Filmtipp #176 & #177: Ich küsse nicht & Der Anwalt

Dem »Zwei Fliegen mit einer Klappe«-Prinzip folgend, sind meine heutigen Filmtipps zugleich auch ein bisschen Promotion für One Deep Breath, denn es handelt sich hier um die ersten beiden Spielfilme unseres Hauptdarstellers Manuel Blanc. Seither hat er in etwa 60 Kino- und TV-Produktionen gespielt, dazu kamen noch ein Dutzend Theaterstücke. (Etwas Werbung am Rande: Anfang 2014 erscheint sein erster Roman »Carnaval«, der übrigens in Köln spielt.) Dass ich die beiden Werke jetzt in der Vorweihnachtszeit vorstelle, hat auch einen praktischen Grund: »Un crime« läuft am 23. Dezember um 20:15 Uhr auf 3Sat. Da es einer jener Filme ist, die nur sehr selten im Fernsehen gezeigt werden — und wenn, dann höchstens im Nachtprogramm —, ist die Gelegenheit eine äußerst günstige.

Ich küsse nicht

Originaltitel: J’embrasse pas; Regie: André Téchiné; Drehbuch: Jacques Nolot, Michel Grisolia, André Téchiné; Kamera: Thierry Arbogast; Musik: Philippe Sarde; Darsteller: Philippe Noiret, Emmanuelle Béart, Manuel Blanc, Hélène Vincent, Ivan Desny. Frankreich 1991.

j'embrasse pas

André Téchinés Lieblingsthema wird in fast jedem seiner Filme variiert: Ein Provinzler, der das Glück in der großen Stadt sucht und scheitert. Die Illusion von Glück und Erfolg wird zerstört, es bleiben Heimatlosigkeit und Vereinsamung. Pierre (Blanc), dem Helden von »Ich küsse nicht«, ereilt dieses Téchiné-typische Schicksal besonders hart: Schauspieler möchte er werden, der junge Mann, aber auf Hamlet angesprochen, zuckt er nur nichts ahnend mit den Schultern. Keine optimalen Vorraussetzungen für den naiven Krämersohn aus den Pyrenäen, der die Lichterstadt Paris im Sturm erobern will. Statt des erwarteten Großstadtglamours empfängt ihn jedoch eine triste, graue Stadt, und nicht etwa ein pompöses Filmstudio, sondern ein Krankenhaus finanziert dem hübschen Naturburschen seinen Lebensunterhalt. In den Kellerkatakomben der schäbigen Klinik wäscht er Teller und transportiert Leichen. Er droht, in dem immer gleichen Trott zu versauern: Viel Frust, magerer Lohn. Ein Kollege, der finanziell ungleich besser gestellt ist, vertraut ihm an, dass er nebenbei als Lustknabe jobbt. Schneller käme man in Paris kaum zu Kohle. Für Pierre kommt das natürlich nicht in Frage — zumindest so lange nicht, bis ihm keine Alternative mehr bleibt. Schließlich wartet auch er nachts im Bois de Boulogne auf Freier. Er lässt sich fürstlich entlohnen, für eine Nummer verlangt er tausend Francs. Einen letzten Rest Würde bewahrt er sich mit dem Befolgen der goldenen Regel: Ich küsse nicht!
     »Ich küsse nicht« ist tadelloses Autoren- und Starkino. Obwohl sein Name im Titelvorspann an dritter Stelle genannt wird, ist Manuel Blanc Dreh- und Angelpunkt des Streifens. Der damals 23jährige Debütant kassierte auf Anhieb den César. Philippe Noiret gibt eine glanzvolle Altersvorstellung, und die blutjunge Emmanuelle Béart ist als Pierres love interest mit von der Partie. Untermalt wird das melancholisch-elegische Drama von der vorzüglichen Musik Philippe Sardes.

Der Anwalt

Originaltitel: Un crime; Regie: Jacques Deray; Drehbuch: Alain Delon, Jean Curtelin, Jacques Deray; Kamera: Jacques Dugied; Musik: Frédéric Botton; Darsteller: Alain Delon, Manuel Blanc, Sophie Broustal, Maxime Leroux, Francine Bergé. Frankreich 1993.

un crime

Alain Delons Glanzzeit waren die Sechziger, als er mit Visconti, Antonioni, Melville drehte und zwischen Hollywood, Paris und Rom pendelte. Nach ungezählten Meisterwerken war er mit 35 der größte Star Frankreichs — unantastbar, auch für die Justiz, mit der er ab 1968 regelmäßige Scherereien hatte. Nach 1970, so sagt man, drehte Delon allerdings keinen guten Film mehr. Die einzigen Ausnahmen bildeten »Monsieur Klein« (Regie: Joseph Losey) und der etwas in die Vergessenheit abgetauchte »Un crime«, seine achte von insgesamt neun Arbeiten mit Regie-Altmeister Jacques Deray: ein leiser, unauffälliger Kriminalfilm von kaum 85 Minuten, über weite Teile als Kammerspiel konzipiert und ganz auf das Duo Delon-Blanc zugeschnitten. Das Verbrechen wird in Rückblenden erzählt, ansonsten ist Derays Psychodrama schnörkellos-linear aufgebaut.
     Die Geschichte spielt innerhalb eines Tages und einer Nacht, der Handlungsort ist nicht Paris, sondern das beschauliche Lyon, wo Delon als arrivierter Rechtsanwalt Maître Charles Dunand vor Gericht gerade den Freispruch des mutmaßlichen Elternmörders Frédéric Chapelin (Blanc) erwirkt hat. Dunand ist von der Unschuld seines 22jährigen Mandaten überzeugt, wird aber eines Besseren belehrt, als dieser ihn in die Wohnung seiner Eltern einlädt und ihm dort den Doppelmord gesteht…
     Sowohl Delon als auch Blanc erhielten glänzende Kritiken; trotzdem war »Un crime« kein allzu großer Erfolg an der Kinokasse vergönnt. Delon und Deray adaptierten gemeinsam mit Jean Curtelin das Drehbuch nach dem Roman »Le dérapage« von Gilles Perrault.

André Schneider

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