Filmtipp #297: Teufelskreis Y

Teufelskreis Y

Originaltitel: Twisted Nerve; Regie: Roy Boulting; Drehbuch: Leo Marks, Roy Boulting, Roger Marshall, Jeremy Scott; Kamera: Harry Waxman; Musik: Bernard Herrmann; Darsteller: Hayley Mills, Hywel Bennett, Billie Whitelaw, Barry Foster, Frank Finlay. GB 1968.

twisted nerve

»Twisted Nerve« gilt in Deutschland gemeinhin immer noch als eine Art Geheimtipp; nach seiner wenig erfolgreichen Kinoauswertung im Jahre 1970 wurde der Streifen erst 42 Jahre später aus der Versenkung geholt und als DVD auf den Markt gebracht. Vielerorts wird er als spekulatives B-Movie geschmäht, obschon er viele prominente Fans hat: Quentin Tarantino beispielsweise bediente sich Bernard Herrmanns eindringlicher Titelmusik (in »Kill Bill«), und Alfred Hitchcock war so begeistert von dem Film, dass er gleich zwei der Nebendarsteller — Billie Whitelaw und Barry Foster (Maurice) — für Frenzy verpflichtete. (Whitelaw wurde für ihr Spiel in »Twisted Nerve« mit einem BAFTA ausgezeichnet.)

Mrs. Durnley (Phyllis Calvert) schob ihren am Down-Syndrom leidenden ersten Sohn in ein Heim ab und widmete sich mit ganzer Hingabe ihrem Zweitgeborenen: Martin (Bennett) wird trotz seiner 22 Jahre immer noch wie ein kleiner Junge behandelt, während sein Stiefvater (Finlay) ihn piesackt und malträtiert. In der Spielzeugabteilung eines Londoner Warenhauses wird Martin beim Ladendiebstahl erwischt, kommt jedoch glimpflich davon, da er sich — ausgesprochen glaubhaft — schwachsinnig stellt. Hier lernt er die ebenso hübsche wie gutmütige Susan (Mills) kennen, der er als geistig zurückgebliebener »Georgie« gerne näher kommen möchte. Als ihn sein Stiefvater nach einem Krach des Hauses verweist, quartiert sich Martin bei Susan und ihrer Mutter (Whitelaw) ein, um a) die Ermordung seines Stiefvaters zu planen und b) der angebeteten Susan erotische Avancen zu machen. Seine Annäherungsversuche werden von Susan jedoch brüsk zurückgewiesen, was den jungen Mann regelrecht rasend macht…

Seit den späten 1930ern hatten sich die Boulting-Brüder Roy (1913-2001) und John (1913-1985) durch eine Reihe qualitativ recht hochwertiger Streifen in unterschiedlichen Genres einen guten Namen gemacht. »Twisted Nerve« war die bereits 18. Produktion der kreativen Zwillingsbrüder, die sich als Autoren, Produzenten, Cutter und Regisseure betätigten und vor allem in den 1950ern und 1960ern einige (zumindest in England) sehr erfolgreiche Werke auf die Leinwand brachten. Der unverkennbar an Hitchcocks Arbeiten angelehnte Thriller ist ganz auf seine Hauptdarsteller Hywel Bennett und Hayley Mills (That Darn Cat!) zugeschnitten. Mills war während der Dreharbeiten bereits die Freundin des 33 Jahre älteren Regisseurs, der kurz darauf seine (dritte) Ehefrau Enid Munnik verließ und Mills später auch heiratete. Hayley Mills versuchte unter der Ägide ihres Lebensgefährten, das lästige Disney-Kinderstar-Image abzuschütteln. Bereits in »The Family Way« (1966) hatte sich die damals 20jährige vor der Kamera ausgezogen; mit »Twisted Nerve« und dem spröde-provokanten Take a Girl Like You wagte sie den endgültigen Sprung in erwachsene Charakterrollen.
Der Großteil der Innenaufnahmen fanden im Hause der Mills-Familie in Twickenham statt, was dem Film eine authentische, beschauliche und auch angenehm ruhige Atmosphäre verschafft. Der Film verströmt eine gemütliche Behaglichkeit, in der das Grauen sich wie ein schwarzer Schatten entfaltet. Das Drehbuch baut den Spannungsbogen spiralenförmig auf und erlaubt sämtlichen Figuren eine glaubwürdig-vielschichtige Entwicklung. Von den kruden pseudowissenschaftlichen Thesen, die verquere Verbindungen zwischen dem Down-Syndrom und krankhaft gewalttätigem psychotischen Fehlverhalten suggerieren, distanziert sich die Produktion bereits im Vorspann. Abgesehen davon jedoch ist Roy Boulting ein wirklich erstklassiger, präzise ausgefeilter Psychothriller gelungen, der durchweg überzeugt und die Spannung bis zum atemberaubenden Finale hält.
Bei allem Lob für Roy Boulting und sein Team darf Hywel Bennett nicht vergessen werden, der als Martin/»Georgie« voll und ganz in seiner Rolle aufgeht. Man fühlt sich an Nicholas Clay in The Night Digger oder an Albert Finney in Night Must Fall erinnert, die auch »nette« Psychopathen in von Frauen bewohnten Häuslein spielten. Bennett wechselt blitzschnell vom gesunden Mann zum zurückgebliebenen Jungen und wieder zurück. Er ist ein Geisteskranker aus dem Bilderbuch, wobei es offen gelassen wird, ob er wirklich schizophren ist oder einfach nur gewitzt. Er geht gezielt und überlegt vor, wobei ihn der romantisch-emotionale Faktor (Susan) immer wieder aus der Bahn wirft.
Mit diesem Filmtipp gratuliere ich Hayley Mills zu ihrem 70. Geburtstag.

André Schneider

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4 thoughts on “Filmtipp #297: Teufelskreis Y

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