24. Januar 2013

Der knappe, daumennageldünne Wahlsieg für die SPD in Niedersachsen ist ein Grund zur Freude. Trotzdem. Ich bin der Auffassung, dass man Politiker und Windeln regelmäßig wechseln sollte. Aus denselben Gründen. Außerdem ist ein regelmäßiger Wechsel nötig, um die Dynamik zu erhalten. Nach spätestens acht Jahren sollte jede/r Politiker/in seinen Sessel räumen. Helmut Kohl wurde Kanzler, als ich gerade vier geworden war, und blieb, bis ich 20 war; zeitweise zweifelte ich daran, den bösen, fetten Kerl zu überleben. Und Wowereit werden sie eines Tages wohl auch mit Polizeigewalt von seinem Thron zerren müssen. Die mangelhafte Wahlbeteiligung ist verständlich und macht mir längst keine Sorgenfalten mehr. Das Volk kennt Wahlen ja größtenteils nur noch aus dem Fernsehen: Big Brother, DSDS oder Dschungelcamp. Die Leute stehen in der Wahlkabine und denken, sie dürften jemanden rauswählen; anders kann ich mir die zehn Prozent für die FDP nicht erklären. Und mein Vater begründet seine CDU-Wahl neuerdings auch mit dem fadenscheinigen Argument, dass er das Kreuz so weit oben machen musste, weil die Schnur von dem Kugelschreiber in der Kabine zu kurz gewesen sei…
     In Berlin sah man diese Woche die eine oder andere hahnenkammrote, verfrorene Nase über festgezurrtem Baumwollschal und Stiefel, die aufrecht durch knatschig-pappigen Schnee stapften. Da der Großstadtschnee normalerweise eher ein brauner, nasser Matsch ist, erfreute mich der Anblick des weißen, fleckenlosen Lakens; ein glattes Weiß, wie shampooniert, staubgesaugt, gebürstet, rundum makellos. Am Wochenende sprach ich, noch immer demütig-nervös und in direkter Frage-Antwort ungeübt, mit Antony über das Drehbuch; es gefällt ihm, und er versucht, Manuel Blanc für die Hauptrolle zu bekommen. Sollte das alles so klappen, wie wir es uns vorstellen, betrete ich 2013 eine neue Stufe der Professionalität, ein Level, das ich in Deutschland nie und nimmer hätte erreichen können.

»So hör, ich hab’ für dich gelacht«, schrieb Selma Meerbaum-Eisinger. Gerade diese Woche befasste ich mich nach langer Zeit mal wieder mit ihren Texten und mit ihrem viel zu kurzen Leben: Sie war 18, als sie am 16. Dezember 1942 im Konzentrationslager starb. 57 auf abenteuerliche Weise gerettete Gedichte sind alles, was von ihr blieb.
     Wie Paul Celan stammte sie aus Czernowitz, sie liebte Blumen, die Natur, Rilke, Heine und Tagore. Im Sommer schrieb sie, an einen Baumstamm gelehnt und den Blick in die Ferne gerichtet, über den Herbst. Sie wusste, dass die Stadt, in der ihre Träume hätten Wirklichkeit werden können, »nun ganz fern ist, wie ein Bild aus einem alten Märchen«, und es scheint zuweilen, dass sie sich damit abgefunden hatte, dass ihr als Jüdin diese Sehnsucht, dieser Wunsch nach Lachen und Glücklichsein nicht mehr zustand. »Und hast du auch noch tausend Sterne in der Hand — sie kann noch zehnmal tausend tragen«, heißt es in einen von Selmas Gedichten, die meist von ihrer Liebe sprechen — und von der Ahnung, dass sie sich nicht erfüllen wird. Im Mai 1940 entstand »Regen«, das ich vorgestern Abend wieder und wieder las: 

Du gehst. Und der Asphalt ist plötzlich naß
und plötzlich ist das Grün der Bäume neu
und ein Geruch wie von ganz frischem Heu
schlägt dir in dein Gesicht, das heiß und blaß
auf diesen Regen wohl gewartet hat. 

Die Gräser, welche staubig, müd und matt
sich bis zur Erde haben hingebeugt,
sehen beglückt die Schwalbe, welche nahe fleugt,
und scheinen plötzlich stolz zu sein. 

Du aber gehst. Gehst einsam und allein
und weißt nicht, sollst du lachen oder weinen. 

Und hier und da sind Sonnenstrahlen, welche scheinen,
als ginge sie der Regen gar nichts an. 

Ich bin versucht, das How Soft a Whisper Can Get…-Projekt, das bislang hauptsächlich aus Texten von Armando Manzanero und Vasco Graça Moura besteht, zu erweitern. Nur wann? Die Zeit scheint mal wieder ohne mich davonzufliegen, im Kopfe bin ich bereits im April.
     Auf dass Ihr gut und glücklich in und durch diesen Donnerstag kommt! Lasst es Euch gut gehen und freut Euch auf ein beseeltes Wochenende.

André

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