Filmtipp #565: Das Attentat

Das Attentat

Originaltitel: L’attentat; Regie: Yves Boisset; Drehbuch: Ben Barzman, Basilio Franchina, Jorge Semprún; Kamera: Ricardo Aronovich; Musik: Ennio Morricone; Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Michel Piccoli, Jean Seberg, Gian Maria Volontè, Michel Bouquet. Frankreich/Italien/BRD 1972.

Der Marokkaner Mehdi Ben Barka war ein politisch unbequemer Zeitgenosse. So hatte er in seinem Heimatland nach der Verbannung von Mohammad V. durch die französische Protektoratsmacht den bewaffneten Widerstand organisiert und saß nach der Unabhängigkeit Marokkos als linker Oppositionspolitiker im Parlament. 1960 floh er vor einem Hochverratsprozess ins Ausland und wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Der studierte Mathematiker ergriff während des marokkanisch-algerischen Konflikts Partei für Algerien und hielt sich vor allem in der Schweiz und in Ägypten auf. Im Oktober 1965 wurde er während eines Aufenthalts in Paris von zwei Agenten des SDECE vor einer Brasserie am Boulevard Saint-Germain entführt und kurz darauf ermordet. Sowohl der marokkanische Innenminister als auch der Chef der marokkanischen Sicherheitspolizei wurden in Frankreich als Drahtzieher der Tat angeklagt (und im Juni 1967 freigesprochen), aber gänzlich aufgeklärt wurde das Verbrechen nie. Die Gerüchte, dass hochrangige Vertreter des französischen Parlaments und der Justiz in die Vorgänge verwickelt gewesen sein sollen, bestehen bis heute.

1972 nahm sich der Filmemacher Yves Boisset der Barka-Affäre an. Seinem Autoren-Trio ließ er bei der Konstruktion der Story jedoch weitestgehend freie Hand, so dass sich das Resultat nur noch vage an den Vorkommnissen orientierte. Losgelöst von dem Anspruch, historische Ereignisse dokumentarisch aufzuarbeiten, spannten Boisset und seine Autoren auf der Grundlage realer Vorgänge einen fiktiven Handlungsbogen. Das Echo der Kritiker war seinerzeit geradezu euphorisch, und in Frankreich wurde »L’attentat« einer der Kassenschlager des Jahres.
45 Jahre später ist der engagierte Polit-Thriller leider nicht viel mehr als ein interessantes Dokument jener Zeit, eine filmische Anklage gegen Korruption, politische Skrupellosigkeit und die menschenrechtsverletzenden Machenschaften der Geheimdienste, der im Laufe der Jahre die Spannung abhanden gekommen ist — obschon das Sujet nichts von seiner Brisanz eingebüßt haben dürfte. Aus Mehdi Ben Barka wurde in »L’attentat« ein gewisser Sardiel (Volontè), der im Schweizer Exil lebt. Jean-Louis Trintignant verkörpert einen abgewrackten Journalisten und linken Aktivisten namens François Darien, der mit Sardiel befreundet ist und von der französischen Geheimpolizei unter Druck gesetzt wird, diesen aus Genf zu einem Interview nach Paris zu locken. Zu spät erkennt er, dass der französische Geheimdienst mit der CIA und Sardiels Landsmann Kassar (Piccoli), dem jetzigen Chef einer korrupten Diktatur, paktiert hat, um Sardiel ein- für allemal auszuschalten. Darien kann letzten Endes nicht verhindern, dass sein Freund entführt, gefoltert und ermordet wird. Um das Netz von Intrigen und Korruption zu sprengen, hält er die Erkenntnisse seiner Ermittlungen auf Tonband fest, doch bevor er dieses Dokument weitergeben kann, wird er von einem als Journalisten getarnten CIA-Mann ebenfalls ermordet.

»L’attentat« ist ein düsterer Film. Braun- und Grautöne dominieren die Bilder, alles wirkt matt und morbide, der Himmel ist ständig bedeckt, als würde es jeden Augenblick regnen. Es schmeckt nach Herbst, das Tempo ist gedrosselt, der Streifen nimmt nur langsam an Fahrt auf. Beklemmung macht sich breit. »L’attentat« ist kein angenehmes Seherlebnis. Wer sich nicht darauf einlässt, sieht vor allem eins: Viele Figuren in dunklen Anzügen, die an vielen wechselnden Drehorten viele, viele Dialoge tauschen. Selbst Ennio Morricones Musik ist nicht unterhaltsam. Der von Trintignant hervorragend gespielte Held ist schwächlich, ausgebrannt und labil; er bietet dem Zuschauer kaum eine Möglichkeit zur Identifikation. Jean Seberg ist als seine Freundin zu sehen. Ihr Part wurde in drei Wochen abgedreht, ihre Gage betrug 40.000 Dollar. Die damals 33jährige wirkt abgekämpft, aufgedunsen, blass. Es stimmt einen traurig, sie so zu sehen, obwohl diese Kondition durchaus zu ihrer Rolle passt. Für Seberg wurde »L’attentat« der letzte große Kinoerfolg; bis 1976 spielte sie noch in einem halben Dutzend kommerziell unbedeutender Filme mit, von denen Les hautes solitudes und La corrupción de Chris Miller die nennenswertesten sein dürften. In weiteren Nebenrollen überzeugt eine selten dagewesene Schar von internationalen Spitzenschauspielern wie Roy Scheider, Nigel Davenport, Bruno Cremer, Philippe Noiret, François Périer, Jean Bouisse, Karin Schubert, Daniel Ivernel und Michel Bouquet. — Die Dreharbeiten, welche im Frühjahr 1972 stattfanden, gestalteten sich als problematisch, da die Pariser Polizei immer wieder mit gezielten Störungen die Arbeiten boykottierte, obwohl Yves Boisset alle erforderlichen Genehmigungen für die Außendrehs eingeholt hatte.

André Schneider

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3 thoughts on “Filmtipp #565: Das Attentat

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