8. April 2014

Es war eine hässliche Sache damals, 2010. Genau genommen gar nicht lange her, dennoch ein bewegtes Stück Vergangenheit, ein Trauma. Elf Jahre hatte ich in dieser Wohnung gewohnt, meine kleine Bärenhöhle, dunkel und gemütlich, wunderbar am Kanal gelegen. Meine Eltern hatten die Wohnung für mich gekauft, zuerst lief sie auf meinen Namen, ab 2005 dann auf ihren, und als sie schließlich in die Insolvenz gingen, wurde sie für 40.000 Euro zwangsversteigert. (Gekostet hatte sie etwa 60.000.) Derjenige, der sich mein Zuhause für diesen Spottpreis unter den Nagel riss, war ein Nachbar, er wohnte schräg über mir. Wir waren uns ein paar Male im Treppenhaus begegnet, ein höflicher Homosexueller mit Zahnarztpraxis außerhalb der Stadt. Kurz darauf stand er vor meiner Tür, sagte »Eigenbedarf!« und schmiss mich raus. Am 1. Oktober 2010 zog ich in den Wedding. Ein Höllenjahr, dem ein weiteres folgen sollte. Mittlerweile gehört diesem Nachbarn der halbe Seitenflügel.
     Warum ich das schreibe? Nun, der Nebenjob führt mich fast täglich in die Friedelstraße 34. Mein einziges echtes Zuhause, seit wir Weihnachten 1993 aus Harsum weggezogen waren. Die süße Inhaberin der Tapas-Bar im Vorderhaus erinnerte sich sofort an mich: »Deine Wohnung ist jetzt eine Ferienwohnung«, sagte sie. Ich schluckte laut. — Die Gegend hat sich kolossal verändert. Der ganze Kiez ist eine einzige Baustelle, dazwischen Designerlädchen, Sushi-Bars, ein elegant-gemütliches Hamburger-Restaurant an der Ecke. Helgas Späti ist noch da, der Friseursalon, in dem Markus arbeitete, auch, und natürlich der orientalische Wochenmarkt. Das Café am Ufer hat dicht gemacht, das Maybach hat Besitzer und Namen gewechselt, der Grieche ist jetzt ein Inder mit gepfefferten Preisen. Einzig die Ankerklause hält stramm die Stellung. Viel ist von dem, was ich — merkwürdigerweise immer noch! — meine Heimat nenne, nicht übrig geblieben. Auf dem Klingelschild der Friedelstraße 34 entdecke ich lediglich noch drei bekannte Namen, aber welch Überraschung: Auf der großen Tafel im Hausflur stehe ich immer noch dran!
     Etwas seltener habe ich in dem Haus in der Krossener Straße zu tun, in dem ebenfalls ein Stück meines Herzens gebrochen wurde. Dort wohnt nach wie vor der Mensch, den ich eine ganze Weile für meinen besten Freund gehalten hatte, bis er meine Freundschaft bespuckte und verriet. Ich hatte eine tiefe, eine aufrichtige Liebe zu diesem Menschen empfunden, und sein Verrat tat noch zwei, drei Jahre später höllisch weh.

Fast vier Jahre nach meinem Auszug steht mein Name immer noch in der Friedelstraße 34.

Fast vier Jahre nach meinem Auszug steht mein Name immer noch in der Friedelstraße.

Im Kino war ich noch immer nicht. Zuletzt wohl im Dezember. Sonderbar. Dabei läuft augenblicklich so einiges, was mich interessierte. Den Auftritt von Tommy Tiernan im Quatsch Comedy Club habe ich auch verpasst. Aber ich raffe mich nach Feierabend kaum mehr auf, das Haus zu verlassen. An Kurt Cobains Todestag hatten mich Kopfschmerzen zu Boden gedrückt, die gleichzeitig »zogen« und hämmerten, ganz widerlich. Schwimmen war ich auch schon seit gut zwei Monaten nicht mehr, dafür fahre ich täglich etwa zwei Stunden Fahrrad. Immerhin. Und ich bin ganz produktiv, was das Schreiben angeht.
     Le deuxième commencement ist nach Athen eingeladen, ein sympathisches Festival. Es freut mich, dass mein kleines Baby immer mal wieder gesehen wird. Antony gibt bereits die ersten Interviews zu One Deep Breath. Die Spannung steigt. Die Feuerblume verkauft sich prächtig, allein im März gingen 33 Exemplare raus. Meine London-Termine mussten verschoben werden. Die Clubs bezahlen einfach nicht mehr so gut (wenn überhaupt), und so bleibt vieles an mir hängen. Aber Ende April ist es soweit, und im Mai bin ich mal wieder hier in Berlin auf der Bühne. Ottokar Lehrner lud mich ein, bei seinem »Salon Frivol« als Gast dabei zu sein. Ottokar hatte damals mit mir in »Glastage« spielen sollen, war aber wegen irgendwelcher Terminprobleme durch Ingmar Skrinjar ersetzt worden. Neun Jahre hatten wir uns nicht mehr gesehen. Jetzt wohnt er gar nicht so weit von mir entfernt, wir saßen neulich gemütlich in seiner Wohnküche und unterhielten uns so angenehm-angeregt, wie ich es zurzeit selten erlebe.
     Hiermit verabschiede ich mich für heute. Demnächst mehr. Einstweilen wünsche ich Euch einen fabelhaften Dienstag.

André

Advertisements

3 thoughts on “8. April 2014

  1. Pingback: 18. Oktober 2015 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: 30. März 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  3. Pingback: 14. Dezember 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s