Filmtipp #419: Hold Back the Night

Hold Back the Night

Originaltitel: Hold Back the Night; Regie: Phil Davis; Drehbuch: Steve Chambers; Kamera: Cinders Forshaw; Musik: Peter John Vettese; Darsteller: Christine Tremarco, Stuart Sinclair Blyth, Sheila Hancock, Tommy Tiernan, Richard Platt. GB 1999.

HOLD BACK THE NIGHT, from left: Christine Tremarco, Stuart Sinclair Blyth, 1999, ©Channel Four Films

Ein schottisches Roadmovie mit Bildern von atemraubender Schönheit und Klarheit, das ist »Hold Back the Night«, die zweite Regiearbeit des Schauspielers Phil Davis (Notes on a Scandal). Die visuelle Gestaltung und die perfekt ausgearbeiteten Charaktere machten ihn 1999 zu einem Publikumsliebling bei den Filmfestivals in Cannes und Edinburgh, im Folgejahr auch in Italien und Spanien. In den Kinos wurde Davis’ kleinem Film indes wenig Erfolg zuteil; die heimischen Kritiker bemängelten die holprige Handlung und die vermeintlich »übersentimentale Musik«. Tatsächlich ist der Hintergrund der erzählten Story alles andere als erbaulich, geht es doch um ein Mädchen, das aus einem von Inzest und Vergewaltigung verseuchten Elternhaus flieht. Charleen (Tremarco) ist tough, flucht viel und steht aufgrund ihrer scheußlichen Geschichte verständlicherweise komplett neben sich. In einem Pub lernt sie den süßen Schotten Declan (Blyth) kennen, einen Umweltaktivisten, dem sie sich im Kampf gegen eine neue Schnellstraße, die durch ein Waldgebiet gebaut werden soll, anschließt. Die beiden verbringen eine Nacht zusammen in Declans Zelt, bevor am frühen Morgen die Polizei anrückt und das Camp der Naturschützer gewaltsam räumt. Als ein Polizist auf den unbewaffneten Declan einprügelt, zieht Charleen ihm ein Didgeridoo über den Schädel. Der festen Überzeugung, den Gesetzeshüter erschlagen zu haben, fliehen Charleen und Declan, dicht gefolgt von einem lieben Kampfhund namens Killer. Sie treffen auf die todkranke Vera (Sheila Hancock aus Night Must Fall und Take a Girl Like You), die vor ihrem Tod den Sonnenuntergang auf den Orkney Islands sehen möchte — ihre verstorbene Geliebte stammte von dort, und gemeinsam hatten sie die Reise nie geschafft. Das missbrauchte Mädchen, der herzensgute Naturbursche und die einsame Lesbe fahren gemeinsam immer höher gen Norden. Charleen lernt auf dieser Reise den Wert von Freundschaften kennen — und wird sich immer klarer, dass man seiner Geschichte nicht davonlaufen kann.

Im Zentrum des Geschehens steht die schroffe Schönheit Nordschottlands, deren heilende Kraft und meditative Ruhe. Ihr gegenüber steht die Hauptdarstellerin Christine Tremarco, deren teenage rage fast schon an Bösartigkeit grenzt. Sie schreit und boxt um sich, ihr Blick zeugt von Ekel und Wut; selbst in »ruhigen Momenten« ziert ein zynisches Kräuseln ihre Oberlippe. Als Vera ihr nach einem missglückten Selbstmordversuch — Charleen versucht, sich zu ertränken — Mund-zu-Mund-Beatmung gibt, zischt sie: »Put your lips on me again, I’ll fucking glass ye!« (Tremarco stammt, wie ihre Filmfigur, aus Nordengland, und verpasst Charleen einen schwer verdaulichen Liverpooler Akzent.) Am Ende, wenn das Trio am Ring of Brodgar angekommen ist, ist Charleens Heilung vollzogen. Wenn sie lächelt und man weiß, dass sie ihr Leben nun anpacken und nicht mehr weglaufen wird, berührt das sehr.
An mehreren Punkten des Films bittet eine Figur die andere darum, sie zu halten. »Hold me, please!«, fleht Charleen den zärtlichen Declan an; »Would you mind holding me?«, fragt die sterbende Vera Charleen. In »Hold Back the Night« geht es darum, wie ein Mensch Stärke gewinnt — durch die Nähe zur Natur, durch Selbstakzeptanz und durch die Kraft der Freundschaft. Das Ganze mag etwas trivial daherkommen — Steve Chambers’ Drehbuch treibt Figuren und Handlung auf Fernsehfilmniveau umher und wird durch Kamera, Regie und Schauspieler oftmals »überlistet« —, ist letzten Endes jedoch äußerst effektiv.

»Hold Back the Night« hat für mich vor allem auch einen tief persönlichen Hintergrund — und ist deshalb einer meiner Lieblingsfilme.

André Schneider

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  1. Pingback: 31. Oktober 2016 | Vivàsvan Pictures / André Schneider

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