22. September 2013

Als ich klein war, fand ich Wahlen ganz witzig. Ich komme, das ist kein Geheimnis, aus einem schwarz-roten Haushalt. Mein Vater war und ist CDU-Mitglied, obwohl er eigentlich keinen CDU-Charakter hat — und als Arbeiter von dieser Partei so gar keine Unterstützung findet. Er wählt die CDU, weil seine Eltern die CDU wählten. Deswegen ist dem argumentativ nicht beizukommen. Meine Mutter war stets SPD-Wählerin. Die Wahlen fand ich deshalb lustig, weil meine Eltern zwar zusammen zum Wahllokal gefahren sind, sich aber hinterher so gestritten hatten, dass mein Vater zu Fuß zurück nach Hause musste.
     1998 durfte ich zum ersten Mal wählen. Da war ich 20 und hatte 16 Jahre Kohl hinter mir. Damals wählte eigentlich jeder, den ich kannte, SPD/Schröder — eigentlich nur, um den bösen, dicken Mann loszuwerden. Dabei war der Schröder alles andere als sympathisch. Wie sagte Volker Pispers so schön: »Bei dem Schröder hatte man immer das Gefühl, wenn die Krawatte verrutscht, kommt das Goldkettchen raus.« — Gerhard Schröder musste ich mir im wahrsten Sinne schönreden: »Zum vierten Mal verheiratet, das spricht für Flexibilität, das ist für einen Politiker gar nicht so unwichtig…«
     Bei den nächsten Wahlen lebte ich bereits in Berlin. Das war dieses Kopf-an-Kopf-Rennen von Schröder und Stoiber. Der Stoiber machte mir Angst. CSU und NPD unterscheiden sich, seien wir mal ganz ehrlich, nur durch die Buchstaben und den gesprochenen Dialekt, und da ist die NPD noch um Längen wohlklingender. Edmund Stoiber erschreckte mich mit seiner Menschenverachtung und seiner Intelligenzallergie. Und die Wahl war wirklich knapp! Stoiber hatte schon gefeiert, meine Berliner Freunde und ich fürchteten schon, bald bei jeder Begrüßung »Heil Stoiber!« brüllen zu müssen. In der letzten Minute wurde das Steuer noch einmal herumgerissen, rot-grün blieb — und brachte uns vom Regen in die Jauche.
     Seit 2003 hat es die SPD geschafft, die Zahl ihrer Wähler praktisch zu halbieren. Das kommt davon, wenn man seinen Stammwählern ins Gesicht spuckt. Die Agenda 2010 ist nur ein Beispiel unter vielen.
     2005 kam Frau Merkel mit der großen Koalition. Ich weiß noch, dass ich in der Wahlkabine stand und dachte: »Eigentlich egal.« — Ohne groß zu überlegen wählte ich die SPD und die Grünen und ärgerte mich hinterher, dass ich quasi »blind« gewählt hatte; im Prinzip genau wie mein Vater mit der CDU.
     2009: Briefwahl. Am Wahlwochenende waren meine Schwester und ich in Antwerpen. Auf der Rückfahrt hörten wir das Wahlergebnis im Radio und waren entsetzt: schwarz-gelb, die Biene-Maja-Regierung. Man sprach schon vom Zeitalter der sozialen Kälte. Die Merkel hatte sich in den ersten vier Jahren ihrer Amtszeit als gute Taktikerin zu erkennen gegeben: abwarten, mit leeren Worthülsen um sich werfen, Gegner ins Aus katapultieren und mit einer »Hier sitze ich, und ihr könnt mich mal«-Attitüde hinter ihrem Schreibtisch hocken. Ihr einziges politisches Ziel: weiter Kanzlerin bleiben, koste es, was es wolle. Da sind keine anderen Interessen oder gar Visionen. Komischerweise wirkt sie sympathisch: sie hat ein liebes Lächeln, bisweilen wirkt sie kleinmädchenhaft schüchtern. Sie könnte eine der Nachbarinnen meiner Eltern sein, die im Sommer zum Grillen vorbeikommen, zu Bier, Steaks und Folienkartoffeln. Dabei wird über den letzten Urlaub oder das neue Auto geplaudert. Allerdings würde ich keine der Nachbarinnen meiner Eltern gern am Kanzlerschreibtisch sitzen sehen.
     Wir hatten schon fast jede denkbare und undenkbare Koalition an der Regierung: rot-grün, rot-schwarz, schwarz-gelb… — und es hat sich nichts zum Guten verändert. Es ist stillstand. Das bestätigt auch die von Mal zu Mal weiter schwindende Wahlbeteiligung. Den Menschen fehlt nicht das Interesse für Politik, ihnen fehlt der Glaube, dass sich etwas ändern könnte. Die Regierung hat es geschafft, den Leuten zu suggerieren: »Es ist scheißegal, ob ihr wählt oder nicht.« — Das ist vor allem deswegen traurig, weil diese Nichtbeteiligung vor allem den rechtspopulistischen Parteien wie der NPD oder der AfD Stimmen zuspielt, die diesen braunen Dreck tatsächlich in die Landtage bringen könnte. Die AfD ist da eine neue Gefahr, sie ist eine Partei für NPDler mit Hirn, die sind rhetorisch gut und haben einige namhafte Kandidaten. Wem die NPD bislang zu prollig-tumb war, wählt nun die AfD, die der NPD ideologisch allerdings gleichkommt. — Nein, die einzigen Parteien, die tatsächlich einen Umschwung erwirken könnten, wären die Piraten und die Linken. Punkt.

Chelito und ich gingen gleich heute früh ins Wahllokal. Jetzt heißt es abwarten und viel Tee trinken. Bin bereits wieder fleißig am schreiben, Sonntag hin oder her. Ich hoffe sehr, dass es sich viele Nichtwähler noch einmal überlegen und von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen. (Wenn die AfD ihr Ziel, Arbeitslosen und Rentnern das Wahlrecht zu entziehen, durchsetzen würde, wüssten endlich alle, wie wertvoll eben dieses Recht ist!) Nur wer wählt, darf hinterher auch jammern — und das Jammern ist doch der Deutschen liebstes Hobby, oder nicht? Also hoch mit dem Hintern und auf zum Wahllokal! Und danach ein schönes, kaltes Bier!
     Kommt gut in die neue Woche, genießt den Altweibersommer.

André

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2 thoughts on “22. September 2013

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