Filmtipp #285: Die Straße von Korinth

Die Straße von Korinth

Originaltitel: La route de Corinthe; Regie: Claude Chabrol; Drehbuch: Claude Brulé, Daniel Boulanger; Kamera: Jean Rabier; Musik: Pierre Jansen; Darsteller: Jean Seberg, Maurice Ronet, Christian Marquand, Michel Bouquet, Paolo Giusti. Frankreich/Italien 1967.

la route de corinthe

Der Erfolg von »À bout de souffle« (Regie: Jean-Luc Godard) machte die 20jährige Jean Seberg zu dem Gesicht der nouvelle vague und zu einer Ikone. Sie war der Inbegriff der »modernen Amerikanerin in Paris« und wurde entsprechend besetzt; in sechs Jahren drehte sie nicht weniger als 14 Filme — darunter fünf US-Produktionen und eine italienische —, in denen sie immer diesen einen Frauentyp verkörperte. Fast alle diese Filme floppten. Der nouvelle vague ging schon allmählich die Puste aus, als Seberg 1966 mit Claude Chabrol »La ligne de démarcation« drehte, einem ebenso engagierten wie substanzlos-faden Kriegsfilm von der Stange. Trotzdem sagte sie zu, in seinem nächsten Film, einem humorigen Spionagethriller à la Hitchcock, erneut die Hauptrolle zu spielen: »La route de Corinthe« entstand zwischen Mai und Juli 1967 an Originalschauplätzen in Griechenland. Ein Film, der bunt und schnell ist und seine Schauplätze wie auch seine Protagonistin eindrucksvoll einfängt, insgesamt aber doch etwas wirr und langweilig geraten ist. Chabrol verstand sich einfach nicht auf elegante Spannungsbögen, und so erinnert »La route de Corinthe« streckenweise an die eher schwachen Hitchcock-Thriller »Torn Curtain« (1966) und »Topaz« (1969).
Es geht um amerikanische Radaranlagen in Griechenland, Sabotage und die Ermordung eines Undercover-Agenten der NATO. Jean Seberg spielt gekonnt dessen sexy Witwe Shanny, die fälschlicherweise des Mordes verdächtigt wird und sich, um ihre Unschuld zu beweisen, auf die Suche nach dem wahren Täter begibt. Dabei gibt es allerhand Sehenswürdigkeiten zu bewundern, ab und zu blitzen parodistische Ansätze auf, man kann einige unmotiviert flinke Schnitte bewundern und blickt ansonsten amüsiert auf die Löcher in der Handlung. Darüber hinaus beschert uns »La route de Corinthe« einen kurzen Blick auf Chabrol als Schauspieler, denn er übernahm mit angeklebtem Bart den Part eines griechischen Verräters, der mit Shanny nichts Gutes im Sinn hat. Auch als Schauspieler mit dabei: Sebergs Ehemann, der Schriftsteller Romain Gary, der unbedingt seine Frau nach Griechenland begleiten und dies von der Produktion bezahlt kriegen wollte.

»Ist Sebergs Liebesgeschichte mit der nouvelle vague vorbei? Chabrol versucht sie noch einmal fortzusetzen, indem er Seberg neue Variationen anbietet: In ›La route de Corinthe‹ tauscht sie T-Shirt, Jeans und Streifenhemd gegen eng anliegende Kostüme, Abendkleider und internationale Abenteuer einmal mehr an der Seite von Maurice Ronet, aber es hilft alles nichts, die Luft ist raus.« (Antoine de Baecque)
Dass ihre Karriere de facto vorbei war, merkte Jean Seberg vermutlich nicht, denn sie war gut beschäftigt und hetzte von Film zu Film: Gerade erst war der Abenteuerfilm »Estouffade à la Caraïbe« (Regie: Jacques Besnard), den sie im Sommer 1966 mit Frederick Stafford und Serge Gainsbourg in Kolumbien gedreht hatte, erfolgreich in den Kinos angelaufen, und ab Oktober 1967 sollte sie in Huelva (Spanien) ihren wohl interessantesten Film, »Les oiseaux vont mourir au Pérou« (Regie: Romain Gary, abermals mit Maurice Ronet), machen. Dieser wurde leider ein kolossaler Reinfall und gilt heute gemeinhin als verschollen. 1968 und 1969 ging die Aktrice vorübergehend zurück in die USA, um dort drei Filme zu drehen, von denen immerhin zwei — das Musical »Paint Your Wagon« (Regie: Joshua Logan, mit Clint Eastwood) und »Airport« (Regie: George Seaton) — veritable Kassenknüller wurden. Zu dieser Zeit war die politisch aktive Schauspielerin jedoch bereits in das Visier des FBI geraten: J. Edgar Hoover hatte befohlen, Seberg zu »neutralisieren«, und man zerstörte systematisch ihre Karriere, ihre Ehe und ihre Gesundheit.
»La route de Corinthe« markierte in Chabrols Laufbahn einen Wendepunkt, denn es war der letzte einer Reihe von stark kommerziellen Filmen des Regisseurs, die bei der Kritik auf wenig Gegenliebe stießen, und darüber hinaus auch seine letzte Auftragsarbeit. Mit seinem nächsten Film, »Les biches« (1968), begann seine eigentliche Karriere mit zähflüssigen, im Allgemeinen schlecht gealterten Filmen, die genüsslich die bürgerliche Moral sezierten und für die er bis an sein Lebensende übergebührlich verehrt wurde.

André Schneider

Advertisements

10 thoughts on “Filmtipp #285: Die Straße von Korinth

  1. Pingback: 23. November 2015 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  2. Pingback: 21. April 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  3. Pingback: Filmtipp #299 & #300: Die OSS 117-Filme | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  4. Pingback: Filmtipp #302: Plaisirs d’amour | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  5. Pingback: Filmtipp #303: Dead of Summer | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  6. Pingback: Filmtipp #478 & #479: Masquerade – Ein tödliches Spiel & Todfreunde – Bad Influence | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  7. Pingback: Filmtipp #479 & #480: Masquerade – Ein tödliches Spiel & Todfreunde – Bad Influence | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  8. Pingback: Filmtipp #542: Der Swimmingpool | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  9. Pingback: Filmtipp #556: Der Schuss | Vivàsvan Pictures / André Schneider

  10. Pingback: Filmtipp #558: Der Schwanz des Skorpions | Vivàsvan Pictures / André Schneider

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s