Filmtipp #101 & #102: Mister Kingstreet’s War & The Harrad Experiment

Tippi Hedren ist die einzige Schauspielerin, die sowohl mit Alfred Hitchcock als auch mit Charlie Chaplin gearbeitet hat — und trotzdem hatte sie ziemliches Pech. Ihr Entdecker hatte sie mit »The Birds« (1963) zum Star gemacht und sie anschließend als Marnie in dem gleichnamigen Psychodrama besetzt, das damals ein Flop war und heute noch zu seinen umstrittensten Arbeiten gehört. Marnie war noch nicht ganz abgedreht, als Hitchcock und Hedren sich zerstritten — mit dem Resultat, dass er ihre Karriere, die er mit Eifer und Hingabe aufgebaut hatte, zerstörte. Anfang 1966, Hedren hatte bereits gut zwei Jahre nicht mehr gearbeitet und somit ihre Chance auf eine Weltkarriere verpasst, verkaufte er ihren Exklusiv-Vertrag an Universal. Nachdem sie unter Chaplins Regie die undankbare Nebenrolle von Marlon Brandos kühl-arroganter Gattin in A Countess from Hong Kong gespielt hatte, lief ihr Vertrag aus, und sie fand sich als freelancer wieder. Ihr damaliger Ehemann und Manager Noel Marshall tat sein Bestes, um seine Frau zu vermitteln; ab 1970 fungierte er sogar als Produzent einiger ihrer Filme.
     Der erste Film, den sie nach ihrer Universal-Zeit machte, war die B-Produktion »Tiger by the Tail« (Regie: R. G. Springsteen, mit Christopher George). Dann, 1969, drehte sie in Südafrika »Satan’s Harvest« (Regie und Hauptrolle: George Montgomery), einen undenkbar lahmen Drogen-Krimi, der den absoluten Tiefpunkt ihres Schaffens bildete. (»A rather forgettable movie«, gab sie in ihrer Autobiographie zu. Und, nicht zu vergessen: »On occasion I took roles for the foreign travel involved.«) Ihre beiden folgenden Filme, 1970 und 1972 entstanden, möchte ich Euch heute anlässlich ihres 83. Geburtstages vorstellen. Der Ehrlichkeit halber muss erwähnt werden, dass es sich um keine guten Filme handelt: Der erste, wie »Satan’s Harvest« eine südafrikanische Produktion, ist der beherzte Versuch, mit bescheidenen Mitteln das Afrika des Zweiten Weltkrieges zu portraitieren, der zweite ist ein Kuriosum aus der Reihe »Schlechte Filme, die Spaß machen«. Leider liefen beide Filme nie in Deutschland, so dass sie nur via Import erhältlich sind.
     Kleine Anmerkung am Rande: Zu »Mr. Kingstreet’s War« ließ sich leider kein Plakat oder wenigstens ein Pressefoto finden, daher habe ich das DVD-Cover für Euch hochgeladen.

Mister Kingstreet’s War

Originaltitel: Mister Kingstreet’s War; Regie: Percival Rubens; Drehbuch: George Harding, Percival Rubens; Kamera: Grenville Middleton; Musik: Harry Sukman; Darsteller: John Saxon, Tippi Hedren, Rossano Brazzi, Brian O’Shaugnessy, Kerry Jordan. Südafrika 1970.

mr kingstreet's war

Zwischen 1964 und 1991 konnte der in Krugersdorp geborene und in Johannesburg aufgewachsene Percival Rubens ein gutes Dutzend mehr oder weniger aufregender Action-Filme machen, und nur drei von ihnen schafften es überhaupt nach Deutschland: VHS-Kopien von »The Long Red Shadow« (1968), »The Demon« (1981) und »Survival Zone« (1983) verstaubten eine zeitlang in den Regalen hiesiger Videotheken. Sein vierter Spielfilm war »Mr. Kingstreet’s War«, den er Anfang 1970 in Südrhodesien (dem heutigen Zimbabwe) drehte. In jeder Hinsicht eher interessant als gelungen, war dem Streifen kein Erfolg beschieden. Nach einer relativ kurzen Spielzeit in Südafrika — die Premiere fand am 1. Februar 1971 in Durban statt — brachte der unabhängige US-Verleih Gold Key Entertainment Rubens Werk (unter dem reißerischen Titel »Heroes Die Hard«) in den Staaten heraus, Anfang der Achtziger lief er dann einige Male im US-Fernsehen und kam in Großbritannien und Australien als Videokassette in den Verleih. 2012 erschien »Mr. Kingstreet’s War« in ausgesprochen guter Bild- und Tonqualität auf DVD, so dass man diese ungewöhnliche Perle etwas genauer betrachten kann.
     Die Geschichte, die Rubens und sein Co-Autor George Harding hier erzählen, spielt in einem filmisch nur selten erfassten Rahmen: Zentralafrika im Jahre 1939. James Kingstreet (Saxon) hat sich mit seiner Frau Mary (Hedren) zwischen dem von Italien okkupierten Abessinien und dem britisch regierten Kenia niedergelassen, um ein wenig Ruhe und Frieden zu finden. Aus nächster Nähe hatte er die gewaltsam-sinnlosen Kämpfe des Spanischen Bürgerkrieges miterlebt, jetzt ist er Pazifist und beschützt mit Leib und Seele bedrohte Tiere vor den Gewehren der Großwildjäger. Einer davon ist ausgerechnet sein eigener Bruder: Morgan (O’Shaugnessy) ist ein einäugiger, übellaunischer und kampflustiger Dreckskerl. Als wäre der Familienzwist noch nicht aufreibend genug, bricht auch noch der Zweite Weltkrieg aus. Plötzlich stehen die Kingstreets zwischen den Fronten und müssen ihr Grundstück sowohl gegen die einfallenden Italiener, als auch gegen die Briten verteidigen — ein ungleicher Kampf mit tödlichem Ausgang.
     Den Co-Produzenten Noel Marshall und Andrew Shoredits gelang es, den charismatischen Rossano Brazzi für die Rolle des faschistischen Majors Bernadelli zu verpflichten, und mit dem Showdown am Windrad, wenn die Kingstreets von den Kugeln der Invasoren zerfetzt werden, hat Rubens eine wirklich packende Sequenz — in Zeitlupe, mit der Nerven zermalmenden Musik Harry Sukmans sowie hart dröhnenden sound effects unterlegt — geschaffen, die man nur schwer verdauen und niemals wieder vergessen kann.

The Harrad Experiment

Originaltitel: The Harrad Experiment; Regie: Ted Post; Drehbuch: Michael Werner, Ted Cassidy; Kamera: Richard H. Kline; Musik: Artie Butler; Darsteller: James Whitmore, Tippi Hedren, Don Johnson, Bruno Kirby, Laurie Walters. USA 1973.

The Harrad Experiment

»The Harrad Experiment« ist eher berüchtigt als berühmt; ein spekulativer Softporno mit sozialpolitischem Anspruch, der sich leicht verspätet die Ideale der Hippie-Ära auf die Fahne kritzelte und zwischen possierlich anzuschauenden Yoga-Übungen im Wald und FKK-Schwimmstunden die Problematiken von Monogamie und freier Liebe zu erläutern suchte. Streckenweise ist dies ganz unterhaltsam, wir sehen ein wenig nackte Haut — der blutjunge Don Johnson hatte sichtlich Spaß an seiner Sexobjekt-Rolle — und können uns an einer Fülle unfreiwillig komischer Szenen erfreuen. Und wenn man ganz genau hinguckt, kann man sogar einen Blick auf die damals 14jährige Melanie Griffith (as Statistin) erhaschen. Die hatte ihre Mutter bei den Dreharbeiten im sonnigen Pasadena besuchen wollen und verliebte sich Hals über Kopf in deren aparten Co-Star, was der Hedren gleichwohl missfiel.

Der Roman von Robert H. Rimmer (was für ein Name! Ich höre schon die eine oder andere Jungschwuppe aufjuchzen!) war ein respektabler Bestseller gewesen, so dass die Zeichen für eine Verfilmung günstig standen, als Noel Marshall die Rechte an dem Schmöker erwarb. Ab März 1972 wurde gedreht, die Spielleitung übernahm ein guter Freund des Produzenten, »Magnum Force«-Regisseur Ted Post. Worum es sich bei dem Titel gebenden Experiment handelt? Nun, James Whitmore, der einst James Dean Schauspielunterricht gab, und Tippi Hedren spielen Philip und Margaret Tenhausen, die als Soziologieprofessorenehepaar ein College leiten, in dem die Studenten dazu angehalten werden, ihre Sexualität zu erforschen — rein wissenschaftlich natürlich. Anstatt geschlechtsgetrennter Schlafsäle gibt es im Harrad College kommode Doppelzimmer, in denen die Studenten — auch das ist Teil des Experiments — paarweise untergebracht werden, immer Männlein und Weiblein, die vom Lehrkörper dazu ermutigt werden, sich sexuell aufeinander einzulassen, um das traditionelle Konzept der Monogamie abzulegen. Im Zentrum des Films stehen der sexbesessene Stanley (Johnson) und die superschüchterne Sheila (Laurie Walters) sowie der unsichere Harry (Kirby) und die emanzipierte Beth (Victoria Thompson). Anfänglich haben die Tenhausens Spaß an den Spannungen, die sich bald zwischen den Studenten ergeben, doch dann bricht Stanley einige Hausregeln, und es kommt zu Eifersüchteleien und Tränen: »Stanley, real people make love with their minds and their understanding, not just their bodies!«, klärt Tippi Hedren, die sich im Garten der Bildungsanstalt ihrer Kleidung entledigt hat, den perplexen Don Johnson, der sie gerade lüstern besteigen wollte, auf.
     Gleich zu Beginn, nachdem sich die schwere Eisentür zum Harrad College geöffnet hat, macht Sheila einen Waldspaziergang und umarmt versonnen einen Baum. Dass man das im wahren Leben viel zu selten macht, ist eine Sache. Dass es so selten auf der Leinwand zu sehen ist, ist herzerschütternd! Laurie Walters hat in ihren Szenen etwas von der somnambulen Gelassenheit Hanna Schygullas. Die überhaupt nicht zu den Bildern passende, weil überdramatische Musik Artie Butlers macht »The Harrad Experiment« zu einem Kleinod absurdesten Theaters. Am Ende singt Don Johnson »It’s Not Over«, und er singt gut.
     Eine meiner Lieblingsszenen neben Laurie Walters’ Baumumarmung ist das Federball-Match, wenn Whitmore und Walters gegen Hedren und Johnson spielen und Hedren dabei formvollendet stürzt: Lacher! Ein Traumdialog: »You don’t need to lose any weight!« — »Neither do you!«, gefolgt von heißem Geknutsche: Lacher! Die Konversation übers Briefmarkensammeln, verschnitten mit wildestem Rumgemache: Lacher!
     Die Mode, die Frisuren, die Ausstattung, die Songs: alles unschätzbare Pluspunkte für einen Film, mit dem der Zahn der Zeit nicht allzu freundlich umgegangen ist.

Monetär war »The Harrad Experiment« ein gutes Geschäft, er machte ein Plus von über drei Millionen Dollar. Für Tippi Hedren sollte es der letzte Erfolgsfilm für viele Jahre werden; erst der 1990 entstandene »Pacific Heights« (Regie: John Schlesinger) — eine Hitchcock-Hommage mit ihrer Tochter und Matthew Modine —, in dem sie Michael Keatons reiche Geliebte spielte, war wieder ein Hit.
     Von »The Harrad Experiment« gibt es –zig verschiedene Schnittfassungen. Der momentan in England auf DVD erhältlichen Version fehlen ganze sieben Minuten. Erwischt hat es natürlich hauptsächlich die frontal nudity, was im Falle von Don Johnson zu bedauern und im Falle von Bruno Kirby zu begrüßen ist. Leider hat die Schere auch einige plot points kaputt gemacht, so dass die Handlung teilweise nicht mehr so gut nachvollziehbar ist.

André Schneider

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