9. November 2014

Die freien Tage waren alles andere als frei. Notar-, Friseur- und Zahnarzttermine, das Briefeschreiben an die Krankenkasse und diverse Ämter sowie Papis Geburtstagsfeier im ganz kleinen Kreis auf dem Sonnenberg; schönster Panoramablick am Sonntagmittag, mit einem Gans-, Enten- und Wildbuffet — Antipasti, Kroketten, Gemüse, köstlichste Saucen und feine Desserts. Mir gegenüber saß Tante Erika, die im Dezember 83 wird, aber locker 20 Jahre jünger wirkte und von ihren Radtouren und der Gartenarbeit erzählte. Wie lange hatte ich sie nicht mehr gesehen? Vier Jahre? Fünf? Onkel Friedrichs Beerdigung war vor zehn Jahren. Krebs. 72 Jahre alt. Ein scheußlicher Kampf. »Brauch’ Luft, brauch’ Luft!«, hatte er gejapst, dann Erstickungskrämpfe. Wenige Wochen zuvor hatten meine Mutter und ich ihn noch besucht. Abgemagert war er, ein friesisch hoch gewachsener Mann, dessen Körper knochig und porös geworden war: »Eine weitere Chemo stehe ich nicht durch«, hatte er gesagt. Mit Hautkrebs hatte es angefangen, da war er kaum 63. Erste Chemo, dann Rekonvaleszenz, kurze Atempause, dann die Rückkehr der Krankheit. »Der Krebs ist wie die Jugendliebe«, sagte eine Ärztin, »er kommt oft zurück.« — Damals hatte ich Tante Erika kaum noch wahrgenommen, ihr zierlicher, kaum 1,55 Meter messender Körper ähnelte einem huschenden Geist, sie war praktisch durchsichtig im Widerschein der Friedhofssonne. Der 3. September 2004 war es gewesen. Komisch, all meine Kalender sind farbig: weinrot, blau, verschiedene Erdtöne. Nur 2004 ist tiefschwarz. Das Jahr hatte auf Teneriffa begonnen, am Neujahrsmorgen war ich im Atlantik schwimmen. Um kurz nach Mitternacht hatte ich mich über Markus’ SMS gefreut: »Ich liebe Dich, ein frohes neues Jahr, mein Engel! Dein Mann.« Keine drei Monate später war er tot und mein Leben über Nacht zweigeteilt in DAVOR und DANACH. Im Schreiben hatte ich versucht, der Leere Herr zu werden — und doch gelang es mir nie, eine Sprache für das Unaussprechliche zu finden. Bis heute nicht.
So weit hatte ich nicht abschweifen wollen. Nun, wir befinden uns im November 2014. Die GmbH ist endlich gelöscht. Ich hätte sie nie gründen sollen, sie kostete mich viel Geld und brachte nichts ein. Ein greiser, raffgieriger Notar hatte mich seinerzeit falsch beraten, und es dauerte Jahre — vier genau! —, den kostspieligen Fehler auszumerzen. Der Ballast ist endlich von meinen Schultern gerutscht, ich kann wieder aufrecht gehen.

Dienstag und Mittwoch: Brüssel. Glatt rasiert, mit seriösem Kurzhaarschnitt und nagelneuem Anzug zu den Bewerbungsgesprächen. 25stündiger Aufenthalt, kostbare Momente mit Mirko, fabelhaftes Essen, Spaziergänge über die Rue du Trône und die Avenue Louise. Die Zusage, dass ich am 2. Januar 2015 meine Tätigkeit in Brüssel aufnehmen kann. Ich hatte das Gefühl, mich freuen zu müssen — und konnte es nicht.
Um Haaresbreite verpasste ich in Bruxelles-Midi meinen ICE nach Köln. Der Ersatzzug hielt an jeder Gieskanne. Umsteigen in Welkenraedt, Aachen, Düsseldorf, Hannover. Ich hatte Kopfweh, stierte aus dem Fenster, aß mit Schokolade überzogene Erdbeeren. »Was für eine schöne Herbstlandschaft«, dachte ich, als der Bummelzug an schnuckeligen Dörflein und Kleinstädten vorbei ruckelte. Dann, an einem längeren Waldstück, verlor ich mich in diesem Tagtraum: Ich, allein im herbstlichen Wald, suche Schutz unter einer Birke — ausgerechnet! —, entziehe mich der Welt, bin Eremit, vereint mit der Natur, wunschlos, ruhig. Dieser Traum stand in starkem Kontrast zu jenem aus Teenagerjahren, der in der Wüste spielte: Dort fand ich mich von einem Löwenrudel umzingelt. Mit einem Buschmesser schnitt ich mir in die Hand und ließ die Katzen mein Blut lecken, erst dann ließen sie von mir ab. Ein Alptraum? Jedenfalls war das Erwachen stets mit einer Irritation verbunden, mit Ungläubigkeit — er hatte sich so real angefühlt und kehrte regelmäßig wieder, bis ich ungefähr 24 oder 25 war. Abends las ich das Interview, das ich einem österreichischen Journalisten einige Tage zuvor gegeben hatte, und schaute, von lähmender Erschöpfung geplagt, die erste Stunde von »Nymphomaniac« (Regie: Lars von Trier), bis ich mich daran erinnerte, warum ich von Trier nicht (mehr) mag.
Morgens um vier fuhr mich meine Schwester zurück nach Berlin. Der Streik der Lokführer hatte zu dem Zeitpunkt bereits die Republik lahm gelegt. Gut so. Deutschland ist weltweit eines der Länder, in denen am wenigsten gestreikt wird. Wir sind als Masse duckmäuserisch und obrigkeitshörig. Wir nehmen unsere oft beschissenen Arbeitsbedingungen hin — »Uns geht’s ja vergleichsweise noch gut!« — und meckern still vor uns hin. Dass es der GDL nun langsam reicht, ist verständlich. Besonders, wenn man weiß, was für Arbeitsbedingungen die Bahn ihren Mitarbeitern zumutet. Mit etwas viel Glück ist alle vier Jahre mal ein Weihnachtsfest oder Silvester mit der Familie möglich. Der Arbeitsvertrag garantiert den Lokführern 13 freie Wochenenden pro Jahr, allerdings beginnt das Wochenende der Bahn am Samstag um 14 Uhr und endet sonntags um 23 Uhr. Das Gehalt liegt mit weniger als 1.500 Euro netto weit unter dem der Kollegen im europäischen Ausland. Und dann entblödet sich eine Cindy aus Marzahn nicht, im Radio wirklich strunzdumme Kommentare zum Streik abzusondern: »Die sollen mal daran denken, wie wenig das Pflegepersonal in Deutschland verdient.« — Dem Pflegepersonal, ebenfalls kriminell unterbezahlt und ausgebeutet, geht es nicht besser, wenn es den Bahn-Mitarbeitern schlechter geht. Armut bekämpft man nicht, indem man (vermeintlichen) Reichtum bekämpft oder verhindert. Insgesamt sollten die Arbeitnehmer in Deutschland mehr Druck machen, und leider, leider ist der Streik das einzige Werkzeug, das einem zur Verfügung steht, wenn sich die Unternehmen taub stellen. Also: Uneingeschränkte Solidarität mit den Streikenden!

Der 9. November, ein historisch wichtiger Tag. Komme gerade vom Nebenjob, freue mich auf mein warmes Bett und auf die spätere Verabredung mit Léonard Lasry, den ich ewig nicht mehr getroffen habe. Gestern war mein Ticket nach Paris im Briefkasten. Dort werde ich mich unter anderem mit Julien Daillère treffen. Vielleicht ergibt sich eine Zusammenarbeit.
Habt einen abwechslungsreichen Sonntag und erholt Euch gut.

André

P.S.: Heute vor fünf Jahren fing ich nach längerer Pause wieder an zu bloggen. Dieser Webauftritt hat also quasi Geburtstag.

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5 thoughts on “9. November 2014

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