Filmtipp #107: 23 Schritte zum Abgrund

23 Schritte zum Abgrund

Originaltitel: 23 Paces to Baker Street; Regie: Henry Hathaway; Drehbuch: Nigel Balchin; Kamera: Milton Krasner; Musik: Leigh Harline; Darsteller: Van Johnson, Vera Miles, Cecil Parker, Patricia Laffan, Estelle Winwood. USA 1956.

23 paces to baker street

»23 Paces to Baker Street« ist einer der Filme, zu denen ich mein ganzes (Cineasten-)Leben lang schon eine ganz besondere Verbindung habe. Dabei habe ich ihn nur ein einziges Mal gesehen, als Kind oder Jugendlicher, als das Fernsehen ihn brachte. Aus irgendeinem Grund hatte ich ihn damals nicht aufzeichnen können, und da er (meines Wissens) nie wiederholt wurde und weder auf Video noch auf DVD erhältlich war, war es bei diesem ersten Eindruck geblieben. Dieser jedoch war so prägnant, dass mir der Film über 20 Jahre nie ganz aus dem Sinn ging. In Paris fiel mir vor zwei Wochen zufällig — frisch erschienen — die DVD in die Hände: restauriert in Bild und Ton, in jenen satten, farbigen CinemaScope-Bildern, die mich als Kind so beeindruckt hatten. Ein kleiner Edelstein, dieser Film.
     Henry Hathaway war ein emsiger Vertragsregisseur bei 20th Centry Fox. Insgesamt umfasst seine Filmographie 66 Werke; es gab Jahre, in denen er vier hintereinander drehte. In jedem Genre versiert, schnell und stilsicher lieferte er dem Studio einen Erfolgsfilm nach dem anderen. Nie wurden seine Verdienste gewürdigt, kaum jemand kennt heute noch seinen Namen, obwohl er gute, namhafte Klassiker inszenierte: in »Niagara« (1953) hatte er Marilyn Monroe ihre erste große Chance in einer Hauptrolle gegeben, sein Western »Garden of Evil« (1954) mit Gary Cooper und Susan Hayward ist einer der außergewöhnlichsten Vertreter seiner Gattung, und »The Sons of Katie Elder« (1965) wurde einer der Karrierehöhepunkte seines Hauptdarstellers John Wayne. Hildegard Knef nannte Hathaway noch 50 Jahre später einen »blendenden Regisseur«; sie hatte mit ihm und Tyrone Power den Spionagethriller »Diplomatic Courier« (1952) gemacht. 1936 erhielt er seine einzige Oscarnominierung für »The Lives of a Bengal Lancer«.
     In »23 Paces to Baker Street«, der in Aufbau und Stil an die besten Hitchcock-Thriller erinnert, spielen Van Johnson und Vera Miles die Hauptrollen. Johnson war ein fabelhafter und gut beschäftigter Schauspieler, der aus irgendwelchen Gründen nie ein Star geworden war, und die schöne Vera Miles, die in ihrem Auftreten stark an Grace Kelly erinnerte, sabotierte ihre Karriere durch eine Schwangerschaft im falschen Moment: von Hitchcock entdeckt und gefördert, sollte sie die Hauptrolle in »Vertigo« (1958) übernehmen und damit zu einer seiner unsterblichen Blondinen werden. Die Kostüme waren bereits geschneidert, die Produktion marschierte in Riesenschritten voran, als die Miles wegen Schwangerschaft aussteigen musste. Hitchcock hatte ihr nie verziehen, dass er a) Kim Novak die Hauptrolle geben musste (bekanntermaßen war er alles andere als zufrieden mit ihrer Darstellung) und b) umsonst sehr viel Geld in den Aufbau von Miles’ Karriere investiert hatte. In »Psycho« (1960) gab er ihr zwar noch die blass angelegte Nebenrolle als Janet Leighs Schwester, das tat er allerdings nur, weil sie bei ihm unter Vertrag stand und er sie ohnehin wöchentlich bezahlen musste. In seinem übergangenen Meisterwerk »The Wrong Man« (1957) hatte sie eine unvergessliche Darstellung abgeliefert, und auch in den Western von John Ford machte Vera Miles eine gute Figur. Obwohl sie in rund 160 Kino- und Fernsehproduktionen vor der Kamera gestanden hatte, war auch ihr der Absprung zum Star nie ganz geglückt. 1995 setzte sie sich im Alter von 66 Jahren zur Ruhe und lebt heute in der Nähe von Los Angeles. 

Kurz zur Story: Philip Hannon (Johnson), ein Amerikaner in London, ist Schriftsteller und blind. Mit seinem Sekretär (Cecil Parker, Ladykillers) lebt er in einem Penthouse und schreibt hauptsächlich fürs Radio. Durch Zufall wird er in einem Pub Ohrenzeuge eines Entführungs- und Mordkomplotts. Die Polizei schenkt seiner Geschichte keinen Glauben, so dass er, unterstützt von seiner Ex-Verlobten Jean (Miles), auf eigene Faust ermittelt. Trotz seines Handicaps bringt er Licht in das Dunkel des Verbrechens — und sich in allerhöchste Lebensgefahr…
     Hathaway inszenierte »23 Paces to Baker Street« ausgesprochen souverän und einfühlsam und versteht es, den Zuschauer in die dunkle Welt eines Blinden zu versetzen. Diese ungewöhnliche Perspektive, verbunden mit brillanten Aufnahmen im nebligen London der fünfziger Jahre, verhilft dem Kriminalfilm mit psychologischem Hintergrund zu bemerkenswert zeitloser Spannung; das haarsträubende Finale erinnert ein wenig an »Rear Window« (Regie: Alfred Hichcock). Neben dem brillant agierenden Hauptdarsteller-Trio sind noch einige der besten englischen Charakterdarsteller in Nebenrollen zu sehen: die rüstige Estelle Winwood ist als liebenswerte Bardame mit von der Partie, und Patricia Laffan, Isobel Elsom, Terence de Marney sowie Maurice Denham geben sich in weiteren Rollen ein Stelldichein.

André Schneider

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