Filmtipp #17: Tagebuch eines Skandals

Tagebuch eines Skandals

Originaltitel: Notes on a Scandal; Regie: Richard Eyre; Drehbuch: Patrick Marber; Kamera: Chris Menges; Musik: Philip Glass; Darsteller: Judi Dench, Cate Blanchett, Bill Nighy, Andrew Simpson, Philip Davis. GB 2006.

Notes on a Scandal

Ein deutscher Journalist, etwa in meinem Alter, der Anfang 2007 von der Oscar-Verleihung berichten durfte, wurde kurz darauf gefragt, welche der zahllosen Schauspielerinnen ihm am besten gefallen hätte. Es ging um Sex-Appeal, Kleidung, Stil. Man erwartete Namen wie Theron, Jolie, Paltrow — etwas in dieser Richtung. Er sagte: »Judi Dench. Mit Abstand.« Keine der Hollywood-Pflanzen habe auch nur annähernd ihren Charme, ihre Freundlichkeit, ihre Natürlichkeit, ihren Chic und ihr Flirttalent gehabt. Eine Aussage, die mich positiv überraschte, immerhin war die Dench damals 72 Jahre alt. Erotische Ausstrahlung ist kein Privileg der Jugend.
     Dench war in jenem Jahr für »Notes on a Scandal« nominiert. Ihre sechste Nominierung übrigens. In Deutschland erfuhr der Film nicht gerade viel Resonanz. Ein paar gute Kritiken, ja, aber das Publikum blieb aus. Und das, obwohl mit Cate Blanchett ein kassenmagnetischer Name dabei war, der Film weltweit für insgesamt rund 45 Filmpreise nominiert worden war und sieben davon auch erhielt.

»Notes on a Scandal« wird als Drama beschrieben, ist aber eigentlich ein Thriller, ein Alptraum. Und ein Studie darüber, was Einsamkeit aus Menschen machen kann. Der Film erzählt zwei Geschichten, die sich beide um Besessenheit drehen: Die junge Kunstlehrerin Sheba Hart (Blanchett), verheiratet und Mutter zweier Kinder, beginnt eine Affäre mit einem 15jährigen Schüler (Simpson). Die kurz vor der Pensionierung stehende Barbara Covett (Dench), allein stehend und akribisch Tagebuch schreibend, verliebt sich wiederum in Sheba. Die beiden ungleichen Frauen freunden sich an, die verzweifelte Sheba erzählt Barbara von der Liebschaft mit ihrem Schüler — und rechnet nicht damit, dass die eine schwerkranke Frau ist, die keine Skrupel kennt, um das zu bekommen, was sie will.

Dem Drehbuch, der Regie und Dench gelang es, der Psychopathin Barbara sympathische Züge zu geben. Trotz ihrer Bösartigkeit empfindet man Mitleid mit der alten Frau, die die Einsamkeit und der Mangel an Zärtlichkeit und Liebe zu einer Hexe werden ließen.
     Blanchetts Figur ist ebenso bemitleidenswert, obwohl auch sie eine Täterin ist (sie missbraucht einen Schutzbefohlenen). Innerhalb ihrer Familie ist auch sie isoliert. Sie ist mit ihrem mehr als doppelt so alten Ehemann (der früher ihr Lehrer gewesen war) weder glücklich noch unglücklich, und ihre Kinder sind ihr merkwürdig fremd. Der Schüler, der sich für sie interessiert, ist für sie eine Art Fluchtweg — der leider ins Nichts (und am Ende in den Knast) führt.

Ein toller Film! Alles ist stimmig. Das fängt bei der Musik (Phil Glass) an, endet bei der Ausstattung, dem Schnitt, dem phantastischen Skript von Patrick Marber, den man getrost als einen der besten Dramatiker der Gegenwart bezeichnen kann. Vor allem aber ist Eyres Frauenportrait ein Schauspielerfilm. Neben Dench und Blanchett gibt Billy Nighy als Blanchetts Ehemann eine energiegeladene Vorstellung, und auch der junge Andrew Simpson als deren Liebhaber ist erstaunlich. Eyres Regie ist bescheiden. Alles ist darauf ausgerichtet, den Frauen und ihren Geschichten Platz zur Entfaltung zu geben. Der Film gewinnt dadurch fast minütlich neue Facetten dazu und wird mehr und mehr zur Zwiebel: bei mehrmaligem Anschauen kann man immer wieder eine Schicht abschälen, und man findet kein Ende.
     »Notes on a Scandal«, so düster und bedrückend er auch sein mag, bleibt für mich einer der aufregendsten Filme des Jahres 2007, und ist in gewisser Weise ein Gegenpol zu »Venus« (Regie: Roger Michell), dem ich mich hier bereits gewidmet habe.

André Schneider

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