25. Oktober 2016

Alexandre holte mich lieberweise in Orly ab, wir juckelten mit dem Bus bis Denfert-Rochereau, dann war ich nach mehrmaligem Umsteigen endlich in meiner neuen Wohnung angekommen; sehr französisch, sehr klassisch, alter Stuck, abgezogene Dielen, geschmackvoll eingerichtet. Ich fühlte mich sofort gut aufgehoben und konnte vorzüglich und lange schlafen. Fußläufig etwa zehn Minuten entfernt wohnt Xavier, mein Filmpartner, was mir vieles erleichtert, und Alexandres Wohnung befindet nur drei Métro-Stationen weiter. An meinem drehfreien ersten Tag besuchte ich das Set, um alle kennen zu lernen. In der Küche stand Bastien Gabriel in Slip und T-Shirt und war charmant flirty. Nervös auf mein Französisch bedacht, heftete ich mich die ersten Tage ausschließlich an Alexandre und Xavier. Anna, meine Vermieterin, kannte ich schon flüchtig von Alexandres Party im letzten Jahr. Sie kam am Freitag mit dem Klempner vorbei, um ein Siphon in der Küche zu reparieren.
Die ersten Drehtage verliefen, abgesehen von meinen Versagensängsten und dem gewohnten Lampenfieber, fabelhaft. Unsere Crew ist ein Glücksgriff, wir haben viel Spaß und sind konzentriert. Unsere Technik-Frauen Vanessa (Kamera) und Camille (Ton) sind einfach ein Traum. Alexandres Organisation ist tadellos, und er führt uns Schauspieler souverän und mit Respekt. Inzwischen ist der Film etwa hälftig abgedreht, alles rollt wie am Schnürchen. »Bd. Voltaire« ist — soweit wir wissen — der erste Film, der die Pariser Anschläge thematisiert. Somit könnte es sogar ein »wichtiger« Film werden, sofern es solche Filme heute überhaupt noch geben kann. Mehr kann, darf, möchte ich im Augenblick gar nicht sagen.

Le Grand Palais, Paris.

Le Grand Palais, Paris.

Jean-Christophe Meurisse hat mit »Apnée« (2016), den ich mir am Samstag mit Antony angeschaut habe, einen außergewöhnlichen Film in die Kinos gebracht. Er hat an und für sich keine Handlung, sondern besteht aus einer Aneinanderreihung absurder, teils sogar surrealer Sequenzen. Es geht um eine Beziehung zu dritt. Céline, Thomas und Maxence wollen alles: Ehe, Kind, Wohnung, Job, Familie, kurzum: das Glück. Der Film beginnt im Standesamt. Die beiden Männer und Céline, alle drei im Brautkleid, wollen heiraten. Der freundlich-überforderte Standesbeamte teilt ihnen mit, dass das so »noch nicht« möglich sei. Im weiteren Verlauf des Films begegnet das Trio einem Strauß im Supermarkt und holt den blutüberströmten Jesus, der übrigens nicht übers Wasser laufen kann, vom Kreuz. Ich bin heute, Tage später, immer noch verblüfft, dass man einen solchen Film ins Kino bringen kann. »Apnée« läuft beileibe nicht nur in kleinen Programm- oder Flohkinos, sondern in großen Multiplex-Häusern. Ich sage nicht, dass das in Deutschland undenkbar wäre, aber mir fällt gerade kein Beispiel aus jüngerer Zeit ein. — In »Apnée« entdeckten wir einige Bilder und Ideen, die Little Gay Boy hätten entstammen können, was Antony missmutig stimmte. Er befindet sich augenblicklich in einer Krise. Er und sein bester Freund hatten ihre gesamten Ersparnisse in »Where Horses Go to Die« investiert, und obwohl der Film verdienterweise die besten Kritiken erhielt und mit einer prominenten Besetzung trumpfen kann, schicken ihm die Festivals eine Absage nach der anderen. Wir sprachen ein Weilchen über »la merditude des choses«, die Beschissenheit der Dinge, und ich bemühte mich, ihm etwas Mut zu machen, was mir nur unzureichend gelang, denn die Realität sieht einfach verdammt mau aus. Die Fördertöpfe sind vielleicht (noch) nicht leer, aber die Verteilung der Gelder ist in Frankreich wie Deutschland den zum Teil schwer nachvollziehbaren Launen der Geber unterworfen. Antony erzählte auch, wie enttäuscht er von den Verleihern sei. One Deep Breath hätte besser laufen können, wenn The Open Reel sich besser um den Film gekümmert hätte. Immerhin hatten wir einen relativ ausgiebigen festival run, und der Film gewann zwei Preise. Mit Manu und Stéphanie hatten wir zwei Stars an Bord, und Thomas hatte mit Brodeuses auch einen veritablen Hit gehabt. Trotzdem gab es außer Optimale und einer VoD-Auswertung in Mexiko (!) keine Interessenten, die den Film herausbringen wollten. Immerhin: Optimale ließ uns wissen, dass der Film gut läuft und immer wieder nachbestellt wird.
Die Zeit rast. Ich muss mich sputen und meine Mutter vom Flughafen abholen. Werde mich die Tage noch einmal ausführlich melden.

André

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6 thoughts on “25. Oktober 2016

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