Filmtipp #180: The Third Secret

The Third Secret

Originaltitel: The Third Secret; Regie: Charles Crichton; Drehbuch: Robert L. Joseph; Kamera: Douglas Slocombe; Musik: Richard Arnell; Darsteller: Stephen Boyd, Pamela Franklin, Jack Hawkins, Richard Attenborough, Diane Cilento. GB 1964.

The Third Secret

Mein heutiger Filmtipp ist der letzte für dieses Jahr, dafür aber ein ganz besonderer, denn »The Third Secret« erinnert an einige der besten britischen Psychothriller jener Tage: Séance on a Wet Afternoon, Night Must Fall, Bunny Lake is Missing. Ja, und auch hier handelt es sich um einen verschollenen Schatz, der bis heute weitgehend unbekannt geblieben ist. In Deutschland beispielsweise kam er nie zur Aufführung; ein Umstand, der umso befremdlicher erscheint, wenn man die imposante Besetzungsliste berücksichtigt.
     Regisseur Charles Crichton gehörte in den vierziger und fünfziger Jahren zu den meistbeschäftigten Regisseuren der Ealing Studios — in denen hauptsächlich Komödien wie zum Beispiel The Ladykillers produziert wurden —, erlebte den eigentlichen Höhepunkt seiner Karriere allerdings erst in den späten Achtzigern: Sein letzter Film, der Komödien-Hit »A Fish Called Wanda« (1988), wurde zugleich sein erfolgreichster. Für »The Third Secret« gelang es ihm, Douglas Slocombe als Kameramann zu gewinnen. Slocombe sollte später unter anderem für The Fearless Vampire Killers und Spielbergs »Indiana Jones«-Trilogie verantwortlich zeichnen. Dreh- und Angelpunkt des Psychodramas ist die on-screen chemistry von Stephen Boyd (Marta) und der damals 13jährigen Pamela Franklin (The Night of the Following Day), die hier wirklich Außerordentliches leistet. Franklin war als Zehnjährige für den Gruselschocker »The Innocents« (Regie: Jack Clayton) mit Deborah Kerr entdeckt worden und spielte bis in die späten Sechziger höchst überzeugend meist bedrohte oder bedrohliche Teenager, bevor sie Anfang der 1970er eine kurzlebige Horrorfilm-Karriere startete.
     Die Geschichte von »The Third Secret« ist wendungsreich und soll daher nur grob umrissen werden: Ein renommierter englischer Psychoanalytiker begeht Selbstmord. Seine Tochter (Franklin) ist überzeugt, dass ihr Vater ermordet wurde. Sie bittet einen seiner ehemaligen Patienten, den Reporter Alex Stedman (Boyd), ihr bei der Aufdeckung der Wahrheit zu helfen. Widerwillig lässt Stedman sich darauf ein. Bei seinen Recherchen durchleuchtet er die Leben dreier Verdächtiger (Attenborough, Hawkins, Cilento) — und hat schon bald wieder mit seinen eigenen psychischen Problemen zu kämpfen…

Stephen Boyd liefert hier eines seiner überzeugendsten Portraits ab. Nach dem Erfolg von »Ben Hur« (Regie: William Wyler) hatte Hollywood ihn vornehmlich in opulente Historienschinken verfrachtet und schien ihm nichts anderes zuzutrauen. Er war dann noch in einem Doris Day-Musical dabei und fand sich nach einigen Flops — wie beispielsweise »The Oscar« (Regie: Russell Rouse) mit Elke Sommer — im Abseits wieder. »The Third Secret« bot ihm die rare Gelegenheit, aus dem typecasting auszubrechen. Pamela Franklin und er freundeten sich bei den Dreharbeiten an und blieben bis zu Boyds frühem Tod 1977 in Kontakt. Sie sprach später in den allerhöchsten Tönen von ihm, die Dreharbeiten zu »The Third Secret« seien auch dank ihm die schönsten ihres Lebens gewesen.
     Der kommerzielle Misserfolg von »The Third Secret« ist auf die unausgereiften Produktions- und Distributionsbedingungen zurückzuführen. Zunächst einmal hatte Crichton niemanden für den Stoff, den er bereits in den späten Fünfzigern entwickelt hatte, erwärmen können. Nach dem überwältigenden Überraschungserfolg von »Psycho« (Regie: Alfred Hitchcock) schien die Zeit endlich reif, denn praktisch jedes Studio suchte nach einem »zweiten ›Psycho‹«. Crichton wandte sich an den US-amerikanischen Drehbuchautor Robert L. Joseph, der das Skript nach seiner Idee entwickeln sollte. Der Autor fungierte dann zugleich auch als Produzent — gemeinsam mit Hugh Perceval, der im Vor- und Abspann ungenannt bleibt — für die kleine Filmfirma Hubris Productions, und 20th Century Fox, anfangs schwer begeistert von dem Konzept des Thrillers, wollte den Weltvertrieb übernehmen.
     Hauptkritikpunkt damals — und auch heute — ist der Schnitt des Films, der die Geschichte zuweilen abrupt springen lässt und einige Handlungslöcher aufreißt. Wie und warum das zustande kam, ist kaum noch nachvollziehbar. Vermutlich befürchtete man bei 20th Century Fox, eine Lauflänge von über 100 Minuten würde das Publikum abschrecken. Crichton war vor seiner Regie-Laufbahn als einer von Englands besten Cuttern bekannt gewesen, ein Perfektionist mit geübtem Blick. Die Kürzungen und manchmal ungelenken Schnitte von »The Third Secret« müssen ihn schwer verletzt haben — zumal dies sein Lieblingsprojekt gewesen war, auf dessen Realisierung er so lange hatte warten müssen.
     Was »The Third Secret« zu einem echten Juwel macht, ist die schier unübertreffliche Garde feinster englischer Charakterdarsteller, die hier in Nebenrollen durchs Bild huscht: Peter Sallis, Patience Collier, Nigel Davenport, Freda Jackson (The Brides of Dracula), Rachel Kempson (die man heute leider vor allem als Vanessa Redgraves Mutter kennt), Paul Rogers (Svengali), Alan Webb, Neal Arden und Peter Copley, den ich kurz vor seinem Ableben selbst noch kennen lernen durfte, sind mit von der Partie. Aus Gründen, die auch der Filmhistoriker Michael Lepine nicht ermitteln konnte, fielen die bereits abgedrehten Rollen von Margaret Leigh und Patricia Neal (The Night Digger) komplett der Schere zum Opfer, und Judi Dench (The Best Exotic Marigold Hotel), die hier 30jährig ihr Kinodebüt gab, ist nur noch in einem kurzen Gastauftritt zu sehen, der auch stark beschnitten wurde. (Dench selbst sprach in einem späteren Interview von einer »Verstümmelung« ihrer Rolle.) Gerade Patricia Neal hatte besonders in den USA damals einen beachtlichen Star-Status; was auch immer der Anlass war, sie aus dem Film zu entfernen, es muss den Produzenten schwer gefallen sein und war aus wirtschaftlicher Sicht bestimmt keine kluge Entscheidung.
     Der Film startete im Februar 1964 in den britischen Kinos, zwei Monate später lief er in den USA an. Die Kritiken waren sehr gemischt, das Publikum blieb (wie bereits angedeutet) lieber zu Hause. In den letzten Jahren gewann der Streifen an Reputation, man sieht in ihm heute, was er ist: ein gut gemachter, im Großen und Ganzen sehr stimmiger psychologischer Thriller mit herausragenden Schauspielerleistungen von Franklin und Boyd sowie einer außerordentlichen Kameraführung, deren starke Schwarzweiß-Kontraste sowie bestechend-stimmungsvollen Licht- und Schattenspiele auch 50 Jahre später noch zu erstaunen vermögen.

André Schneider

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