18. Juni 2014

Nacht in tiefem Wasser
Bericht von David Berger für m-maenner.de, 18. Juni 2014.

Ein Thriller voller Lyrik

André Schneiders neuer Thriller One Deep Breath begann als kleines Projekt und hat es nun bis in den Olymp von Cannes geschafft.

»Wenn ein Feuerwerk in uns sich entzündet, von Körper zu Körper die Funken drehen, wenn meines Körpers Brennen dein Glühen begründet und uns glimmen lässt, bis dass wir vergehen…« — In der Beziehung von Maël und Adam hatte Poesie stets eine zentrale Rolle gespielt. Nun ist Maël nach Adams Selbstmord allein mit den Worten der Vergangenheit, er lässt sich von ihnen erfassen wie von einem Strudel. Die Fassungslosigkeit und Trauer scheint ihm den Verstand zu rauben. Zwischen Erinnerungen, Wunsch- und Alpträumen pendelnd, versucht er, die Realität zu fassen und ins Leben zurück zu finden. In seinem Bestreben, Adams Depressionen und damit dessen Tod »zu verstehen«, taucht er hinab in dessen Abgründe und stößt dabei auf Wahrheiten, die er lieber im Dunkeln gelassen hätte: zum Beispiel hatte Adam eine Parallelbeziehung mit der gemeinsamen Freundin Patricia, die ihrerseits mit dem Verlust des Geliebten zu kämpfen hat. Ihr Versuch, Maël in seiner Trauer zu helfen, bringt Patricia schließlich selbst in Gefahr…

Der trauernde Maël muss im Laufe der Geschichte oft tief Luft holen: In One Deep Breath dreht sich alles um den Themenkomplex Liebe, Verlust, Trauer, Enttäuschung und Hoffnung. One Deep Breath wird nicht als klassischer Handlungsbogen (Anfang/Einleitung — Höhepunkt — Schluss), sondern spiralenförmig als Stimmungsbild erzählt. Die Traum-, Alptraum- und Realitätsebenen vermischen sich, der Zuschauer befindet sich gemeinsam mit Maël ein einem Teufelskreis.

Antony Hickling setzte die Lyrik in Bildfolgen um

Autor André Schneider bezeichnet sein (autobiographisch gefärbtes) Beziehungsdrama als »Thriller«. Er vertraute sich Antony Hickling an, um seine Lyrik in adäquate Bildfolgen umsetzen zu lassen. Mit dem portugiesischen Choreographen und Tänzer Biño Sauitzvy — bekannt für seine Arbeit mit CocoRosie — und dem Kameramann Tom Chabbat entwickelten die beiden einen Spielfilm mit hohem künstlerischem Anspruch. Nach fast einjähriger Vorbereitungszeit entstand der Hauptteil des Films im Oktober und November 2013 im nasskalten, der Stimmung des Skriptes gemäßen Paris.

Es begann in Paris

Antony Hickling und André Schneider trafen sich im Herbst 2012 zum ersten Mal beim Pariser Filmfestival Chéries-Chéris. Schneider zeigte dort seinen Film Le deuxième commencement, Hickling war mit »Little Gay Boy — ChrisT is Dead« im Wettbewerb vertreten und darüber hinaus als Jurymitglied (Genre: Dokumentarfilm) am Festival beteiligt. Angetan von der Arbeit des jeweils anderen beschlossen die beiden eine Zusammenarbeit für das Jahr 2013, obwohl oder gerade weil ihre Arbeitsweisen höchst unterschiedlich sind: Hickling ist ein visueller Künstler, in dessen Filmen Tanz und Farben die wichtigsten Rollen spielen, Schneiders Filme sind eher klassisch und vom Dialog und den Schauspielern getragen. Das gemeinsame Projekt sollte die unterschiedlichen Stärken der beiden vereinen.

Nach viermonatiger Schreibarbeit flog André Schneider im Februar 2013 wieder nach Paris, um Hickling den ersten Drehbuchentwurf von »Une nuit en eaux profondes« (Eine Nacht in tiefem Wasser) vorzulegen und die Details der Zusammenarbeit zu besprechen. Man einigte sich auf eine Arbeitsteilung, was die Produktion angeht: Hickling kümmerte sich vor Ort in Paris um die Zusammenstellung der Crew, Schneider erledigte in Berlin die organisatorische Arbeit und sicherte die Finanzierung. Bis zum Sommer arbeiteten die beiden an weiteren Drehbuchfassungen zusammen.

César-Preisträger Manuel Blanc in der Hauptrolle

Im August schloss Schneider mit dem französischen Verleih Optimale einen Distributionsvertrag für den französischsprachigen Raum ab. Optimale hatte bereits zwei seiner vorherigen Filme erfolgreich vertrieben und sicherte mit einer Anzahlung den Beginn der Dreharbeiten. Hickling konnte den César-Preisträger Manuel Blanc für die Hauptrolle gewinnen; weitere Rollen sollten von Thomas Laroppe, bekannt aus dem Film »Die Perlenstickerinnen«, und Stéphanie Michelini gespielt werden. Das Team bestand bei Drehbeginn aus rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Begeistert von Hicklings künstlerischer Integrität und Schneiders emotional packenden Drehbuch erklärten sich sämtliche Team- und Besetzungsmitglieder bereit, unentgeltlich zu arbeiten. (Anders wäre die Realisierung des Films gar nicht möglich gewesen.)

Von der Normandie nach Cannes

Am 29. August  2013 fiel in der Normandie die erste Klappe, man wollte einige Außenaufnahmen am Meer drehen. Der Rest der Dreharbeiten fand zwischen dem 20. Oktober und dem 16. November in Paris statt. Hickling und sein Team drehten sechs Tage pro Woche, der Drehplan wurde strikt eingehalten, es gab keine Verzögerungen, keine Überstunden. Während des Drehs änderte sich der Titel von »Une nuit en eaux profondes« zu One Deep Breath. (In Deutschland soll der Film, wenn er einen Verleih finden sollte, »Hol tief Luft!« oder, wie gehabt, »Eine Nacht in tiefem Wasser« heißen.)

Anfang März 2014, exakt ein Jahr nach der ersten Drehbuchbesprechung, war One Deep Breath fertig gestellt. Während sich Optimale/TLA um den Verleih in französischsprachigen Raum kümmert, erwarb The Open Reel aus Turin die Rechte für den Weltvertrieb und die Festivaleinreichungen. Seine erste öffentliche Aufführung erlebte One Deep Breath am 18. Mai 2014 im Rahmen des Marché du Festival, einer Sektion des Cannes Film Festivals.

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  1. Pingback: 20. Oktober 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

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