12. September 2014

(Achtung: Damit der geneigte Leser alles gut sacken lassen kann, mache ich nach jedem Ortswechsel einen kleinen Absatz. Zum Luftholen.)

Da war unter anderem eine Erdgeschosswohnung in Siemensstadt. Hinterhof, ein Zimmer, 36 Quadratmeter. Kostenpunkt: 420 Euro warm. Eigentlich machbar, dann das Aber der Hausverwaltung: »Für diese Wohnung sollten Sie schon ein Nettogehalt von wenigstens 1.400 Euro nach Hause bringen.« — »Aber ich verdiene doch mehr als das Doppelte der Bruttowarmmiete.« — »Sehen Sie, das ist das Problem: Sie sollten mindestens das Vierfache verdienen. Wir wollen keine Sozialfälle beherbergen.«

Ortswechsel. Pankow, nur 20 Minuten von meiner jetzigen Wohnung entfernt, für den morgendlichen Radweg zur Arbeit also kein Problem. Ein großer Raum, 38 Quadratmeter, Fenster zum begrünten Hof, separate Küche, ein Wannenbad. Zum 16. September zu haben, die Warmmiete liegt auch bei etwa 400 Euro. Im Büro der Hausverwaltung hole ich den Wohnungsschlüssel ab, meinen Ausweis lasse ich als Pfand da. »Sie müssten natürlich tapezieren und streichen«, hatte die Büroauster gesagt. Ich, lässig: »Also wenn’s nur das ist: Tapezieren und streichen kann ich praktisch im Schlaf.« — Dass die Wohnung noch entrümpelt werden, das Badezimmer neu gefliest, Herd und Spüle gekauft, eine Küche eingebaut und der Dielenfußboden abgeschliffen werden muss, wurde nicht erwähnt. Ich schätze, dass die Renovierung mindestens 2.000 Euro kosten wird: »Kann man sich da irgendwie einigen?« — »Wie meinen Sie das?« — »Früher gab es, wenn man als Mieter so umfangreiche Renovierungen auf eigene Kosten durchführen musste, ein bis drei Monate Mietfreiheit.« — »Sagen Sie mal, wo leben Sie denn? Wir haben über 100 Bewerber für die Wohnung! Wenn Sie es nicht machen wollen, macht’s halt ein anderer. Viel Glück noch bei der Suche.«

Weißensee: »Wir versuchen gerade, unsere Objekte hundefrei zu kriegen.« — »Hätten Sie mir das nicht vor dem Besichtigungstermin am Telefon sagen können? Ich hatte doch extra gefragt.« — »So können Sie wenigstens sehen, was Ihnen entgeht.«

Adlershof: »Also, wir haben hier Schufa-Auskunft, Verdienstbescheinigungen, Ausweiskopie und Mietschuldenfreiheitsbescheinigung von Ihnen.« — »Ja, das Übliche eben.« — »Wir bräuchten bitte noch Ihren Arbeitsvertrag als Kopie, dann Ihre Kontoauszüge der letzten sechs Monate und Ihr polizeiliches Führungszeugnis. Ferner brauchen Sie einen Bürgen, von dem bräuchten wir dann auch Ausweis, Schufa und Verdienstbescheinigung. Die Mietkaution beträgt vier Nettokaltmieten, zahlbar im Voraus und in bar.« — »Wieso denn bar? Wird das nicht normalerweise überwiesen?« — »Wenn Ihnen das nicht passt, brauchen Sie ja nicht hier einzuziehen. Wir haben genug Interessenten.«

Lankwitz: Süße, hundefreundliche 1,5-Zimmer mit Badewanne und Balkon, Blick ins Grüne, ruhig, 40 Quadratmeter, preiswert. Die nächste S-Bahn fährt sechs Busstationen entfernt, nachts bräuchte ich eineinhalb Stunden bis zur Arbeit, der nächste Supermarkt ist mit dem Fahrrad etwa eine Viertelstunde entfernt. Was ich an Miete spare, bekommt die BVG, und wenn ich acht Stunden arbeite, bin ich insgesamt elf Stunden unterwegs.

Spandau: Hier müsste ich morgens um zwei mit der Bahn in die Stadt fahren, mehrmals umsteigen, wenn ich um 4:30 Uhr in Treptow anfangen muss zu arbeiten. Zum Besichtigungstermin erscheinen ein Dutzend Leute.

Von 96 angeschriebenen Maklern und Vermietern meldeten sich überhaupt nur elf zurück. Eine Rückrufpraxis, wie ich sie von Schuldnern, Produktions- oder Verleihfirmen, Veranstaltern oder Castingbüros bereits kenne — gewöhnen werde ich mich daran nie. Der Ton war fast überall frech, manchmal beleidigend. Die Suche allein ist schon kostspielig: 25 Euro für die Schufa, 16 für Fotokopien, an die 20 für Briefmarken und täglich etwa sieben für die S- und U-Bahn. Insgesamt waren die letzten Wochen eine Lektion in Sachen Erniedrigung. Nach jedem Gespräch fühlte ich mich schlecht; ausgezogen und entwertet. Es sieht nicht so aus, als ob sich noch eine Bleibe finden lässt, die mir noch ein Rudiment an Lebensqualität lässt. Zwischen- oder Untermiete oder »auf Zeit« möchte ich nicht mehr; ich wünsche mir, dass ich die nächsten fünf Jahre nicht mehr umziehen muss.

Gedanklich und gefühlsmäßig hake ich Berlin Stück für Stück ab. Brüssel scheint im Augenblick realistischer. Der erste Bewerbungsschwall ist abgeschickt, die Jobsuche steht nun an erster Stelle. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass mir nicht mulmig zumute wäre. Trotzdem…

Eine gute Nachricht noch zum Schluss: Heute Abend werde ich zum dritten Mal zusammen mit Daniel Aldridge im Radio zu hören sein. Einfach auf meine Termin-Seite gehen und den dortigen Link anklicken. Wir hoffen auf viele Zuhörerinnen und Zuhörer. Ich werde für die Musik sorgen, habe bereits Jo van Nelsen und Anthony Newley eingepackt. Bis dahin!

André

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