16. Juni 2017

Immer, wenn ich etwas schreiben will, blockiert der Kopf. Meine Gedanken fuhrwerken mit der Irrwischigkeit einer sterbenden Wespe in meinem Gehirn, zwingen mich förmlich zur Prokrastination. Der Vertrag mit dem Sportstudio ist abgeschlossen, ich trainiere jeden zweiten Tag etwas mehr als eine Stunde. Die Ernährung ist umgestellt, ich verzichte auf Zucker und Süßigkeiten, und nach 16 Uhr gibt es keine Kohlenhydrate mehr. Zweimal wöchentlich schwimme ich meine zwei Kilometer. Dazu kommen tägliche Radwege; vorgestern waren es über drei Stunden. Treptow-Südkreuz, Südkreuz-Wedding, Wedding-Treptow. Ich spüre jeden Muskel. Das Warten auf Resultate frustriert dennoch. Zudem hat mein Leben irgendwie seinen Geschmack verloren. Nein, bis jetzt ist es wahrlich kein schöner Sommer für mich. Bei Geburtstagsfeiern oder Grillabenden mit Freunden »funktioniere« ich wie auf Autopilot. Da ist diese üble Ahnung in mir, etwas über lange Zeit verschleppt zu haben. Dass ich bei den Vorstellungsgesprächen der vergangenen Wochen keine Antworten auf die Fragen »Was macht Ihnen Freude?« und »Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?« wusste, finde ich alarmierend. Im Augenblick macht mir nichts Freude — das ist nicht übertrieben —, und mir fehlt der Antrieb, die Ambition, um mir eine Zukunft zu entwerfen. Nein, ich bin nicht gesund, und es sind nicht nur die letzten anderthalb Jahre des verbal abuse und der fortgesetzten Erniedrigungen durch meinen Ex-Chef, das geht tiefer, ist verzahnter, vertrackter, vielschichtiger. Mir ist wohl bewusst, dass man gewisse Dinge nicht aufarbeiten kann und dass Selbstmitleid alles andere als konstruktiv ist. Manches bleibt eben »stehen«, und man muss zusehen, dass man damit lebt, es akzeptiert. Phasenweise gelingt es mir. Dann wieder obsiegen die Dämonen. Sie legen ihre Schatten über mich, die Sonnenschein sehe ich nur aus der Ferne. Ungefähr da befinde ich mich gerade. Ich schüttele die Zeit in der Kanzlei ab, die vielen Stunden der Angst und der Wut und der Ohnmacht, und finde darunter eine weitere Schicht, die aus Ängsten, Wut und Traurigkeit besteht. Kratze ich an dieser Schicht, überfällt mich die Furcht, dass ich verblute. — Ach, es ist viel passiert. Nehmt mir bitte nicht übel, dass ich über die politischen Ereignisse, die Terroranschläge, Hochhausbrände und Katastrophen jetzt nicht schreiben mag und kann. Ich komme nicht einmal dazu, meine »normale« Korrespondenz adäquat zu führen. Ich hänge zu sehr durch und hoffe einfach auf bessere Zeiten.

Anfang des Monats war ich bei der Familie. Mir fiel auf, dass im Haus keine Bilder mehr von mir hängen, weder bei meinen Eltern noch bei meiner Schwester. Gut, man soll so etwas nicht überbewerten. Aber auch sonst fühlte ich mich nicht wirklich willkommen. Gemeinsame Aktivitäten gab es praktisch nicht; kein Federball, kein Scrabble. Helena wurde entweder gerade ins Bett oder zur Krippe gebracht oder war unterwegs, so dass ich sie kaum zu Gesicht bekam. Am ersten Tag fing ich mir zu allem Überfluss noch eine kleine Sommergrippe ein, und so blieb mir nicht viel mehr, als meinen Eltern beim Fernsehgucken zuzusehen und ab und zu mit den Hunden einen Spaziergang zu machen. Mein Vater schimpfte auf »die Kanacken« — Anlass dürfte ein Artikel über Hartz IV-Empfänger in der »Bild« gewesen sein —, und ich war zu müde und ausgelaugt, um zu diskutieren. Die Fahrt war die Hölle. Ich hasse Bahnreisen! 130 Euro, fünf Stunden Fahrt, zweimal umsteigen mit zwei Taschen und einem alten Hund; die letzten zwei Stunden dann Stehplatz in einem überfüllten Bummelzug, in dem man vor lauter Dreck und Koffern nicht vorankam. Den Trip hätte ich mir sparen können. (Immerhin habe ich nach langer Zeit mal wieder einen »Tatort« gesehen. Mit Jan Josef Liefers. War gut.)

Alexandre Vallès und Bastien Gabriel in “Bd. Voltaire”.

Ob ich etwas Positives zu berichten weiß? Ja. Es gibt sogar zwei gute Nachrichten. »Bd. Voltaire« hat mittlerweile englische Untertitel verpasst bekommen. Bewerbungen laufen für Amsterdam, Barcelona, London, Beijing, Leeds, Rostock, Köln, Battleboro, Reno, San Mauro, Kairo, Perth, Kapstadt und 60 weitere Festivals. TLA schrieb bereits freundlich zurück, Salzgeber noch nicht. So. Und im Herbst spiele ich, wenn alles gut geht, wieder eine Hauptrolle in Frankreich. (Dafür ja Sport und Diät; ich möchte vor der 40 im kommenden Jahr noch ein letztes Mal gut aussehen.)
Bitte seid mir nicht böse, wenn ich in der kommenden Zeit nicht schreibe. Es sind bis November aber einige Filmtipps vorbereitet, um am 1. Juli erscheint hier mein Marlon Brando-Portrait. Genießt die sonnige Zeit,

André

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2 thoughts on “16. Juni 2017

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