Filmtipp #220: Die Nacht des Jägers

Die Nacht des Jägers

Originaltitel: The Night of the Hunter; Regie: Charles Laughton; Drehbuch: James Agee; Kamera: Stanley Cortez; Musik: Walter Schumann; Darsteller: Robert Mitchum, Shelley Winters, Lillian Gish, James Gleason, Evelyn Warden. USA 1955.

The Night of the Hunter

Heute kommen einem die Tränen, wenn man daran denkt, dass Charles Laughton, seines Zeichens ein hervorragender Charakterdarsteller, nur dieses eine Filmwerk als Regisseur gedreht hat, aber 1955 blieb »The Night of the Hunter« an der Kinokasse weit hinter den Erwartungen zurück, die Laughton in den Streifen gesetzt hatte, so dass er an weiteren Regieaufträgen angesichts des sich einstellenden Misserfolgs nicht weiter interessiert war. Heute gehört »The Night of the Hunter« zu den Klassikern des film noir, und auf der IMDb ist er als einer der 250 besten Filme aller Zeiten gelistet.
     Robert Mitchum (Cape Fear) ist hier als wahnsinniger Wanderprediger, der die Worte LOVE und HATE auf seine Finger tätowiert hat, zu sehen. Sein Name ist Harry Powell. Von dem zum Tode verurteilten Ben Harper (Peter Graves) erfährt er, dass dieser irgendwo bei seiner Familie die 10.000 Dollar, die er bei einem Raubmord erbeutet hatte, versteckt hat. Nach Harpers Hinrichtung und seiner eigenen Entlassung sucht Harry die Familie seines Zellengenossen auf. Es gelingt ihm, das Vertrauen von Bens Witwe Willa (Winters, Tentacoli) zu erschleichen und sie zu heiraten. Die kleinen Kinder John (Billy Chapin) und Pearl (Sally Jane Bruce) allerdings durchschauen die finsteren Absichten des falschen Predigers. Als Harry erkennt, dass nur die Kinder das Versteck des Geldes kennen, nimmt der Alptraum seinen Lauf. Zunächst ermordet der Priester die Mutter der Kinder, um dann aus ihnen herauszupressen, wo sich das Geld befindet. In einer dramatischen Szenenfolge gelingt es John und Pearl, auf einem kleinen Boot flussabwärts zu fliehen. Bei der gutmütigen Rachel Cooper (Gish) finden sie ein liebevolles Zuhause, doch es dauert nicht lange, bis Harry ihre Spur aufgenommen hat…

Charles Laughton bezeichnete seinen ungewöhnlichen Thriller als alptraumhaftes Märchen, und in der Tat finden sich viele Elemente aus dem Kinderfilm und dem Phantastischen Kino darin. Besonders die Flussfahrt fasziniert durch ihre bewusst künstlich eingesetzten Bilder von Idylle und Behaglichkeit, die immer wieder mit dem Grauen konfrontiert werden. Die bedrückende Atmosphäre von kindlicher Hilflosigkeit und Verlassenheit findet ihr äußeres Pendant in dem zeitlichen Hintergrund der Handlung, den Laughton sinnigerweise in die Jahre der amerikanischen Wirtschaftsdepression verlegt hat. Zusätzlich gespeist wird diese Intention durch die surreale, oft expressionistische Kameraarbeit von Stanley Cortez, für dessen perfekte Ausleuchtung und Schattenspielereien eindeutig die großen deutschen Stummfilmwerke eines Fritz Lang oder Murnau als Vorbild dienten. Die beeindruckendsten Szenenfolgen entstanden komplett unter kontrollierten Verhältnissen im Studio. So wurde auch die Flussfahrt der Kinder in einem Wassertank gedreht. In der genialen Sequenz, in der durch ein geöffnetes Stallfenster der Wanderprediger auf seinem Pferd als Silhouette in der Ferne sichtbar wird, wurde Robert Mitchum von einem Liliputaner auf einem Pony gedoubelt, um das gewünschte Größenverhältnis zu erreichen.

André Schneider

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10 thoughts on “Filmtipp #220: Die Nacht des Jägers

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