Filmtipp #243 bis #256: Homoerotische Momente im Film

Für das Dezemberheft der »Männer« durfte ich einen längeren Artikel zum Thema »Homosexuelle Erotik im Film« schreiben. Dafür recherchierte ich ausgiebig, durchforstete mein Archiv und diverse Filmlexika. Der fertige Artikel war dann leider zu lang geraten und musste auf wenige Sätze zusammen gekürzt werden. An dieser Stelle nun der ganze Artikel. Ich habe von den 22 Filmtipps lediglich jene weggelassen, die ich hier im Blog bereits besprochen habe oder in naher Zukunft besprechen möchte. Viel Spaß!

Das Thema Homosexualität im Film ist so alt wie die Filmgeschichte selbst. Schon in den frühesten Stummfilmen von ca. 1900 sah man miteinander tanzende Männerpaare in inniger Umarmung, oft — wie beispielsweise bei Chaplin — als komisches Element.
Der erste Schwulenfilm kam aus Deutschland: In »Anders als die Andern« (1919, Regie: Richard Oswald) wird ein Musiker von einem Stricher erpresst. Als er sich weigert, immer mehr Geld zu zahlen, zeigt ihn der Lustknabe wegen des Verstoßes gegen den § 175 an. Dr. Magnus Hirschfeld, der im Film sich selber spielt, hält im darauf folgenden Prozess eine flammende Rede für Akzeptanz und Toleranz. Am Ende schließlich werden beide Männer verurteilt: Der Stricher als Erpresser, der Musiker wegen seines Vergehens gegen den Paragraphen. Letzterer zerbricht an der gesellschaftlichen Ächtung und begeht Selbstmord. In den Folgejahren blieb das deutsche Kino auch international in Sachen Homosexualität auf der Leinwand ein Vorreiter: Regisseur Carl Theodor Dreyer portraitierte in »Michael« (1924) die zart-erotische, am Ende jedoch artig-platonisch bleibende Liebe eines Künstlers zu seinem Modell, G. W. Pabst etablierte in »Die Büchse der Pandora« (1929) die erste lesbische Filmfigur, und 1931 folgte »Mädchen in Uniform« (Regie: Leontine Sagan), dessen bravere 1958er Neuverfilmung mit Romy Schneider und Lilli Palmer heute noch den meisten ein Begriff ist.
In den Filmen aus dem angloamerikanischen Sprachraum haftete der Homosexualität oft etwas Unheimliches, manchmal sogar Dämonisches an. Man denke beispielsweise an die lesbische Haushälterin Mrs. Danvers in Hitchcocks »Rebecca« (1940) oder an die Vampirfrau in »Dracula’s Daughter« (1936, Regie: Lambert Hillyer). Die US-amerikanische Zensurbehörde und der damals sehr strenge Hays Code erlaubten den Filmemachern in Sachen Sexualität keine allzu großen Freiheiten, und so musste man nach Wegen suchen, um die etwaigen homoerotischen Handlungselemente geschickt an der Zensur vorbei zu lancieren. So spielt Peter Lorre in »The Maltese Falcon« (1941, Regie: John Huston) einen Schwulen, dessen parfümierte Visitenkarte dezent hervorgehoben wird, während Montgomery Clift und John Ireland in Howard Hawks’ Western »Red River« (1948) schon recht eindeutig zur Sache gehen, wenn sie ihre Pistolen voreinander auspacken und darüber streiten, wessen größer ist und »besser in der Hand« liegt; schließlich tauschen sie ihre Waffen, um das eigenhändig zu überprüfen. Alfred Hitchcock zeigte in »Rope« (1948) ein schwules Studentenpaar, das sich an einem gemeinsam verübten Mord aufgeilt, und der auch im wahren Leben schwule Sal Mineo spielte 1955 in »Rebel Without a Cause« (Regie: Nicholas Ray) neben James Dean den ersten schwulen Teenager in einem US-amerikanischen Studiofilm. Von da an ging es mit kleinen Schrittchen langsam voran: »Cat on a Hot Tin Roof« (1958, Regie: Richard Brooks), »Ben Hur« (1959, Regie: William Wyler) oder auch Some Like It Hot versteckten ihren homosexuellen Subtext kaum noch, und 1967 wurde der sittenstrenge Hays Code zumindest formal abgeschafft.
In Deutschland indes ruderte man in der biederen Nachkriegszeit weit zurück: 1957 kam »Anders als du und ich oder Das dritte Geschlecht« des ehemaligen Nazi-Propaganda-Regisseurs Veit Harlan in die Lichtspielhäuser. Der Schwule wird hier stets aus gruseliger Perspektive (von schräg unten) mit dämonischem Augenlicht dargestellt. Sein Ziel ist es, den unschuldigen Sohn eines Apothekers zu verführen und homosexuell zu machen. Die mutige Mutter des Jungen (Paula Wessely entschuldigte sich später für ihre Mitwirkung an diesem ekeligen Hetzfilm) versucht dies mit allen Mitteln zu verhindern.
Dafür erwachten 1960 das englische, französische und italienische Kino aus ihrem schwulen Dornröschenschlaf: Regisseure wie Basil Dearden (»Victim«, 1961), Tony Richardson (»A Taste of Honey«, 1961), Peter Ustinov (»Billy Budd«, 1962), Joseph Losey (»The Servant«, 1963) oder Pasolini (»Comizi d’amore«, 1964 und »Teorema«, 1968) befassten sich behutsam, aber ohne falsche Scham mit dem Thema. Trotzdem blieb der erotische Aspekt der homosexuellen Orientierung fast immer auf der Strecke, es ging vorrangig um die gesellschaftlichen oder juristischen Schwierigkeiten, unter denen Homosexuelle zu leiden hatten — immerhin waren die liberalen Filmemacher damals so forsch und klug, die politischen Missstände anzuprangern und die Schwulen nicht als abnorme Gestalten darzustellen. Der italienische Regisseur Dario Argento ging in seinen frühen Filmen sogar noch einen Schritt weiter, indem er schwule oder lesbische Charaktere als gleichwertige Hauptfiguren etablierte; aus heutiger Sicht jonglierte er in diesen Werken geradezu vorbildlich mit Gender-Fragen. Auch frauenemanzipatorisch war Argento seiner Zeit voraus. So ist in »Profondo rosso« (1975) die Journalistin (Daria Nicolodi) ihrem männlichen Counterpart (David Hemmings) nicht nur physisch haushoch überlegen und schlägt ihn beim Armdrücken, sie ist auch furchtloser und rationaler; in 4 mosche di velluto grigio wurde die burschikose Mörderin wie ein Junge erzogen und fühlt sich deswegen uneins mit der Welt; in L’uccello dalle piume di cristallo hilft ein schwuler Antiquitätenhändler bei den Ermittlungen in einem Mordfall.
Der offen schwule Regisseur John Schlesinger zeigte in »Sunday, Bloody Sunday« (1971), wie ein schwuler Arzt (Peter Finch) und eine biedere Karrierefrau (Glenda Jackson) um die Gunst eines bisexuellen Malers (Murray Head) buhlen. Was den Film dazumal zu einem Skandal machte, war die erste Kussszene zwischen zwei Männern: »Ich schloss die Augen und dachte an England«, antwortete Finch einem Interviewer auf die Frage, wie er diese Szene überhaupt habe spielen können. »Sunday, Bloody Sunday« ist filmhistorisch nicht nur deswegen ein wichtiger Film geblieben, dennoch ist dieser Kuss nicht sonderlich prickelnd anzuschauen; es war Neuland, man spürt die Ängstlichkeit, es bleibt ein Gefühl von Krampf zurück. Erst in den 1980ern lockerten sich die Verhältnisse. Seither sind England und Frankreich, was die filmische Darstellung homoerotischer Handlungen angeht, obenauf; Spanien, das unter Franco bedenklich strengen Zensurbeschränkungen unterworfen war, zog in den 1980ern nach. Zuvor war es lediglich Eloy de la Iglesia erfolgreich gelungen, mit einer Reihe von doppeldeutigen Horrorfilmen (»La semana del asesino«, 1973) die Zensur an der Nase herumzuführen.
Im Folgenden habe ich mal eine chronologische Liste von homoerotischen Augenblicken im Film zusammengestellt, aus allen möglichen Epochen und Ländern:

Un chant d'amour

Un chant d’amour

#243: Ein Liebeslied
Un chant d’amour, F 1950
Kult-Schriftsteller Jean Genet (»Querelle«) distanzierte sich später von seiner einzigen Regiearbeit, einem 25minütigen Stummfilm, der aufgrund seiner explizit pornographischen Bilder erst ein Vierteljahrhundert nach seiner Entstehung öffentlich gezeigt werden konnte. Heute ist »Un chant d’amour« längst ein Klassiker des schwulen Kinos: Zwei Häftlinge bemühen sich, durch ein winziges Loch in der Wand miteinander Kontakt aufzunehmen, wobei sie von einem eifersüchtigen Wärter (André Reybaz) beobachtet und schließlich hart bestraft werden. — Das verzehrend-schmerzhafte Verlangen des älteren Gefängnisinsassen illustriert Genet durch ein ebenso eigenwilliges wie eingängiges Bild: Der steife Schwanz des Mannes schlägt wieder und wieder gegen die Zellenwand und scheint dem jüngeren Häftling nebenan Morsezeichen zu senden. Auch die Blicke des Wärters durch diverse Gucklöcher offenbaren ein Kaleidoskop der Lüste, vom nackt tanzenden Schwarzen bis hin zum wichsenden Jüngling.

Spiegelbild im goldenen Auge

Women in Love

Women in Love

#244: Liebende Frauen
Women in Love, GB 1969
Ken Russells brillante Adaption von D. H. Lawrences 1920 erschienenem Roman gilt auch heute noch als der beste Film des Regisseurs, dessen pompöse Exzessivität seine späteren Werke so berüchtigt werden ließ. Dennoch war »Women in Love« seinerzeit nicht unumstritten. Besonders kontrovers wurde jene Szene diskutiert, in der Alan Bates und Oliver Reed, beide damals im Zenit ihrer Attraktivität, nackt vorm Kaminfeuer ringen — die Szene scheint fast ungebührlich lang, die Kamera weidet sich förmlich an den verschwitzten Körpern, die nach vollzogenem Kampf nebeneinander im warmen Feuerschein liegen. Das anschließende Liebesgeständnis von Alan Bates (der im wahren Leben sein Coming Out leider erst unterm Leichentuch hatte) gehört bis heute zu den eindrucksvollsten des englischen Kinos: »Wir sollten schwören, uns zu lieben, du und ich. Und zwar bedingungslos, vollkommen, endgültig, ohne eine Möglichkeit, es jemals zu widerrufen.«

The Rocky Horror Picture Show

The Rocky Horror Picture Show

#245: Die Rocky Horror Picture Show
The Rocky Horror Picture Show, USA 1974
Was soll man zu diesem immergrünen Kultfilm noch Neues schreiben? Das grelle Grusical ist auch 40 Jahre nach seiner Entstehung brandaktuell, schlummert doch unter all dem Glamour die zarte Sehnsucht nach Akzeptanz und Liebe. Dreh- und Angelpunkt des melancholisch angehauchten Gagfeuerwerks ist die zeitlos-erotische Performance Tim Currys als androgyner Wissenschaftler Frank N. Furter. Nie zuvor (oder seither) war ein Mann in Strapsen so heiß! Besonders stimulierend ist seine Auftrittsnummer »Sweet Transvestite«.

Maurice

Maurice

#246: Maurice
Maurice, GB 1987
James Ivory adaptierte bereits zum dritten Mal einen Roman von E. M. Forster und schuf einen der schönsten Männer-Liebesfilme aller Zeiten. Im traditionsverhaftetem Britannien des edwardianischen Zeitalters, das sich seine Prüderie und Heuchelei im Umgang mit Andersartigen viel zu lange bewahrt hat, entdecken die Internatszöglinge Maurice (James Wilby) und Clive (Hugh Grant) ihre Zuneigung und Liebe füreinander. Aufgrund eigener Ängste und gesellschaftlicher Zwänge bleibt es bei einer platonischen Freundschaft. Doch während Clive sich in den Hafen der Ehe drängen lässt, findet Maurice sein Glück in den Armen eines jungen Wildhüters (Rupert Graves). — Die zarten Augenblicke, in der Hugh Grant und James Wilby geradezu schamhaft die Manschettenknöpfe des jeweils anderen öffnen stehen in starkem Kontrast zu Rupert Graves’ sexueller Kraft, die ungeschliffen und direkt ist. So nimmt er auf offener Straße Wilbys Hand und fordert: »Bleiben Sie bei mir, schlafen Sie heut’ Nacht mit mir«, und in der nächsten Szene kriecht er versext und nackt aus dem verlotterten Hotelbett. Verrucht hatte ich das gefunden, als ich 13 oder 14 war: die dunklen Locken unter seiner Mütze, der mädchenhaft geschwungene Mund, der englische Regen. Später, als ich den Film unsynchronisiert sah, verliebte ich mich in diesen schroffen Akzent; Rupert Graves hätte mir damit auch das Telefonbuch vorlesen können.

Les nuits fauves

Les nuits fauves

#247: Wilde Nächte
Les nuits fauves, F 1992
Seine wilde Lebensgier lässt den bisexuellen Filmemacher Jean (gespielt von Regisseur Cyril Collard) nicht zur Ruhe kommen. Während er turbulente Beziehungen mit der 17jährigen Laura (Romane Bohringer) und einem spanischen Rugbyspieler (Carlos López) unterhält, gibt er sich nachts anonymen Exzessen am Seineufer hin. Er weiß, dass seine Tage gezählt sind, denn der 30jährige ist bereits an Aids erkrankt. — Collards autobiographisches Debüt ist ein flammendes Plädoyer für die Lust am Leben und den Mut zur Kompromisslosigkeit in der Liebe. Die schonungslose Direktheit seiner Sprache wurde 1992 als bahnbrechend empfunden. Kurz, bevor »Les nuits fauves« mit vier Césars ausgezeichnet wurde, starb Collard an den Folgen von Aids. Unter den vielen magischen Momenten seines Films gibt es einen besonders schönen, in der er und sein Rugbyspieler sich zu dem Song »Lifelines«, der schon verdammt nach David Bowie klingt, unter der Dusche näherkommen.

Die blaue Stunde

The Talented Mr. Ripley

The Talented Mr. Ripley

#248: Der talentierte Mr. Ripley
The Talented Mr. Ripley, USA 1999
1959 war der wohl berühmteste Roman Patricia Highsmiths bereits mit Alain Delon verfilmt worden. Damals hatte sich der Regisseur René Clément noch stark zurückhalten müssen, was die homoerotischen Aspekte des Thrillers anging. 40 Jahre später konnte Anthony Minghella in seinem Remake diesbezüglich wortwörtlich die Hüllen fallen und Tom Ripley (Matt Damon) fragen lassen, ob er das Badewasser mit Dickie Greenleaf (Jude Law) teilen darf. Dieser lehnt das Angebot zwar halbherzig ab, steigt dafür aber bemerkenswert unbefangen aus der Wanne und präsentiert Ripley seinen anbetungswürdigen Po. Kurz darauf tötet Ripley das Objekt seiner Begierde, um dessen Identität anzunehmen. Kann man einem anderen Menschen überhaupt näher kommen? Eine Frage, die in diesem Fall ebenso pervers wie berechtigt ist.

Der Feind in mir

Somersault

Somersault

#249: Somersault
Somersault, Australien 2004
Sage und schreibe 41 Preise heimste dieser insgesamt etwas überbewertete Arthaus-Film über den sexuellen Selbstfindungsprozess eines aufmüpfigen Teenager-Mädchens ein. Die männliche Hauptrolle spielt Sam Worthington, mittlerweile in Hollywood zum Actionstar avanciert, der uns hier einen der erotischsten Männer-Filmküsse schenkt: Seine Figur, von besagtem Teenie-Girl an der Nase herumgeführt, besucht einen schwulen Mann, um mit ihm zu trinken und sich auszuheulen. Als dieser ihn zu Bett bringen will und ihm eine Decke anbietet, haucht Worthington: »Ich will keine Decke«, zieht den bärtigen Kerl zu sich heran und küsst ihn so fordernd und geil auf den Mund, dass dieser keinen Zweifel mehr daran haben dürfte, was sein Gast wirklich will.

Douches froides

Douches froides

#250: Kalte Duschen
Douches froides, F 2005
Ein Coming-of-Age-Film, der förmlich nach kalten Duschen schreit. Zwei Jungs verlieben sich in dasselbe Mädchen und werden zu ihren pubertären Spielbällen. Im Verlauf der Handlung sehen wir unzählige Duschszenen, Balgereien auf diversen Judomatten und ästhetische Aufnahmen von prallen Hintern in den Umkleidekabinen. Eine Sexszene gibt es auch: In der Turnhalle haben die drei Protagonisten ihr erstes Mal, wobei sie zwar (wie üblich) die heterosexuelle Mitte übernimmt, es aber dennoch dazu kommt, dass sich die Jungs a) küssen und b) rimmen. Das Ganze ist so unverkrampft-französisch, dass das Suchtpotential nicht zu leugnen ist.

Crustacés et coquillages

Crustacés et coquillages

#251: Meeresfrüchte
Crustacés et coquillages, F 2005
Ein unbeschwerter Ferienfilm, der hemmungslos Lust auf einen Sommerurlaub in Südfrankreich macht: Ein Ehepaar mit zwei Kindern im Teenageralter — die Tochter fährt gleich nach der Ankunft mit ihrem Stecher weiter nach Portugal, der Sohn erwartet seinen besten (in ihn verliebten) Freund — vertreiben sich die Zeit mit Müßiggang, Schalentieren und Joints. Die Dusche hat nur begrenzt warmes Wasser, Mamas Liebhaber taucht wie aus dem Nichts auf und auch der Vater hat ein sehr attraktives Geheimnis: Jean-Marc Barr, das Sahneschnittchen aus Bessons »Le grand bleu« (1988) spielt den knackigen Klempner, des Vaters erste große Liebe, über die er nie ganz hinwegkam. — Ob nachts im Cruising-Areal am Strand oder postkoital mit den Handschellen ans Bett gefesselt, Jean-Marc Barr ist und bleibt eine Augenweide. Heute dreht er als Regisseur selbst in regelmäßigen Abständen Filme über die Vielfalt des Begehrens.

Reine Geschmackssache

Reine Geschmacksache

#252: Reine Geschmacksache
Reine Geschmacksache, D 2007
Erinnert Ihr Euch noch an Euren allerersten Kuss? Der frischgebackene Abiturient Carsten (Max-Ophüls-Preis für Florian Bartholomäi) erlebt ihn als Countdown: »…drei, zwei, eins… Hallo, Carsten«, flüstert der niedliche Steven (Roman Križka) dem nervös Zitternden ins Ohr, während dieser bereits vorahnungsvoll die Augen geschlossen hat. — In Ingo Raspers preisgekröntem Debütfilm verliebt sich ein Teenager ausgerechnet in den Mann, der seinem Vater (großartig gespielt von Edgar Selge) gerade den Job streitig machen will. Im Kino ging die beschwingte Komödie leider etwas unter. Umso mehr lohnt es sich, diese kleine Perle auf DVD zu entdecken.

Unmade Beds

Unmade Beds

#253: London Nights
Unmade Beds, GB 2009
Nach seinem gefeierten Debüt mit »Glue« (2006) ging der argentinische Filmemacher Alexis Dos Santos nach London, um einen Film über Hipster zu machen. Es gelang ihm eine sympathische Liebeserklärung an die Stadt an der Themse und die jungen Menschen dort: Die haben Spaß am Leben und entschuldigen sich nicht dafür; ihr Leben ist bunt und unpolitisch, voller Musik und Sex, frei von Verantwortung oder politischem Bewusstsein. Man wacht in durchwühlten, fremden Betten auf und erinnert sich kaum an die Ereignisse der letzten Nacht. — Es gibt eine hocherotische (improvisierte) Szene zu dritt, in der der kleine Spanier Axl (Fernando Tielve) mit der süßen Lucy (Lucy Tillet) und dem heißen Mike (Iddo Goldberg) zuerst beduselt durch die Wohnung tanzt, dann knutscht, dann vögelt. Das Ganze ist so natürlich-real und von einer fast organischen Selbstverständlichkeit, dass man gern zum Spanner wird.

Kaboom

Notre paradis

Notre paradis

#254: Unser Paradies
Notre paradis, F 2011
Stéphane Rideau, spätestens seit »Presque rien« (2000) eine Ikone des französischen Schwulenkinos, spielt einen in die Jahre gekommenen Callboy, der gemeinsam mit seinem jugendlichen Lover (Dimitri Durdaine) reihenweise Freier umbringt. In Sachen Sex sind die Franzosen nicht zimperlich; schon bei »Presque rien« ermutigte Regisseur Sébastien Lifshitz seine (heterosexuellen) Schauspieler dazu, richtig miteinander zu schlafen. Regisseur Gaël Morel geht in »Notre paradis« wirklich weit (FSK 18). Ein besonders packender Moment ist jener, in der Morel und Durdaine es vor einer laufenden Webcam miteinander treiben, um im Internet neue Freier aufzutun, quasi eine Film-im-Film-Sequenz, die viel für Auge und Ohr bietet.

Romeos

Romeos

#255: Romeos
Romeos, D 2011
Eine junge biologische Frau, die gerade den letzten Schritt tut, ein Mann zu werden, verliebt sich in einen knackigen Schwulen und verärgert damit ihre beste (lesbische) Freundin aus Schultagen. Mehr Konflikt geht kaum, aber dieser deutsche Film von Sabine Bernardi kommt so federleicht und mit erfrischendem Humor daher, dass man gar nicht genug bekommt — und ganz nebenbei entblößt Neuentdeckung Maximilian Befort als draufgängerischer Fabio gleich mehrfach seinen zuckersüßen Arsch. Toll die Szene, in der er nach einem Dreier im Auto nackt über den Parkplatz stolziert, um mit Lukas (der als Miriam geboren wurde) eine zu rauchen.

Freier Fall

Freier Fall

#256: Freier Fall
Freier Fall, D 2013
Von der Kritik vielfach als »deutsche Antwort auf ›Brokeback Mountain‹« tituliertes, äußerst feinfühliges Drama um einen Polizisten und angehenden Familienvater (Hanno Koffler), der sich während einer Fortbildung in einen smarten Kollegen (Max Riemelt) verliebt. Fernab von der ›Brokeback Mountain‹’schen Verlogenheit versteht es Regisseur Stephan Lacant, seine Zuschauer in den emotionalen Wirbelsturm seines Protagonisten hineinzuziehen. Die Sexszenen zwischen Koffler und Riemelt — man denke beispielsweise an das gegenseitige Wichsen im Wald — sind geradezu gefühlsecht realistisch.

André Schneider

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