Filmtipp #511: Die Frauen

Die Frauen

Originaltitel: The Women; Regie: George Cukor; Drehbuch: Anita Loos, Jane Murfin; Kamera: Oliver T. Marsh, Joseph Ruttenberg; Musik: David Snell, Edward Ward; Darsteller: Norma Shearer, Joan Crawford, Rosalind Russell, Mary Boland, Paulette Goddard. USA 1939.

The Women

135 hysterische Frauen und kein einziger Mann toben in einem ständigen Hin und Her über die Leinwand, tratschen, tuscheln, lassen sich die Haare ondulieren, führen groteske Hüte aus und sind stets bemüht, das traute Glück der anderen — und sei es das der besten Freundin — durch Indiskretionen und Intrigen schadenfreudig zu ruinieren: »›The Women‹ zu drehen war, wie der Zirkusdirektor von einem Zirkus mit drei Manegen zu sein«, umschrieb Regisseur George Cukor die Dreharbeiten zu seinem Geniestreich.
Im Zentrum des Geschehens steht Mary Haines (Shearer), glücklich mit Stephen verheiratet und Mitglied der gehobenen Gesellschaft, die zum Opfer ihrer Freundinnen wird: kultivierte Damen, die sich in eleganter Garderobe zu schicken Plauderstündchen auf Long Island treffen, um sich die Langeweile ihres Ehefrauen-Daseins zu vertreiben. Sie alle wissen durch gemeinsames Konsultieren derselben plappermäuligen Maniküre (Dennie Moore), dass der gute Stephen seine Gattin betrügt — nur Mary ist ahnungslos, bis auch sie bei einem Termin bei der Kosmetikerin mit der abscheulichen Wahrheit konfrontiert wird: die ordinäre Parfüm-Verkäuferin Crystal Allen (brillant boshaft: Crawford) hat sich den Familienvater gekrallt und hofft, durch die Affäre in die besseren Kreise aufzusteigen. Mary denkt nicht im Traum daran, sich geschlagen zu geben und sinnt auf bittersüße Rache. Der geneigte Zuschauer wird in der Folge nun Zeuge, wie messerscharfe verbale Kriegsführung funktioniert. Über spitzzüngige Wortgefechte, gesellschaftliche Demütigungen, viele vergossene Tränen, Affären, Scheidungen und hysterische Ausbrüche hinweg gelingt es Mary Haines, sich ihren Gatten zurückzuerobern und die emporgekommene Verkäuferin wieder an ihren Ladentisch zurückzukomplimentieren.

Das rasante Lustspiel von Clare Booth Luce hatte es in der Saison 1936/1937 auf sage und schreibe 666 Vorstellungen am Broadway gebracht, als es als potentielles Vehikel für Claudette Colbert gekauft wurde. Ende 1938 gingen die Rechte an MGM, die den Stoff mit Norma Shearer und Ilka Chase verfilmen wollte. Zunächst sollte Clarence Brown die Regie übernehmen. Die erste Drehbuchfassung, die Clare Booth Luce gemeinsam mit Jane Murfin verfasst hatte, war den Zensurbehörden nicht »sauber« genug. Man beanstandete die zu frivolen und sexuell zweideutigen Dialoge, so dass die Bühnenautorin gefeuert wurde. Am Ende holte man Anna Loos mit ins Boot, die schließlich die Endfassung schrieb. Clarence Brown wurde durch Cukor ersetzt, der sein Engagement als Genugtuung empfand, war er doch gerade von David O. Selznick als Regisseur von »Gone With the Wind« (Regie: Victor Fleming) entfernt worden.
Die Besetzung der insgesamt 135 Sprechrollen erwies sich als nicht ganz einfach. Am Ende spielte praktisch jede Schauspielerin auf MGMs Gehaltsliste mit — Greta Garbo und Myrna Loy waren die einzigen Ausnahmen. Dass Joan Crawford sich bereit erklärte, ausgerechnet neben ihrer Erzrivalin Norma Shearer die vergleichsweise kleine Rolle der Crystal zu übernehmen, sorgte für allgemeine Verwunderung. Die letzten Filme der Shearer hatten Verluste in Millionenhöhe für das Studio bedeutet. Dank ererbter Firmenanteile — ihr Ehemann Irving Thalberg war 1936 im Alter von nur 37 Jahren verstorben — galt sie immer noch als mächtiger Star, aber es stand einiges für sie auf dem Spiel. Sie und Crawford stritten während des Drehs lautstark um jede Dialogzeile und jede Großaufnahme. Siegerin des Zwistes war am Ende Rosalind Russell, die den beiden Diven vor der Kamera die Schau stahl. Ebenfalls glänzend: Joan Fontaine, Paulette Goddard, Butterfly McQueen, Lucile Watson, Marjorie Main, Virginia Grey, Hedda Hopper und Phyllis Povah. (Übrigens: selbst die Hunde im Film sind ausnahmslos weiblich.) — Die Kostüme des MGM-Designers Adrian sind natürlich eine Wucht. Um das Sammelsurium schrillster Roben und Röcke adäquat in Szene zu setzen, wurden die extravaganten Kreationen in einer mehrminütigen Farbsequenz als Modenschau in den Film »eingeschoben«.

Die Kosten des Films lagen 1939 deutlich über dem üblichen MGM-Budget, und obwohl »The Women« sich zu einer der erfolgreichsten Produktionen des Jahres mauserte, musste das Studio aufgrund der hohen Investitionen einen Verlust von über 200.000 Dollar verzeichnen. In Deutschland lief »The Women« erst 1991 in den Kinos. — 1956 entstand eine Art Remake in Musical-Form, in welchem June Allyson, Joan Collins und Ann Sheridan die Hauptrollen spielten. Ein weiteres (unsägliches) Remake kam 2008 mit Meg Ryan, Annette Bening, Bette Midler, Carrie Fisher und Jada Pinkett Smith in die Kinos.

André Schneider

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s