4. Februar 2014

Der Februar begann gleich mit zwei Ohrfeigen: Maximilian Schell am Samstag, Philip Seymour Hoffman am Sonntag — klatsch-klatsch, einmal links, einmal rechts, volle Kanne! Die Fassungslosigkeit wird noch eine Weile anhalten und nachhallen.
     Dann die Berichte über Woody Allen und den Missbrauchsfall von 1992. Dass er über seine Kinderfickerei — Entschuldigung, aber es ist ja nun einmal so; das Mädchen war damals sieben Jahre alt!! — schließlich doch noch stolpern würde, lag zwei Jahrzehnte in der Luft. Man wusste, da kommt noch was. Ja, und dann schaut man sich »Manhattan« (1979) an, in dem er als Mittvierziger eine Affäre mit einem Teenager (Mariel Hemingway) hat, und muss schon schwer schlucken; das Leben imitiert die Kunst (oder umgekehrt), nimmt Allens eigenes Verhalten vorweg. Auch die Beziehung mit seiner jetzigen Ehefrau, ebenfalls eine Adoptivtochter seiner damaligen Lebensgefährtin, soll schon begonnen haben, als sie gerade 13 war. Natürlich wird Allen weiterhin hofiert. Jetzt, mit 78 Jahren, wird sein umfangreiches Lebenswerk geehrt. Wie wenig Empathie die Welt den Opfern von sexueller Gewalt tatsächlich zugesteht, war bereits ganz deutlich im Fall Michael Jackson zu sehen. Im Großen und Ganzen scheint die Allgemeinheit eine tiefe Affinität zu den Tätern zu haben.
     Noch eine, die seit dem Wochenende die Schlagzeilen füllt, ist Alice Schwarzer. Da wird gerade ein großer Kübel Häme und Spott über ihr ausgekippt. Daran möchte ich mich nicht beteiligen. Dennoch kurz zu meinem persönlichen Standpunkt: Wir wohnten noch in Harsum, ich muss also 12, 13 oder 14 gewesen sein, als ich die Schwarzer zum ersten Mal bewusst im Fernsehen sah. Ein Interviewer fragte sie: »Glauben Sie, dass die Zukunft weiblich ist?«, und sie erwiderte: »Ich hoffe, dass sie weder weiblich noch männlich, sondern menschlich ist.« — Das hatte mir sehr gefallen, man ist als junger Mensch schnell beeindruckbar. Später kaufte ich mir regelmäßig die »Emma«, und bis heute habe ich in meinem Bücherregal eine kleine Schwarzer-Reihe stehen. Sie war eine gute Journalistin und Autorin. Wenn ich sie zufällig im TV sah, blieb ich dran, weil mir ihr Humor und ihre Schlagfertigkeit gefielen und sie argumentativ immer auf der Höhe war. Sie hat viele Jahre ihren Kopf für »die Sache« hingehalten, ordentlich Prügel eingesteckt und verdammt viel erreicht — ein beeindruckendes Vermächtnis, eine respektable Persönlichkeit. Ich weiß nicht, was dann passierte. Irgendwann — Anfang des neuen Jahrtausends? — setzte ein Umschwung ein, der mich, je länger er dauerte, fassungslos kopfschüttelnd zuschauen und erschauern ließ. Ehrungen von der Springer-Presse annehmen, nachdem sie sie 30 Jahre lang (aus gutem Grund) bekämpft hatte! Dann auch noch Werbung für die »Bild« machen! Latenter Rufmord im Kachelmann-Prozess! Das islamophobe Geschrei, das an Thilo Sarrazin gemahnte! Die Art und Weise, wie sie die Prostitutions-Debatte führte! Gefälschte Statistiken — in meinen Augen eine Todsünde für jeden Journalisten! —, um ihre Sache voranzutreiben! Fast scheint es, als wolle Alice Schwarzer ihr Lebenswerk mutwillig zerstören, all ihr Agieren deutet unmissverständlich darauf hin. Sie radiert schrittweise ihre Integrität aus. Als Feminist und (ehemaliger?) Bewunderer tut mir das verdammt weh. Was die Steuerhinterziehung angeht, hat sie sich gesetzeskonform verhalten. Selbstanzeige, Erstattung der Steuerschuld plus Zinsen, und die Sache ist juristisch gegessen. Wenn es dabei geblieben wäre, hätte kein Hahn danach gekräht. Doch dann schoss Frau Schwarzer mit ihrer selbstgerechten Stellungnahme auf ihrem Blog den Vogel ab, indem sie sich zum Opfer einer Hetzkampagne stilisierte und geschmackloserweise auch nicht davor Halt machte, sich mit den verfolgten Juden im Dritten Reich zu vergleichen! Das nehme ich ihr wirklich übel. — Um’s noch einmal klar und deutlich zu sagen: Die Privatsphäre und das Steuergeheimnis sind selbstredlich auch bei »Personen des öffentlichen Lebens« zu schützen. Dass Alice Schwarzers Persönlichkeitsrecht verletzt wurde, ist jedoch nicht die Schuld der Medien — die haben schließlich eine Informationspflicht —, sondern die der Bank oder der Finanzbehörde, welche den »Spiegel« informiert hatte. Jetzt ist’s halt passiert; nicht schön, aber als Medienexpertin müsste ihr klar sein, dass so etwas jederzeit passieren kann. Dass sie sich nun mit der moralischen Dimension ihrer Verfehlung, die eben doch kein Kavaliersdelikt ist, auseinandersetzen muss, versteht sich von selbst. Ich kann es zu diesem Zeitpunkt zwar nicht glauben, würde es mir aber wünschen, dass Frau Schwarzer am Ende dieser Diskussion doch noch einsichtig würde.
     Das war mein kurzes Brainstorming zu den ersten Tagen des Krokus-Monats und grüße Euch ganz herzlich.

André

Noch mehr Brainstormings:
8. August 2013
29. September 2011 (Der 100. Beitrag)
Kein Bambi für Bushido!
Ein paar Worte zu Katherina Reiche

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5 thoughts on “4. Februar 2014

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