8. März 2007

»This place is so funky, so camemberty…«

Internetcafé mit merkwürdiger Tastatur. Es geht alles sehr langsam. Sollte ich meinen Laptop heute noch betriebsbereit kriegen, wird später mehr und länger gebloggt. Vielleicht sogar die halbe Nacht, denn ich bin so voll mit Energie und Eindruecken, dass es nur so sprudeln möchte. — Mein erstes original Pariser Crêpe (citron sucre) habe ich nach dem kleinen Kaufrausch im Virgin Megastore an den Champs eingefahren. Habe die Stadt zu Fuß erkundet, nachdem ich mein Gepäck in der Rue Rambuteau verstaut und mich kurz erfrischt hatte. M., mein Vermieter, ist wirklich ein Schatz. Ich kam ja eine Stunde früher an als erwartet — 50 Minuten Flugzeit —, um neun Uhr klopfte ich an die Tür. Was für ein Ausblick! 5. Obergeschoss mit Balkon. Von meinem Zimmer aus liegt mir Paris zu Füßen. Gegenüber wohnt ein Maler, der laut M. stets nackt durch seine Wohnung tänzelt und malt. Wir fragten uns: Ein Exhibitionist? Oder ist ihm warm? Oder einfach nur alles egal? Es ist übrigens recht warm hier, schon richtig Frühling. Phantastisch! Architektonisch ist Paris überwältigend schön! Keine mir bekannte europäische Metropole kann da mithalten. Ich habe mal einen Film aus Berlin vor dem Zweiten Weltkrieg gesehen, nur das war ähnlich imposant. Klar sind Amsterdam, London, Madrid, Berlin, Wien und Dublin schön, ich liebe jede dieser Städte, aber die Gebäude hier sind dermaßen stil- und prunkvoll! Es ist eine Stadt mit so viel Esprit und Ästhetik, ich bin ganz hin und weg — und die Samba in meinem Herzen wird immer leidenschaftlicher und schneller. Eine Lust und eine Sehnsucht nach Leben, und diese Erfüllung, die ich gerade erlebe; ich könnte platzen vor Glück! So viel Licht, so viel Sonne, so viel Zuhause! Nur drei Stunden Schlaf, ja, aber doch so wach und lebendig!

Seit 1999 wartete ich auf den Moment. Zehn Minuten nach meiner Ankunft in Orly war es endlich soweit:
Ich: »Bonjürchen, mon nom est Ursula Bock et je viens de la Lycée Eichendorff à Unna en Allemagne, et avec des autres étudiants j’écris pour un magazin des étudiants qui s’appelle ›Querschlag‹. Comme sont des choses à Paris?« (Danke, Max Goldt!)
Der Mann am Fahrkartenschalter blieb unerwartet freundlich: »Monsieur?«
Ich: »J’aimerais un billet, s’il vous plaît. Les Halles?«
Mann: »Bien sûr, Monsieur. 9,10 €, s’il vous plaît.«
In der Métro dann wurde mein Gehör erstmals in die Irre geführt. Die Bahn hielt an einer Station namens Denfert Rochereau. Die Lautsprecherstimme kündigte es an, und in meiner Verwirrtheit verstand ich: »L’enfer Rochereau.« Ich prustete laut los. Eine farbige Lady, die gemeinsam mit mir das Treiben der französischen Spinne am Fenster interessiert verfolgt hatte, blickte mich gnumgnatschelig an. — Paris wimmelt (cliché olé!) übrigens mit schönen Frauen. Wo kommen die nur alle her? Ich erinnerte mich heute an Christien, einen Kollegen aus London, der mir einst von Paris vorschwärmte: »This place, André, is so funky, so camemberty, you wouldn’t believe it!« Und X., der ja gebürtiger Pariser ist, redete von einer »schwulen Hölle« (alle passiv) und davon, dass hier wirklich jeder raucht. Was übrigens zu stimmen scheint; ich habe hier an einem Tag mehr Kippen glühen sehen als in einem Monat in Berlin.

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2 thoughts on “8. März 2007

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