Filmtipp #83: Die Gräfin von Hongkong

Die Gräfin von Hongkong

Originaltitel: A Countess from Hong Kong; Regie: Charles Chaplin; Drehbuch: Charles Chaplin; Kamera: Arthur Ibbetson; Musik: Charles Chaplin; Darsteller: Marlon Brando, Sophia Loren, Sydney Chaplin, Tippi Hedren, Margaret Rutherford. GB 1967.

A Countess from Hong Kong

Drei große Namen — Chaplin, Brando, Loren — weckten seinerzeit exorbitante Erwartungen, die dann bitter enttäuscht wurden. Ja, es sollte ein unvergessliches, ein gigantisches Filmereignis werden: Zehn Jahre nach seinem letzten Film (»A King in New York«, 1957) erzählte der inzwischen 76jährige Charlie Chaplin, das legendäre komische Genie der Stummfilmzeit, der ewige little tramp, der great dictator, im Beisein seiner Hauptdarstellerin in einer blitzlichtumwitterten Pressekonferenz der Weltpresse, dass er gerade seinen neuen, seinen vermutlich letzten Film vorbereite, eine romantische Komödie mit dem Sexsymbol aus Neapel und keinem geringeren als Marlon Brando als ihrem leading man. Der alte Mann versetzte die Journaille in helle Aufregung, die Werbemaschinerie lief schon vor Drehbeginn auf Hochtouren. Universal hatte dem Starregisseur alle Freiheiten, ein üppiges Budget (dreieinhalb Millionen Dollar) und die besten Drehbedingungen zugesichert. Gedreht wurde von Februar bis Mai 1966 in den Londoner Pinewood Studios, und der Produzent Jerome Epstein war bemüht, Chaplin jeden seiner Wünsche zu erfüllen. »A Countess from Hong Kong« sollte Chaplins erster Farbfilm werden, Arthur Ibbetson sorgte für die extrabreiten CinemaScope-Bilder, Bob Cartwright für die verschwenderischen Sets. Die Nebenrollen besetzte die Legende mit einigen der besten Komödianten Englands: Patrick Cargill sollte Brandos Butler spielen, Michael Medwin, Bill Nagy, Angela Scoular und Margaret Rutherford waren ebenso mit von der Partie wie sein Sohn Sydney, damals am Broadway erfolgreich, und seine Tochter Geraldine, deren Karriere dank David Leans spektakulärem »Doctor Zhivago« (1965) gerade am aufblühen war.
Das Drehbuch zu der Migrantenklamotte hatte Chaplin bereits 1931 an Bord eines Ozeandampfers geschrieben, in Gesellschaft von Jean Cocteau und in der Hoffnung, seine damalige Frau Paulette Goddard mit der Rolle der russischen Gräfin Natascha, die sich in der Schiffskabine eines US-Botschafters versteckt, um heimlich in die Vereinigten Staaten einzureisen, zu beglücken. Das mittlerweile 35 Jahre alte Skript wurde praktisch ohne Überarbeitung abgefilmt — und darin liegt die Krux des Ganzen. In Zeiten, da die »Bond«-Abenteuer für Furore sorgten, visionäre Filmemacher wie Michelangelo Antonioni (»Blow Up«, 1967) auf dem Vormarsch waren und fette Musicals wie »The Sound of Music« (Regie: Robert Wise) die Scharen ins Kino lockten, musste Chaplins charmant-behäbige, sentimental verkitschte Farce antiquiert und gestelzt wirken. Zudem hatte Chaplin allzu zahlreich seine eigenen Gags aus der silent era recycelt — nur wenige zündeten noch. Hinzu kommt noch, dass es allzu offensichtlich ist, dass Marlon Brando und die Loren einander nicht ausstehen konnten: »Du solltest dir mal die Nasenhaare stutzen«, soll der angewiderte Brando seiner Kollegin geraten haben, während sie eine Liebesszene probten. Die humorlose Diva quittierte sein Verhalten mit kühlem Gezicke ihrerseits. In seiner Autobiographie würdigte Brando die Loren mit keiner Silbe. Dass dem Paar jegliche Chemie abgeht, versenkt die »Love Boat«-Romantik frühzeitig und raubt der Geschichte ihre Glaubhaftigkeit.
Man muss es klar und deutlich sagen: »A Countess from Hong Kong« ist ein schlechter Film. Aber einer, der dank einiger schauspielerischer Glanzpunkte und einer gehörigen Portion Nostalgie dennoch Spaß machen kann.
Zum einen ist da der (leider viel zu kurze) Auftritt Margaret Rutherfords als bettlägerige Miss Gaulswallow, die mit Riechsalz und Teddybär in ihrer Kabine die Krankenschwester terrorisiert und von diversen Herren mit Sophia Loren verwechselt wird. Der zu Lebzeiten leider verkannte (homosexuelle) Patrick Cargill ist als treuer Butler Hudson, der zur Zwangsheirat mit der russischen Gräfin verdonnert wird, ein komödiantischer Höhepunkt. Die Szene, in der wir seinem Zubettgehritual zuschauen müssen, ist auch heute noch so witzig, dass man sich kugeln möchte. Charlie Chaplin ließ es sich nicht nehmen, in einem Gastauftritt den seekranken Chefsteward zu spielen, und er tut dies bravourös, mit einer beispiellosen Leichtigkeit. Gegen Ende des Films erscheint dann auch Tippi Hedren als Brandos snobistische Gattin, die dieser für die Loren verlässt. Die Hedren hat sichtlich Spaß an der Sache und spielt die beiden lustlos agierenden Hauptdarsteller mühelos an die Wand. Schade, dass ihre Rolle so winzig ist.

Chaplin, der während des Drehs seinen 77. Geburtstag feierte, genoss die Arbeit an diesem Film in vollen Zügen, erfreute sich bester Gesundheit und war gut gelaunt. Hedren und Loren erzählten später, wie fasziniert sie von seiner Agilität waren. Er pflegte, bei den Proben allen Schauspielern ihre Rollen vorzuspielen. Dann bat er sie, das Gezeigte en detail nachzuspielen, wenn die Kamera läuft. Chaplin erwartete von seinen Akteuren alles andere als Individualität und Charakterfestigkeit — was den method actor Brando, der die Schauspielerei damals noch als schöpferischen Prozess empfand, regelmäßig auf die Palme brachte. Von allen Schauspielern tat er sich am schwersten damit, Chaplin zu imitieren. Wie ein Hampelmann zappelt Brando in seiner Kabine herum, im Morgenrock und mit frühmorgendlichem Wuschelkopf, besorgt um seinen Ruf, als frisch ernannter amerikanischer Botschafter von Saudi-Arabien, verwirrt von der morgendlichen Frische, mit der die freche Gräfin (richtig: die Loren ist unter Chaplins Führung so ordinär und billig wie immer) sich in sein Leben drängt, weil sie unbedingt in die USA will. Die Stimmung ist gespannt, eine Mischung aus politischer und sexueller Erregung, die in Kontrast steht zu den gedämpften Farben im Salon der Luxussuite. Wenn der Türsummer schrillt, zucken sie zusammen, rumpeln mit einem abgewürgten »Huch!« aneinander, wieder auseinander, ab ins Schlafzimmer, ab ins Badezimmer, das sich nicht abschließen lässt, den Steward, Handwerker, Freund abwimmeln mit nervösen Ausreden, ein flottes Klopfzeichen vereinbaren, und immer wieder das aufgeschreckte Zusammenfahren, ab in den Schlafzimmerschrank, und schon kommen, beim Zwischenstopp in Tokio, die Vertreter der internationalen Presse rein, wollen Statements haben, was hat der Botschafter da für einen Schlafanzugsärmel in der Hand?
»Zu Anfang hatte Brando Angst vor einer komischen Rolle, eine Heidenangst vor Komik«, sagte Chaplin einem Interviewer, »aber ich habe zu ihm gesagt, er solle sich keine Sorgen machen, weil die Figur sowieso humorlos angelegt ist.«
Für viele seiner Fans ist Brandos Vorstellung als Millionär/Diplomat Ogden Mears die mit Abstand schlechteste seiner Laufbahn. Ja, selbst in »Night of the Following Day« (Regie: Hubert Cornfield, hier bereits beschrieben) war er besser. Die Kritiker, die damals mit Gusto jeden Brando-Film verrissen, fühlten sich vor den Kopf gestoßen. Chaplin, seinen Hauptdarsteller heldenhaft verteidigend, erklärte: »Sie haben sich so was Infantiles einfallen lassen wie ›Brando ist hölzern‹, aber genau das sollte er ja auch sein!«
»I can’t do that«, sagt Brando, als die Combo im Ballsaal des Luxusdampfers auf Südamerikanisches umschaltet. Konsterniert starrt er auf seine junge Tanzpartnerin (Angela Scoular), die ihre Sätze mit »My Daddy says…« einleitet und ihren Körper mit Leichtigkeit in jene aufreizend rhythmischen Bewegungen bringt, die den Sambaklängen angemessen sind.
»I wonder about the immortality of the soul«, sagt ein wenig später Geraldine Chaplin, während sie sich in Brandos Armen wiegt; es ist einer jener langsamen, unwiderstehlichen Walzer, wie Chaplin sie seit der Stummfilmzeit schrieb, in denen die Betrübnis steckt über die einsamen Kinder in aller Welt, die ihre alte Heimat verloren und den Zugang zur neuen Heimat nicht erlangt haben.
Der Film ist, soweit man das sagen kann, unfilmisch, theatralisch. Ibbetsons Bilder verharren meist in der Halbtotalen, es gibt einige Schwenks, auffallend wenig Schnitte, kaum Großaufnahmen. Alles ist behäbig, das Tempo wird nicht durch den Schnitt, sondern allein durch das Spiel der Akteure bestimmt. Chaplin, der den Tonfilm im Grunde genommen nie so recht akzeptiert hatte, kocht dialogtechnisch auch hier auf Sparflamme und verlässt sich auf das Altbewährte aus seiner Glanzzeit.

Als »A Countess from Hong Kong« — hier schrieb ich mal, was Ortsangaben im Titel im Regelfall zu bedeuten haben — Anfang 1967 Premiere hatte, waren sich die Kritiker einig, und es hagelte herbe Verrisse. Einige wohlwollende, mildere Stimmen gaben zu bedenken, dass Chaplin ja schon ein sehr alter Mann sei und man es ihm deswegen nicht allzu übel nehmen dürfe. Richtig böse indes ging man mit Brando um — der war seinerzeit allerdings schon daran gewöhnt. Kommerziell war Chaplins Schwanengesang ebenfalls ein Reinfall. Durch die schlechten Kritiken abgeschreckt, blieb das Publikum den Kinos weitestgehend fern.
Auch heute noch wird böse über den Film geschimpft, viele Rezensenten ergötzen sich an der eigenen Häme und kotzen sich über diesen ach so miesen Film aus. Gerne wird dabei der altbackene Charme übersehen, das nostalgische Flair des Ganzen — und seien wir mal ganz ehrlich: selbst ein schlechter Chaplin ist immer noch ein Chaplin. Ich persönlich habe den Film immer gemocht.

Die von Universal auf den Markt geworfene DVD ist übrigens eine Frechheit: Zunächst einmal wurde das wunderschöne Original-Format (CinemaScope, 2,35:1) kaputt gemacht — das Bild auf der DVD ist auf 1,85:1 formatiert! Außerdem — und das ist die eigentliche Unglaublichkeit — wurde »A Countess from Hong Kong« um satte 14 Minuten (!) gekürzt und teilweise sogar umgeschnitten, was in der deutschen Synchronisation den verstörenden Nebeneffekt hat, dass mehrere Figuren von zwei verschiedenen Sprechern synchronisiert wurden. (Unter anderem erwischte es auch zwei von Tippi Hedrens Szenen.) Man nahm einfach den Schlusssatz einer Szene und montierte ihn ein wenig früher ein. (Vermutlich, um den Film »zu straffen«.) Auch entstanden dadurch ärgerliche Anschlussfehler, die Chaplin niemals untergekommen wären. Im Fernsehen läuft — regelmäßig in der Vorweihnachtszeit —, die ungekürzte, sorgfältig synchronisierte Originalfassung, die der DVD-Version in jedem Falle vorzuziehen ist.

André Schneider

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