16. Oktober 2014 beworben hatte. Brüssel, Boulevard Clovis 83. Noch vor einem Jahr hätte ich vor Freude Luftsprünge gemacht. Selbst im Februar diesen Jahres überlegte ich noch kurz hin und her, ob ich nicht vielleicht doch… — Nur führe ich mittlerweile eine Beziehung mit jemandem, der Berlin liebt und hier bleiben möchte, und auch das Anfangsgehalt schien mir etwas zu dürftig, um meine Zelte hier abzubrechen. Immerhin hatte man sich gemeldet. Die kleine Sprachschule in der Rue du Trône hatte überhaupt nicht auf meine Bewerbung reagiert. Einzig die Nederlandse Taalacademie in der Avenue Louise signalisierte Interesse. Ich erinnere mich gut an das Bewerbungsgespräch und den langen Spaziergang durch Brüssel an diesem sonnigen Vormittag im November 2014. Meine Blicke streiften die Aushänge in den Immobilienbüros, schraubten sich fest an den »à louer«-Schildern in den Fenstern. Ich war bereit, mich in Brüssels geöffneten Arme fallen zu lassen. Es ist eine vielsprachige, kulturlebendige und nicht allzu unüberschaubare Stadt mit viel Wind und einem Herz, das durchlässig ist für das Neue. Die Belgier — oder besser: das Gros der Belgier — sind ein an Gastfreundlichkeit kaum zu übertreffendes Volk, und Brüssel — weitaus mehr als die meisten europäischen Großstädte — eine Einwanderungsstadt. Man spricht Französisch, Niederländisch, Englisch, Spanisch, Italienisch, Deutsch, Polnisch, Portugiesisch, Arabisch, Türkisch, Tschechisch. Viele bleiben nicht lange, sehen die Stadt als Zwischenstation, parken hier kurz und ziehen weiter. — Meist komme ich nach Brüssel, um Freunde zu besuchen. Vor allem natürlich Mirko, der zwar in Antwerpen lebt, beruflich jedoch viel in Brüssel unterwegs ist. Das Stöbern in den Buch- und Comicläden, die formidablen Restaurants und das abwechslungsreiche Kulturprogramm der Stadt haben Brüssel zu einer meiner Lieblingsstädte werden lassen.
Vorgestern erhielt ich viele SMSe, deren Wortlaut sich ähnelte und am adäquatesten mit: »Ich bin froh, dass du nicht nach Brüssel gegangen bist« zusammengefasst werden kann. Ich weiß nicht, ob ich so froh darüber sein soll. Berlin ist ein so abgenagter Knochen, meine Hassliebe zu dieser armen Stadt setzt mir sehr zu. Natürlich verstehe ich den Gedankengang der Familie und der Freunde. Aber sind Berlin, München, Rotterdam, Kopenhagen, Uppsala, Manchester, Dublin, Salzburg tatsächlich sicherer? Ist es nicht nur eine Frage der Zeit? Wenn wir ganz ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass es keine Sicherheit gibt. Für Präventivmaßnahmen ist es lange schon zu spät — und wie hätten diese auch aussehen sollen?

Brüssel 2

Ein Facebook-Kontakt brachte gestern einen hervorragend pointierten Beitrag darüber, was jetzt passieren wird (bzw. bereits passiert):
»Ich nehme mal die kommenden Reaktionen zum ‪Terroranschlag‬ am ‪‎Airport‬ ‪‎Brüssel‬ vorweg:
Angela Merkel: ›Wir sind empört. Sehr empört.‹
Sigmar Gabriel: ›Ich auch. Noch viel mehr als Merkel.‹
Zentralrat der Muslime: ›Hat nix mit Islam zu tun.‹
ISIS: ›Wir bekennen uns dazu. Wir töten Euch alle.‹
Thomas de Maizière: ›Uns liegen keine Erkenntnisse zu geplanten Terroraktionen in Deutschland vor.‹
BND: ›Es kam überraschend. Wir hatten keine Ahnung.‹
BILD: ›Gibt es deutsche Opfer?‹
Spiegel: ›Die Attentäter hatten ein gültiges Flugticket, einen europäischen Haftbefehl und waren bereits vorbestraft. Sie reisten munter durch Europa.‹
Martin Schulz: ›Es ist schrecklich.‹
Das Internet: ›Je suis Bruxelles.‹
Frauke Petry: ›Jetzt schaffen wir es in den Bundestag. Rente ist durch.‹«

Kevin schrieb mir besorgt aus New York, dass Trump nur noch einen Terroranschlag davon entfernt sei, gewählt zu werden. Die kurzsichtige Angst wird auch hier in Europa viele Menschen zu törichten (Wahl-)Entscheidungen bringen, da sollten wir uns keine Illusionen machen. Ab 2017 sitzt die AfD im Bundestag, und wir können eigentlich nur auf eine starke und vor allem diskussionsfähige Opposition hoffen. Gregor Gysi hat in dieser Hinsicht eine wirklich eklatante Lücke hinterlassen. Er hätte der besonnen und kühl argumentierenden Petry Paroli bieten können. Ansonsten sieht es echt verdammt mau aus. Unmerklich hat sich Stück für Stück die Politik aus unserer Politik verabschiedet.

Brüssel 3

Ich würde Euch gerne bitten, meine anderen Brüssel-Beiträge zu lesen:
7. Februar 2011
20. März 2012
21. Februar 2014
12. September 2014
9. November 2014
16. November 2014
2. Januar 2015

Ich wünsche all meinen Leserinnen und Lesern ein gemütlich-zerstreutes Osterfest und bedanke mich für Eure Treue.

André

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5 thoughts on “24. März 2016

  1. Pingback: 24. Mai 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: 20. Juni 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  3. Pingback: 22. Juni 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  4. Pingback: 22. März 2017 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

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