6. März 2012

Unser letzter Drehtag begann um 11:00 Uhr im Prenzlauer Berg und endete fünf Stunden später mit einem schmackhaften Essen bei einem Inder in der Wichertstraße. Mein Hühnchen in Mango-Sahne-Sauce war der krönende Abschluss des (bisher) schönsten Drehs meines Lebens.
     Der Rest des Tages war irgendwie wurmstichig. Manchmal fühle ich mich wie die Hauptfigur eines Thea-Dorn-Romans. Abends wollte ich mich mit einem Kinobesuch belohnen und mir Michael Fassbender in »Shame« (Regie: Steve McQueen) angucken. Auf dem Weg zum Kino in der Kulturbrauerei geriet ich in der Danziger Straße in eine routinemäßige Polizeikontrolle. Fahrzeugpapiere, Führerschein, Warndreieck, Verbandskasten. Alles okay, aber: »Ihre Pupillen gefallen mir nicht.« — »Ach?« — »Haben Sie irgendwas genommen? Gekifft oder so?« — »Nein.« — »Hätten Sie was dagegen, wenn wir einige Tests mit Ihnen machen würden?« — »Wenn’s schnell geht, ich bin gerade auf dem Weg ins Kino.«
     Es war wie in einem frühen Buñuel-Film. Meinen ersten Drogentest hätte ich mir etwas spektakulärer gewünscht. Da mir das Ergebnis klar war, fehlte der Aktion ein ganz entscheidender Spannungsfaktor. So war es einfach nur ärgerlich und demütigend: Da ich gerade vor meinem Aufbruch erst zur Toilette gewesen war, konnte ich nicht auf Anhieb pinkeln. Die Beamten fuhren mit mir zur nächsten Tankstelle und ließen mich zwei Liter Wasser trinken — die Pfandflasche behielten sie —; trotzdem dauerte das Prozedere noch gut eine halbe Stunde. Nach erwartungsgemäß negativem Testergebnis wünschten mir die Herren noch einen schönen Feierabend und ließen mich stehen. Da war es schon 20:30 Uhr, der Film hatte längst angefangen. Da ich um kurz nach fünf aufgestanden war und den ganzen Tag gearbeitet hatte, war ich ziemlich erschöpft, meine Augen brannten schon, aber aus Trotz — »Ich lasse mir den Abend nicht verderben!« — besuchte ich dann noch die Spätvorstellung. »Shame« ist ein in jeder Hinsicht mutiger Film, dazu noch sehr traurig und pessimistisch. Sexsucht macht bestimmt keinen Spaß. Das Kino verließ ich in einem zermürbten, desolaten Zustand. Es war kurz nach halb eins, als ich in meiner Unterkunft ankam. Mein schwer betrunkener Gastgeber erwartete mich schon: »Komm, wir unterhalten uns jetzt, ich möchte dich kennen lernen.« Ich saß noch über eine Stunde mit ihm in der Küche und ließ mich beleidigen. (Kennt Ihr diese Art von Betrunkenen, die im Suff so richtig gemein werden?) Erst schätzte er mit (absichtlich?) auf 45 — »Wenn du 330 Tage im Jahr arbeiten würdest, 60 Stunden die Woche, und das seit Jahren, sähst du bestimmt auch nicht frischer aus«, erwiderte ich —, dann machte er Anspielungen auf mein Gewicht, nannte mich hässlich, dann fiel ihm nichts mehr ein. Nur: »Mein Oller mag dich nicht.« Was soll man da sagen? Ich hatte seinen Ollen ja überhaupt nicht getroffen, daher erübrigte sich die Diskussion von vornherein. Und um zwei Uhr morgens noch streiten? Mit jemandem, der mich immerhin umsonst in seiner Wohnung pennen ließ? Nein, nein, ich verabschiedete mich höflich, ging zu Bett und nahm mir vor, am nächsten Morgen so früh wie möglich zu gehen und abends dann so spät wie möglich zurück zu kommen, um eine ähnliche Situation zu vermeiden. Alles in allem hätte ich mir die zweite Tageshälfte sparen können.

André (Foto: Eugen Zymner)

Am Samstag und Sonntag schnitten wir. Ich arbeite gern mit Jennifer, die Stunden am Schneidetisch vergehen schnell und führen zu sagenhaften Ergebnissen. Unsere Gesprächsthemen sind klasse. So kann ich heute rekapitulieren, dass ich die angenehmsten (schwulen) Filmküsse mit Roman Kijewski und Marc Hodapp hatte. Heteromänner küssen irgendwie sanfter, weicher, liebevoller. Vermutlich sind sie so vorsichtig, weil es für sie Neuland ist, einen anderen Mann zu küssen. Ich mag das Behutsame und möchte an dieser Stelle festhalten, dass die Küsse von Marc und mir in Le deuxième commencement richtig schön anzusehen sind.
     Jade Boyd begleitete unsere Arbeit mit ihrer kleinen Kamera, die bereits mehrere Unfälle hatte, scheinbar jedoch indestructable ist. Sie ließ mir gestern diesen Clip zukommen:

Am Sonnabend hatte ich noch ein Express-Treffen mit Barbara und ihrem bildhübschen neuen Freund. Wir aßen eine Kleinigkeit, brachten uns in aller Kürze auf den neuesten Wissensstand, und dann fuhr ich die beiden zur Komischen Oper. Prokofieff. Leider konnte ich nicht mitkommen. Stattdessen sah ich mir nach einem köstlichen Gaumenschmaus im Morgenland noch Maledivas »Die fetten Jahre« auf DVD an.
     Der März ist der Monat der Geburtstage. Boris hatte Samstag, Barbara gestern, Jennifer und ich am Samstag, dann ist Nikolaus Firmkranz an der Reihe, Jade, Coral und so weiter. Keine schlechte Zeit. Kommt stressfrei durch diese Woche, seid lieb gegrüßt.

André

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